Frau Kracher, in der Netflix-Serie "Adolescence" geht es um einen Jungen, der sich als sogenannter Incel identifiziert, also als jemand, der unfreiwillig sexuell enthaltsam lebt. Er ist 13 Jahre alt und tötet aus Frauenhass seine Mitschülerin. Sie haben ein Buch über die Kultur der Incels geschrieben – ist der Hype um die Serie berechtigt?
Die Serie ist eine gute Warnung, weil sie zeigt, wie früh Online-Radikalisierung schon anfängt und dass die Gefahr, die davon ausgeht, nicht unterschätzt werden darf, weil sie zu Gewalt bis hin zu Femiziden führen kann. Und dass Frauenhass und Antifeminismus nicht von irgendwoher kommen, sondern fest in den patriarchalen Verhältnissen und unseren Beziehungsstrukturen eingegraben sind. Das sehen wir etwa an der Figur des Vaters: Der ist nicht in der Lage, Zuneigung adäquat zu zeigen. Am besten gefallen hat mir aber die dritte Folge, in der der Mörder Jamie mit einer Psychologin spricht. Da wurden die typischen Punkte in der Incel-Kultur sehr schön herausgepflückt.

Messermorde in UK In "Adolescence" mordet ein 13-Jähriger – das ist die Geschichte dahinter
Welche sind das denn?
Jamie schwankt zwischen Unsicherheit und Paranoia und hat dieses patriarchale Anspruchsdenken stark verinnerlicht: Incels glauben, dass Frauen ihnen Sex schulden. Und sie kompensieren männliche Unsicherheiten mit Dominanzgebaren. Deshalb plustert sich Jamie irgendwann vor der Psychologin auf und schreit sie an, will ihr Angst machen. Bezeichnend ist auch die Frage nach platonischen Freundschaften mit Frauen, denn das Frauenbild in diesen Kreisen ist extrem verachtend. Sie werden rein als Sexobjekte betrachtet, seien grundlegend schlechte Menschen, werden regelrecht dehumanisiert. Incels bezeichnen Frauen zum Beispiel als "Femoids" - das ist die Kurzform von "Female Androids".
Ihrem Buch ist ein entsprechendes Vokabelheft angefügt und auch in der Serie werden solche Begrifflichkeiten und dazugehörige Emojis erwähnt, etwa die "80/20"-Theorie. Was steckt dahinter?
Eine eigene Sprache, eigene Codes vermitteln zum einen ein Gefühl von Gemeinschaft: wir gegen die anderen. Und sie sind Ausdruck der Ideologie, die sich dahinter versteckt. Bei "Femoid" schwingt ja schon die Entwertung der Frauen mit, oder alle Menschen, die Sex haben, werden als "Sex Havers" bezeichnet – als sei das eine eigene Spezies. Man macht keinen Sport, sondern betreibt "Looksmaxxing" und so weiter. Die Incel-Bewegung ist ab Mitte der Nullerjahre als eine rein männliche digitale Subkultur entstanden. Der Hauptgedanke darin ist, dass unattraktive Männer durch den Feminismus systematisch diskriminiert werden, weil Frauen angeblich nur die Top 20 Prozent der Männer begehren, die sogenannten "Chads", die Alphas. Incels verabscheuen die Frauen dafür, dass sie selbst bestimmen, mit wem sie schlafen, und wollen sie dafür bestrafen. Daher die "80/20"-Theorie.

