So häufig es Arzt- und Krankenhausserien im Fernsehen zu sehen gibt, so selten im Theater. Am Deutschen Theater Berlin kommt nun als rühmliche Ausnahme Lars von Tiers Kult-Serie „Hospital der Geister“ auf die Bühne. Die erste Staffel lief 1994, deutlich beeinflusst von David Lynchs legendärer Serie „Twin Peaks“, die vier Jahre vorher Premiere gefeiert hatte. 2023 kam eine dritte Staffel von „Hospital der Geister“ heraus.

Der Regisseur Jan-Christoph Gockel arbeitet am Deutschen Theater, im Schatten des Bettenhochhauses der Charité, mit einem gemischten Ensemble. Mit dabei sind Schauspieler mit Behinderung vom Berliner Theater RambaZamba. Während der Proben treffen wir mit Wolfram Koch und Jonas Sippel zwei Stars der Produktion. Koch ist neben seinen zahlreichen Theaterauftritten in Berlin, Hamburg oder Frankfurt auch als Kommissar Paul Brix aus dem Frankfurter „Tatort“ bekannt.

Der mit Down-Syndrom geborene Jonas Sippel ist festangestellter Schauspieler am RambaZamba und hat bereits in zahlreichen Filmen gespielt. Im Gespräch erzählen die Schauspieler, was ihnen an „Hospital der Geister“ gefällt und welche Gruselgeschichten sie am liebsten mögen.

WELT: Jonas Sippel und Wolfram Koch, verraten Sie uns bitte, welche Rollen Sie in „Hospital der Geister“ spielen!

Jonas Sippel: Ich spiele allein fünf Rollen! Darunter einen Arzt, den Leiter der Freimaurerloge, den Trommeltherapeuten und den Hypnotiseur. Ich habe sogar ein bisschen Hypnose trainiert, eine Freundin habe ich schon zum Einschlafen gebracht. (lacht)

Wolfram Koch: Es gibt in der Freimaurerloge ein Aufnahmeritual, das der Arzt Stig Helmer, den ich spiele, völlig bescheuert findet. Helmer, der aus Schweden kommt, findet überhaupt alles Dänische bescheuert: Man bekommt eine Zitrone in den Mund gesteckt und dann wird die mit einem Schwert abgehauen. Aber unser lieber Logenleiter hier haut mir voll auf die Nase und das blutet wie Sau. Und ich denke: Dieser dänische Abschaum, ich will nach Schweden zurück. Das spielen wir natürlich alles nur … (lacht)

WELT: Sie stehen zum ersten Mal zusammen auf der Bühne. Kannten Sie sich vorher?

Koch: Ich habe Jonas vor Jahren auf der Bühne gesehen, im Theater RambaZamba in Berlin. Er spielte in Shakespeare „Der Sturm“ …

Sippel: … den Inselgeist! Das war schön. Kurz danach kam meine erste große Filmrolle, in „24 Wochen“ mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel. Das war wirklich toll. Für mich ist es auch ein Traum, auf der großen Bühne des Deutschen Theaters zu stehen. Am liebsten würde ich hier nie wieder weg und direkt im Theater übernachten. Und ich mag es auch, mit Wolfram zu arbeiten.

Koch: Ich fand die „Sturm“-Inszenierung so toll, dass ich sie mir gleich drei Tage hintereinander angeschaut habe. Das Interessante ist, dass Lars von Trier in „Hospital der Geister“ damals auch schon inklusiv gearbeitet hat. Da gibt es die zwei in der Küche mit Trisomie 21, die eigentlich die Weisen sind oder fast Götter. Die wissen immer schon, was passieren wird. Die haben die griechische Funktion der Seher, die Szenen mochte ich besonders.

Sippel: Das ist toll, dass die Götter von Menschen mit Beeinträchtigung dargestellt werden. „Wir sind die Götter unserer eigenen Herzen“, heißt es auch. Und es ist auch wichtig, dass man Menschen mit Beeinträchtigung sieht, zur Aufklärung.

WELT: Was gefällt Ihnen an Lars von Triers Serie „Hospital der Geister“?

