Es ist ein Angebot, das Sarah Reisinger nicht ablehnen kann: Sie ist eine Kampfsportlerin im Karriereknick. Noch schmettert sie im Käfig ihre Gegner routiniert zu Boden, aber wie lange noch? Und soll sie sich danach für immer beim Boxtraining von der hippen Wiener Jugend mit verwöhntem Safe-Space-Gelaber auf die Nerven gehen lassen? Dann lieber ein neuer Job in einem neuen Land: Sarah soll im Nahen Osten drei Mädchen in einer Privatvilla trainieren, wie ein Mann anbietet, der als der ältere Bruder auftritt und etwas „Der Pate“-Charme ausstrahlt. Bezahlung ist hoch, Diskretion ist nicht verhandelbar. Kaum angekommen, wird es schnell sehr unheimlich in Kurdwin Ayubs Thriller „Mond“.

Die von Florentina Holzinger gespielte Sarah wird mit einem Jeep aus ihrem Hotel in die abgeschottete Villa gefahren, die vor den Toren der jordanischen Hauptstadt Amman liegt. Sie schaut aus dem Fenster, draußen ist alles wüst. So wie bei ihr tief drinnen? Die erste Begegnung mit Nour (Andria Tayeh), Fatima (Celina Antwan) und Shaima (Nagham Abu Baker) verläuft nicht gerade herzlich. Von der Begeisterung für Kampfsport, von der der ältere Bruder gesprochen hat, ist nicht viel zu spüren. Sarah spult ihr Programm runter. Wenig mitfühlend. Erbarmungslos sogar? Sie wurde ja nicht zum Seelestreicheln geholt, sondern fürs Draufhauenlernen. Und auch das beginnt mühsam, mit Ausdauer.

Irgendetwas stimmt nicht, mit den Mädchen und mit dem Haus. Es gibt Stockwerke, die nicht betreten werden dürfen. Ein Zimmer, das immer abgesperrt ist. Eine Stimme – Hilferufe? – aus dem Zimmer. Die Mädchen werden beobachtet, von dem älteren Bruder und seinen Bodyguards. Als es einen unbeobachteten Moment beim Ausflug in eine Shopping-Mall gibt, fragt eines der Mädchen nach Sarahs Telefon mit Internetzugang. Nur für Instagram? Wohl kaum. Gekonnt lässt Ayub die abgedunkelte Villa mit ihren schweren barocken Vorhängen und der unwirklichen Atmosphäre zum Horrorhaus werden. Ein meisterhaftes und fesselndes Spiel mit dem Genre des Thrillers.

Genrespielereien und Erwartungsbluffs

Grandios spielt Ayub außerdem mit der Erwartung eines heldenhaften Rachefeldzugs. Immerhin bietet sich eine Kampfsportlerin an, sich wie in Quentin Tarantinos „Kill Bill“ und anderen Rachestreifen Haus für Haus und Zimmer für Zimmer bis zum befriedigenden Ende einer archaischen Gerechtigkeit zu prügeln. Und außerdem bietet sich Holzinger, die bereits mit Extremperformances wie „Sancta“ reihenweise Zuschauer in Ohnmacht versetzen kann, für die Rolle eines feministisch gedrehten Racheengels an wie kaum eine andere. Doch so sehr Ayub diese Erwartung filmisch aufbaut – dahinter steckt ein tiefer Realismus, der besagt: So heroisch ist die Welt nicht.

Durch die Genrespielereien und Erwartungsbluffs zieht Ayub die Zuschauer in die gezeigten Konflikte hinein, ohne diese mit halbgaren Projektionen und unrealistischen Ersatzbefriedigungen abzuspeisen. Sie schafft eine neue Verknüpfung von Form und Inhalt. Das macht die 1990 im Nordirak geborene und in Wien aufgewachsene Ayub, die selbst die Drehbücher zu ihren Filmen schreibt, zu einer der vielversprechendsten Hoffnungen in der Filmwelt. „Mond“ wurde, wie schon ihr Vorgänger „Sonne“, von Ulrich Seidl produziert, dem schonungslosesten Realisten des deutschsprachigen Kinos. Beim Filmfestival von Locarno wurde „Mond“ mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.

Nicht nur die kluge Konstruktion und die szenische Präzision sind zu loben, auch Florentina Holzinger ist in ihrer ersten Filmrolle ein Ereignis. Vielleicht gerade, weil Holzinger nicht mit einer fernsehrealistischen Einfühlungsattitüde spielt, sondern mit ihrer spröden Distanziertheit die richtige Spannung hineinbringt. Sie ist eine Wanderin zwischen den Welten, die im Hotelpool auf der Dachterrasse schwimmt und am Tresen abends der letzte Gast ist, die mit abweisender Miene die Mädchen in dem dunklen Haus und der Shopping-Mall trifft oder in einem geheimen Club tanzen geht (die wilde Szene hat Holzinger selbst choreografiert, für ihre Verhältnisse allerdings fast bieder).

Hilflos wirkt Sarah eigentlich nie. Außer als sie mit dem Wunsch der drei Mädchen konfrontiert wird, der ihnen aufgezwungenen Welt zu entkommen. Dass Ayub in „Mond“ das Verhältnis zwischen dem Westen und dem Nahen Osten verhandelt, ohne irgendwelchen „Islamophobie“-Reflexen zu verfallen, mit denen man sich wohlfeil, weil moralisch hochgestimmt und kultursensibel abgebrüht aus der Affäre ziehen kann, ist ihr im Juste Milieu durchaus übel genommen worden. In ihrem Theaterdebüt „Weiße Witwe“ an der Berliner Volksbühne hat Ayub dokumentiert, dass manche Linksliberale ihren Film sogar am liebsten canceln würden, weil er als unziemlich islamkritisch gilt.

Der Vorwurf der unreflektierten Stereotypie ist bei niemandem so fehl am Platz wie bei Ayub. Was sie zeigt und gestaltet, sind Konflikte. Und wie bereits in „Sonne“, in dem drei Mädchen einen Internethit landen, weil sie „Loosing My Religion“ in muslimischen Gebetsgewändern singen, zeigt Ayub die drei Mädchen in „Mond“ mit nachvollziehbaren Charakteren und Widersprüchen. Mit „Sterne“ ist bereits ein nächster Film geplant, in dem es um eine westliche Journalistin bei der Machtübernahme des „Islamischen Staats“ 2014 in Mossul gehen wird. „Mond“ ist einer der spannendsten und klügsten Filme des Jahres. Höchste Zeit also, die Filmemacherin Kurdwin Ayub zu entdecken.

„Mond“ läuft ab dem 27. März in den Kinos.

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