Ob Till Lindemann oder Jérôme Boateng - nur zwei Namen, die durch Verdachtsberichterstattung Schlagzeilen machten. Doch was, wenn Medien urteilen und das Urteil in den Köpfen bleibt, selbst bei haltlosen Vorwürfen? Ist MeToo noch Gerechtigkeit - oder längst auch ein lukratives Geschäftsmodell?
"Es wurde wirklich Zeit, dass die Staatsanwaltschaft die Realität nach fünf Jahren endlich anerkennt. Jede, aber wirklich auch jede Ermittlungshandlung im Verlauf des Verfahrens hat belegt, dass Herr Boateng die Taten nicht begangen hat und gar nicht begangen haben kann. Die (…) erhobenen Vorwürfe gegen Herrn Boateng sind falsch. Wir haben das schon lange gewusst - jetzt hat das auch die Staatsanwaltschaft mit der Einstellung des Verfahrens bestätigt."
Diese Aussage stammt von Leonard Walischewski, dem Anwalt von Jérôme Boateng, und die Einstellung des Verfahrens gegen den Fußballer ist ein guter Grund, in der aktuellen Ausgabe der Promi-Kolumne über die Verdachtsberichterstattung in Sachen MeToo zu schreiben.
Eins vorab: Eine fundierte Verdachtsberichterstattung ist kein Pranger, sondern ein notwendiges Korrektiv der Demokratie, natürlich nur, wenn sie gut begründet ist und auf belastbaren Belegen fußt. Eine Verdachtsberichterstattung, die auf bloßem Geraune und haltlosen Behauptungen basiert, kann schnell zu Rufschädigung führen und Existenzen zerstören. Sie untergräbt die Glaubwürdigkeit der Medien. Und am Ende, das muss man so deutlich sagen, bleibt auch immer etwas hängen, selbst wenn Gerichte Urteile zugunsten der vermeintlichen "Täter" fällen, ganz im Sinne von: "Irgendwas wird da schon dran gewesen sein!"
Die "Wahrheit" hinter der Bezahlschranke
In den letzten Jahren haben einige Medien in Sachen Verdachtsberichterstattung eine gewisse Wandlung durchgemacht. Während früher gute und fundierte Recherchen als der heilige Gral des Journalismus galten, zählen heute nicht selten vor allem Klicks und Abos. Leider fragen sich meiner Meinung nach nicht sonderlich viele Menschen, was eigentlich passiert, wenn der Anspruch an Aufklärung dem Drang nach Sensation und Profit weicht?
Wenn das Aufdecken von vermeintlichen Missständen nicht mehr die treibende Kraft ist, sondern schlichtweg der Verkauf von Skandalen? Denn auch darum geht es, wenn wir über einige Methoden sprechen, die mittlerweile vor allem MeToo-Verdachtsberichterstattungen immer öfter prägen und die nicht selten das Leben von Menschen zerstören.
Lieber Leser, schauen wir uns dafür zwei prominente Namen an, die in den letzten Jahren regelmäßig in den Schlagzeilen standen und eine regelrechte Lawine an Verdachtsberichterstattung ausgelöst haben: Till Lindemann und Jérôme Boateng. Über diese Männer wurde und wird viel geschrieben, oft mehr als über die tatsächlichen Fakten. Schnell wurden sie vor allem im Netz ohne Urteile zu Tätern erklärt. Und was passiert, wenn die Medien Richter spielen, noch bevor ein Gericht überhaupt über Schuld oder Unschuld entschieden hat? Egal! Es wurde ja "recherchiert"!
Die Autoren dieser Berichte, es sind übrigens fast immer dieselben, wurden nicht nur gefeiert, sondern erhielten Journalistenpreise und sprachen in vielen Talkshows. Stolz kommentierten sie, dass ihre Artikel die meisten Abo-Abschlüsse des Jahres eingebracht hätten. Geht es hier wirklich um die Frauen, die mutmaßlichen Opfer? Und wie passt es zu dieser ach so wichtigen Aufklärungsmission, dass viele dieser MeToo-Artikel nur hinter einer Bezahlschranke lesbar waren und sind? Was soll das für ein Geschäft sein, wenn die Aufklärung von Missständen gleichzeitig Geld bringt?