Koch: Ich habe sie damals gesehen und fand das zunächst ganz merkwürdig, aber irgendwie auch großartig. Als Jan-Christoph Gockel gesagt hat, er würde „Hospital der Geister“ gerne am Deutschen Theater Berlin auf die Bühne bringen, dachte ich: Super! Ich habe die Serie jetzt nochmal gesehen und gemerkt, wie toll die immer noch ist. Das ist ein großes Sitten- und Gesellschaftsgemälde.

Eigentlich hat die Serie mehr mit Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Menschen zu tun als mit Geistern. Die ganzen Brutalitäten und Verlogenheiten, wirklich das volle Programm. Und das Ganze wird von etwas Unbewusstem zusammengehalten, das sind die Geister. Diese Mischung ist großartig. Die Herausforderung ist nur, dass die Serie so gut ist. Deswegen muss man fürs Theater neue Bilder finden. Wir können das Filmische nicht kopieren, da kommt man nicht ran. Und lassen wir uns etwas einfallen und spinnen im besten Sinne rum.

Sippel: Wer spinnt, gewinnt! (lacht) Ich bin 1994 geboren, in dem Jahr, als die erste Staffel rauskam. Deswegen habe ich das jetzt erst nachgeholt. Wobei ich mir blöderweise erst eine Blue-Ray geholt habe, da hat mein DVD-Spieler gesponnen.

WELT: Wie unheimlich wird einem das Krankenhaus als Ort, wenn man einen Stoff wie „Hospital der Geister“ probt?

Koch: Ich habe ein paar Mal in Krankenhäusern gedreht, auch in der Pathologie. Das war unheimlich. Da wurde kurz der Dreh unterbrochen, wenn wieder ein Toter „in den Schrank“ geschoben wurde. Und ein paar Räume weiter ist die Küche des Krankenhauses. Das Unheimliche in „Hospital der Geister“ ist manchmal das Banale, das Alltägliche. Zum Beispiel betrügen sie bei den Krankenhausbetten, wenn die Aufsicht kommt. Oder es gibt Pfusch beim Operieren, der vertuscht wird.

Sippel: Das sind auch aktuelle Themen, es gibt viel zu wenig Personal im Krankenhaus. Ich war vor ein paar Wochen selbst im Krankenhaus, das war überhaupt nicht schön.

WELT: Um nochmal auf die Geister zu kommen: Haben Sie eine okkultistische Ader?

Sippel: Ich lese gerade ein Buch über Okkultismus, das finde ich sehr spannend. Ich habe mich schon immer für Geistergeschichten interessiert. Oder für Puppentheater, das hat auch manchmal etwas Unheimliches. Also jetzt nicht „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von der Augsburger Puppenkisten, aber andere Sachen.

Koch: Unser Hauptgeist – das kleine Mädchen, das im Reichskrankenhaus ihr Unwesen treibt – ist eine Puppe. Michael Pietsch hat die Marionette gebaut und erweckt sie zum Leben. Die kann sogar ihre Augen bewegen und das ist richtig gruselig.

WELT: Welche Geister- oder Horrorgeschichten mögen Sie am liebsten?

Koch: Ich liebe „Nosferatu“ mit Max Schreck. Oder „Der Mieter“ von Roman Polanski, in dem jemand in eine Wohnung zieht und allmählich zu dem Menschen wird, der davor dort gewohnt hat. Der ist so unheimlich gut! Von „Graf Zaroff“ bis „Cat People“, ich liebe solche Filme.

Sippel: Ich liebe das Musical „Tanz der Vampire“, das ist ja auch ein Film von Polanski! Und Polanski selbst in seiner Paraderolle als Alfred ist fantastisch. Ich mag solche schaurigen Sachen.

Koch: Und Lars von Trier kennt das alles, diese Filmgeschichte des Gruseligen und Schaurigen, er spielt in „Hospital der Geister“ damit. Vampire gibt es zwar keine, aber Zombies! Das Spiel mit den Gestalten des Irrationalen macht einfach Spaß. Und das Theater ist der richtige Ort, wo man mit dem Unlogischen und Abseitigen spielen kann.

„Hospital der Geister“ läuft ab 29. März am Deutschen Theater Berlin.

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