Die russische Literatur handelt davon, wie man sich’s in der Unfreiheit einrichtet. Daher rührt ihr Humor. Die ukrainische Literatur handelt davon, wie man sich die Freiheit erkämpft. Daher rührt ihre Menschlichkeit. Bisweilen fallen Literatur und Leben in eins.
In seinem monumentalen WELT-Kriegstagebuch schrieb Juri Durkot am 6. April 2024 über diesen vielleicht bekanntesten ukrainischen Schriftsteller der Gegenwart: „Es hat kaum jemand mehr für sein Land und für seine Stadt Charkiw getan als Serhij Zhadan.“ Er gab Konzerte, um Spenden zu sammeln, er organisiert den Transport von Hilfsgütern, er schreibt unermüdlich gegen die russische Invasion an. Und schließlich ist er im vergangenen Jahr selbst in die Armee eingetreten. Timothy Snyder sagte völlig zu Recht, dass Zhadan nicht eine Waffe in der Hand halten sollte, sondern den Literaturnobelpreis.
Zhadan ist zur Armee gegangen aber auch aus Frust darüber, dass bei uns im Westen so viele Leute selbst nach über drei Jahren die Dimension des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine entweder nicht verstanden haben oder noch immer nicht sehen wollen: Vom Ausgang dieses Krieges hängt die Zukunft Europas ab – und ein Sieg der Ukraine ist nicht nur moralisch geboten, sondern auch in unserem eigenen Interesse.
Zhadans neuer Band enthält zwölf Kurzgeschichten. Die biblischen oder biblisch anmutenden Titel einiger dieser Geschichten stehen in hartem Kontrast zu der darin wiedergegebenen Alltagssprache. Erzählt wird von den konkreten Auswirkungen des Krieges, der das gesamte Leben aller Ukrainer auf den Kopf gestellt hat. Es haben sich in der Ukraine neue Gewohnheiten und ein neuer Alltag herausgebildet, aber es gibt keine Normalität mehr.
Wie sieht dieser neue Alltag aus, an dessen Abnormalität man sich niemals gewöhnen kann? Die Fenster sind mit Spanplatten vernagelt. Eine Leiche muss weggebracht werden. Eine arme, kinderreiche Familie – ohne Eltern – muss mit Essen versorgt werden. Ein Mann kommt von den Kämpfen als Invalide zurück, braucht einen Job und hat ein Bewerbungsgespräch. Eine Hochzeit wird gefeiert, doch die Eltern der Braut kommen nicht zur Hochzeit, weil sie in den besetzten Gebieten leben. Die Stadt ist leer, still, verlassen, nur die Vögel in den Bäumen sind laut. Man löscht im Handy all diejenigen Kontakte, die im Krieg bereits gestorben sind.
Der Krieg bringt auch neue Versuche hervor, Beziehungen, die zerbrochen waren – unter Paaren oder innerhalb einer Familie –, wieder zu kitten. Alle sehnen sich danach, endlich einmal wieder in Ruhe schlafen zu können. Eine bereits zerschossene Schule wird zum zweiten Mal beschossen: Als ob die Russen sichergehen wollten, dass auf die Zerstörung unter keinen Umständen ein Wiederaufbau folgen darf; nur Zerstörung.
Ein Kommandeur wird beerdigt, sowohl seine Frau als auch seine Geliebte der letzten Monate sind anwesend – und es ist meisterhaft, wie Zhadan die Gefühle dieser beiden Frauen überblendet. Der Priester spricht, so wie er es gelernt hat, Worte, die dem Geschehen einen Sinn verleihen sollen. Angesichts des Todes, des allgegenwärtigen Todes, braucht der Mensch Rituale, um sich wenigstens an irgendetwas festhalten zu können. Aber welchen Sinn soll diese schiere Ungerechtigkeit denn haben, dass so viele Leute sterben müssen, die einfach nur in Ruhe gelassen werden möchten, die einfach nur in Frieden ihr Leben leben wollen und deren ganzes Verbrechen darin besteht, zufällig in einem an Russland angrenzenden Land zu leben? Aber wie kann es Frieden geben, wenn es keine Sicherheit gibt? Wie kann es Frieden geben, wenn es keine Freiheit gibt?
Und dann taucht in diesen Geschichten immer und immer wieder die Sonne auf, als gäbe es angesichts all der himmelschreienden Ungerechtigkeiten doch noch diese eine und einzige, diese vielleicht letzte normale Sache auf der Welt: dass die Sonne scheint. Zhadans Geschichten zeigen, dass Freiheit und Würde nicht abstrakt sind, sondern konkret.
Serhij Zhadan: Keiner wird um etwas bitten. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr und Juri Durkot. Suhrkamp, 165 Seiten, 24 Euro
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