Der Ruf des Mannes und der nächste Skandal
Meiner bescheidenen Meinung nach haben sich einige Medien nicht nur in ihrer Arbeitsweise verändert, sondern auch in ihrem Grundsatz: Geht es wirklich um die Wahrheitsfindung? Oder geht es um den nächsten Skandal, der Auflage und Abonnenten bringt?
Denn die Berichterstattung über diese prominenten Verdachtsmomente ist, wie ich finde, ein Paradebeispiel für den dramatischen Wandel im Journalismus. Der eigentliche Punkt - die Frage, ob jemand schuldig ist oder nicht - wird zunehmend nebensächlich, während die Sensation immer mehr in den Vordergrund rückt. "Täterschützer" ist, wer die Unschuldsvermutung anspricht.
Simon Bergmann, Anwalt von Till Lindemann, hat diese neue Form der Verdachtsberichterstattung einmal als reißerisch und sensationsheischend bezeichnet. Und er hat vollkommen recht. Was bleibt von der Wahrheit übrig, wenn Medien dem nächsten Klick hinterherjagen? Und was ist aus dem investigativen Journalismus geworden, wenn er nicht mehr die Fakten, sondern die Spekulationen als Grundlage nimmt? Fragen, die nicht gern gehört werden und die deshalb umso eindringlicher gestellt werden sollten!
Was passiert, wenn ein Mensch erst zum schuldig gesprochenen Verbrecher gemacht wird, bevor überhaupt ein Gericht über ihn urteilen konnte? Die Antwort ist erschreckend einfach: Der Ruf dieses Menschen bleibt auf ewig beschädigt. Unabhängig vom Ausgang eines Verfahrens. Die Berichterstattung ist längst weitergezogen und hat bereits den nächsten Skandal am Horizont entdeckt. So bleibt hängen, dass der eine sowieso ein "ganz mieses Schwein" sein soll, der andere ein "Frauenschläger", "Vergewaltiger" und hey, vielleicht ist der ja sogar ein "Mörder"!?
Auch im Fall von Jérôme Boateng drehte sich die Verdachtsberichterstattung vornehmlich rund um mutmaßliche Körperverletzung und Nötigung - ein riesiger medialer Aufreger. Manche Fälle, wie der von Boateng oder Rammstein, werden medial riesig, andere nahezu ignoriert.
Aber das lässt vermuten, dass es in erster Linie nicht um eine allgemeine Solidarität mit den Opfern geht - sondern um eine selektive öffentliche Empörung. Warum? Weil diese Promis der "perfekte" Feind sind? Wenn Medien Machtmissbrauch anprangern, aber selbst entscheiden, wessen Ruf sie ruinieren, dann IST das Missbrauch von Macht. Wer verteidigt dann jene, die fälschlicherweise beschuldigt werden? Oder sind das dann einfach "Kollateralschäden"?
Geschäftsmodell MeToo
Besonders erschreckend ist der Fall von Boatengs Ex-Freundin, Kasia Lenhardt, der in einem Podcast thematisiert wurde. In diesem Podcast wurden viele kritische Details ausgelassen, die die Vorwürfe gegen Boateng relativiert hätten. Warum? Weil sie nicht ins Narrativ passten?
Ein anderer, preisgekrönter MeToo-Podcast, der sich mit der sogenannten "Row Zero" der Band Rammstein beschäftigt, in dem es um Vorwürfe gegen Till Lindemann ging, ist mittlerweile in seiner Ursprungsversion nicht mehr verfügbar. Was wurde aus den Details, die darin behandelt wurden? Wer entscheidet, welche Informationen die Öffentlichkeit erreichen dürfen und welche nicht? Es sind Fragen, die unbeantwortet bleiben, während die mediale Maschinerie weiterläuft.
Doch die viel größere Frage lautet: Was bedeutet es für uns als Gesellschaft, wenn "MeToo" als Geschäftsmodell missbraucht wird? Wenn "MeToo" nicht mehr nur für Gerechtigkeit steht, sondern auch für Profit? Wenn die Aufklärung und die Wahrheit durch Klickzahlen und Abozahlen ersetzt werden?
Und was passiert mit dem Vertrauen in den Journalismus, wenn das Geschäft mit den Verdachtsmomenten zur neuen Normalität wird?
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