Wer einen Haufen Narren auf dem Weg zum gelobten Land auf einem Schiff versammelt, der muss sich nicht wundern, wenn sie allerlei Torheiten begehen. So geht es zu in Sebastian Brants Humanismus-Bestseller „Das Narrenschiff“. Ebenso verhält es sich in Christoph Heins neuestem Roman mit demselben Titel: Bei Hein allerdings ist die DDR das Schiff, auf dem die Narren in den Untergang segeln.
Keimzelle auch dieses Staates ist die Kleinfamilie (entgegen der kommunistischen Doktrin): In diesem Falle die Familie von Ex-Nazi Johannes, der sich zum Stalinisten mausert, und der Sekretärin Yvonne, die ohne eigenes Zutun plötzlich auf einem Leitungsposten im DDR-Kulturwesen landet. Yvonnes Tochter Kathinka (deren jüdischer Vater auf der Flucht vor den Nazis verschwand) dient als Rahmenfigur. Mit ihrem Schicksal beginnt und endet der Roman. In dessen Eingangsszene besucht der erste Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, Kathinkas Schule. Als Klassenbeste wird sie neben ihm platziert. Da ahnt sie noch nicht, wie sehr die Systemnähe ihrer Eltern ihr Leben beeinflussen wird.
Um die Kleinfamilie herum gruppiert Hein eine große Zahl weiterer Biografien. Vom Professor, der in der Nazizeit ins Ausland flüchten musste, aber wegen seiner Mitgliedschaft bei den Kommunisten in der BRD beruflich nicht mehr Fuß fassen kann und daher in der DDR landet, bis zu Parteikadern, die weniger durch Bildung und Intelligenz, als vielmehr durch ihre zwanghafte Exegese leninistischer Texte auffallen.
So gelingt es Hein, die eigentliche Absurdität des Systems zu verdeutlichen. Während in anderen DDR-Romanen Stasi-Methoden als Symbol des totalitären Unrechtsstaates herhalten müssen, tritt bei Hein „das System“ als ein groteskes Machtnetzwerk mit Kaderschmieden und ermüdenden Bezirksversammlungen in Erscheinung. Jeder Abweichler wird der Sabotage bezichtigt; nicht zu erfüllende Fünf-Jahres-Pläne werden abgenickt – und dabei leider nur auf dem Papier erfüllt. Die Partei hat immer recht. Der Einzelne muss sich beugen, wenn er nicht als faschistischer Saboteur gebrandmarkt werden will. Da fragt man sich: Wie konnte dieser Haufen Politbüro-Narren die Bevölkerung so lange terrorisieren?
Inhaltlich dicht ist dieser Roman, angefüllt mit unzähligen historischen Details. Das Problem ist nur, dass Hein die Biografien seiner Akteure in einem nüchternen, vielfach trockenen Berichtston zusammenfasst. Über die kleine Kathinka weiß der Text nur zu berichten, dass sie den Stiefvater „unlustig“ findet und eben Klassenbeste ist – beides gleich viermal. Über solche skizzenhaften Merkmale hinaus erfährt man nichts über ihr Denken und Fühlen. Kathinka ist nicht die Einzige, die dem knappen Erzählerberichtston zum Opfer fällt.
Einmal heißt es etwa über den Ehemann Yvonnes und den ihrer besten Freundin: „Beide Männer waren, dem Alter geschuldet, an intimen Kontakten mit ihren Ehefrauen kaum interessiert, die Paare lebten daher fast wie Geschwister zusammen, und das war für die Ehefrauen ebenso bequem wie belastend.“ Das liest sich unfreiwillig komisch – ein Effekt, der sich im Grunde durch den Roman zieht. Hein berichtet, was seine Figuren längst gesagt haben. Als misstraue er der Fähigkeit der Leser, den Kern des Gesagten zu erfassen. So bleiben Heins Narren Menschen aus Papier, ohne die lebendige Deftigkeit der Originalnarren Brants.
Nun ist ein Mensch mehr als die Summe der Eckdaten seiner Existenz. Ihm jedwede Individualität zu nehmen – im Sprechen, Denken und Fühlen – ist das Wesen einer totalitären Diktatur. Es ist auch das Wesen dieses Textes. Immerhin könnte man unterstellen, dass genau diese Reduktion Absicht ist. Damit allerdings stellt Hein die Leser gehörig auf die Probe. Man ahnt nach der Lektüre dieses umfangreichen Romans nämlich, wie sich 40 Jahre DDR für die Insassen angefühlt haben müssen.
Christoph Hein: Das Narrenschiff. Suhrkamp, 750 Seiten, 28 Euro
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