Woher kommt diese Idee?
Frauen wurde lange ihre berufliche und intellektuelle Emanzipation verwehrt, die patriarchale Gesellschaft hat Frauen vermittelt, dass sie ihr erotisches, jugendliches Kapital nutzen müssen, um sich eine gute Partie zu schnappen – weil sie selbst nie diese gute Partie sein durften. Also haben sich Frauen lange sozial nach oben orientiert beim Dating. Damit einher geht auch wieder das Anspruchsdenken: Frauen können nichts – außer attraktiv für Männer zu sein. Incels legen da einen Doppelstandard an. Sie wollen selbst am liebsten devote, jungfräuliche Frauen und werden wütend, wenn Frauen Männer mögen, die vermögend und 1,90 Meter groß sind. Letztlich können sie aber vor allem nicht sehen, dass es bei einer Beziehung um viel mehr geht, als um Äußeres. Geteilter Humor, geteilte Interessen, eine gemeinsame Wellenlänge, das passt alles nicht zu ihrem frauenfeindlichen Bild.
Jamie passt auf den ersten Blick gar nicht in diese Ecke. Er wirkt sehr kindlich und ist in einer stabilen, durchschnittlichen Familie aufgewachsen. Ist das realistisch?
Tatsächlich sind Incels eine sehr heterogene Gruppe, aber das Alter ist durchaus realistisch, denn dann fängt die Radikalisierung im Netz an. Eine Studie der Uni Dublin hat kürzlich herausgefunden, dass es keine Stunde dauert, bis ein 16-Jähriger auf Tiktok auf antifeministische Inhalte stößt. Gerade in der Pubertät sind solche Communitys sehr verlockend für männliche Jugendliche, die auf der Suche nach ihrer Identität sind und unter den Druck geraten, Männlichkeit performen zu müssen. Die sind dann frustriert, wenn sie keinen Sex haben, fühlen sich nicht als richtiger Mann und verstehen aber nicht, dass sie selbst unter dieser internalisierten Vorstellung von Männlichkeit leiden. Jamie bezeichnet sich ja auch selbst als hässlich, was unfassbar traurig ist. Was ich an der Serie kritisch finde, ist, dass sie Jamie in einer Arbeiterfamilie angesiedelt haben, da schwingt Klassismus mit. Die meisten Incels stammen eher aus der Mittelschicht. Dazu passt auch das Anspruchsdenken, das man als Kind in einer reicheren Familie mitbekommt.

Netflix-Hit Dieser Moment in "Adolescence" bringt die ganze Serie auf den Punkt
In der Serie wird die Verzweiflung der Eltern auch gezeigt. Was glauben Sie: Wie können Eltern ihre Söhne schützen?
Jamies Mutter sagt es ja in der Serie: Der Sohn war die ganze Nacht vor dem Computer und sie hatte eigentlich keine Ahnung, was er da macht. Die Eltern sollten hinschauen und mit den Jungs ins Gespräch kommen: Was gefällt dir daran? Es ist extrem wichtig, den Kindern einen reflektierten Umgang mit Medien beizubringen. Sie müssen wissen, dass diese Influencer eigentlich alle nur dubiose Bücher und Kurse verkaufen wollen, und verstehen, was Falschinformationen sind. Da sind aber nicht nur die Eltern, sondern auch die Bildungsinstitutionen in der Verantwortung. Am wichtigsten wäre es jedoch, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich solche Inhalte gar nicht erst festsetzen können. Also ein egalitäres Geschlechterbild in der Familie zu vermitteln und Jungs von klein auf deutlich zu machen, dass sie als Menschen in Ordnung sind und nicht permanent irgendeine absurde Alphamännlichkeit beweisen müssen.
In Großbritannien ist durch die Serie eine Diskussion über Aufklärungsprogramme für Jugendliche entbrannt, dort hat das Thema momentan viel Aufmerksamkeit. Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein?
Wir sehen, wie die AfD oder rechtsextreme Gruppen sich mit ihrer Werbung gezielt an gekränkte, weiße Männlichkeit richten, das kann man auch an den Erstwählerstimmen für die AfD gut ablesen. Jetzt gingen diese etwas zurück, aber die Tendenz ist, dass junge Frauen eher links und junge Männer eher rechts gewählt haben. Wir brauchen auch in Deutschland eine Sensibilisierung für frauenfeindliche Gewalt, ein Bewusstsein für die Gefahren von digitaler Radikalisierung, um auch Druck auf politische Entscheidungsträger und Behörden aufbauen zu können.
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