Die Stararchitekten sind alt geworden. Frank Gehry ist 96, Peter Eisenman 92, Norman Foster wird im Sommer 90, Renzo Piano im Herbst 88. Auch die jüngere Generation geht auf die 80 zu wie Jean Nouvel und Daniel Libeskind, Rem Koolhaas ist es schon. Weibliche Architekturstars? Gibt es in der nach wie vor männlich dominierten Szene kaum. Die herausragende Zaha Hadid starb schon vor neun Jahren im Alter von 65. Heute, zwei Jahrzehnte nach ihrem Boom, wirkt „Starchitecture“ wie aus der Zeit gefallen. Ja, das Bauen selbst steht in schlechtem Licht. Kommt die Architektur gerade an ihr Ende?

Ein Blick zurück: Der raketenartige Aufstieg dieser Gebäude mit ihren aufsehenerregenden Formen und Fassaden begann vor gut 35 Jahren, etwa zeitgleich mit dem „Ende der Geschichte“, das der Politologe Francis Fukuyama 1989 ausgerufen hatte. Mit dem (vermeintlichen) Sieg der liberalen Demokratie entfesselte sich ein ungeheurer architektonischer Einfallsreichtum. Eine höchst produktive Zeit, schreibt der Kunsthistoriker Philip Ursprung, der an der ETH Zürich Geschichte und Theorie der Architektur lehrt.

„Die Stararchitektur, die eindeutig dem Stil einer Person zugeordnet werden kann, versprach gleichermaßen die Attraktivität von Kommunen oder Firmen wie ihre Identität zu stärken.“ Sie zog finanzielles Kapital an und schuf kulturelles Kapital. „Es war eine Zeit der Superlative“, so Ursprung, „ein Wettstreit um den höchsten Turm, das größte Museum, das imposanteste Stadion.“

Vorstellungen von Wert und Schönheit verändern sich

Sein in dieser Woche erschienenes Buch „Architektur der Gegenwart“ (C. H. Beck, 12 Euro) setzt in den 1970er-Jahren ein. Eindeutige Stile gab es da schon nicht mehr, philosophische Diskurse prägten das Architekturgeschehen. Zweite Moderne, Poststrukturalismus, Dekonstruktion waren die Vokabeln einer Debatte, deren Wortführer auch einige der späteren Stararchitekten waren, allen voran Rem Koolhaas vom Rotterdamer Büro OMA. Wer hätte damals geahnt, dass die Theoretiker dank der Globalisierung und der New Economy der 1990er-Jahre zu viel beschäftigten Praktikern werden würden?

Die Architekturstars teilten keinen einheitlichen Stil, aber den Willen zur – heute vielfach als rücksichtslos empfundenen – spektakulären Geste. Gehrys explosiv-aufgefaltetes Guggenheim-Museum in Bilbao (Einweihung 1997), die sich umarmenden Türme der Sendezentrale des chinesischen Fernsehens CCTV in Peking von OMA (Baubeginn 2002) oder die fotogenen Sportarenen von Herzog & de Meuron sind Ikonen der Architekturgeschichte.

Als 2007 die amerikanische Immobilienblase platzte und 2008 die Finanzkrise die Welt erschütterte, wurde die Begeisterung für spekulative Architekturspektakel gedämpft. Viele Gebäude befanden sich allerdings noch in Planung und wurden erst Jahre später eröffnet, oft mit exorbitanten Kostensteigerungen (man denke an die Elbphilharmonie, die ihren Schätzpreis verelffachte). Bald reifte zudem die Erkenntnis, dass die Bauwirtschaft ein Treiber des Klimawandels ist – und Starchitecture das Gegenteil von Ressourcenschonung.

In Deutschland kulminierte diese Einsicht darin, dass der Architektenbund nicht nur den Neubau verdammte, sondern auch den Abriss. Im Fokus stehe nun „Erhalt, Sanierung, Umbau“. Doch: „Architektur hört nicht einfach auf“, glaubt der Historiker Ursprung. Selbst ein Abrissmoratorium werde eine Ästhetik entwickeln: „Umnutzung, Transformation und Bauen im Bestand führen zu unerwarteten Formen und veränderten Vorstellungen von Wert und Schönheit.“

Architektur hat aufgehört zu existieren, glaubt Patrik Schumacher

Patrik Schumacher ist da völlig gegensätzlicher Meinung. Der deutsche Architekt und promovierte Philosoph ist ein Star zweiter Ordnung, stand lange im Schatten von Zaha Hadid, der Diva des Dekonstruktivismus. Seit ihrem Tod ist er Prinzipal ihres Büros ZHA und Verwalter ihres Nachlasses. Schumacher lehrt an der überaus renommierten AA School of Architecture in London und ist maßgeblicher Vertreter – in Theorie und Praxis – einer Designströmung, die er Parametrismus nennt. Sie nutzt die Computeranalyse großer Datenmengen zur Formfindung und umarmt die künstliche Intelligenz. Die Entwürfe von ZHA sind von aufreizender Großspurigkeit und (zer)fließender Eleganz – einzigartig und wiedererkennbar.

Doch Schumacher ist frustriert: „Die Selbstzerstörung der Architektur als akademische Disziplin, als eigenständiger Diskurs und als theoriegeleiteter Beruf ist bereits eine vollendete Tatsache“, schreibt er in einem aktuellen Aufsatz, der seine Zunft aufrütteln soll. Architektur habe aufgehört zu existieren, es entstünden nur „bloße Gebäude“, deren Gestaltung „nicht mehr von einem lebendigen, kritischen Diskurs geprägt und gesteuert wird“. Architektur verleugne die Autorschaft, „verkomme“ wieder zum Handwerk. Statt „Innovation an der Grenze unserer sich schnell entwickelnden technologischen Zivilisation“ zu fördern, beschäftige man sich an der Universität wie in Ausstellungen und der Fachpresse lieber mit „Klimawandel, Rassismus, Eurozentrismus, Dekolonisierung, Degrowth“.

Politisch steht Schumacher offen auf der Seite der radikal Libertären, das Heil des Städtebaus hat er in der völligen Privatisierung gesehen. Mit seiner Polemik will er aber nicht nur der linken akademischen Szene vor den Kopf stoßen. Er befürchtet, dass die Architektur ihren ästhetischen Führungsanspruch verliert. Als Theoretiker steht Schumacher in der Tradition von Niklas Luhmann, die Architektur versteht er als soziales System mit kommunikativer Funktion: nämlich die „notwendige räumliche Ordnung gesellschaftlicher Interaktionsprozesse“ zu organisieren. Er beklagt, dass mit der theoretischen Grundlagenforschung auch die Kraft verloren gehe, die Praxis in die Zukunft zu führen. Jeder Architekt von Rang sei auch ein innovativer Denker gewesen, angefangen mit Alberti und Palladio, fortgeführt mit Wright und Semper, mit Gropius, Le Corbusier bis zu Koolhaas und Eisenman – und ihm selbst als Mahner in der Wüste, wie es unmissverständlich zwischen den Zeilen zu lesen ist.

Schumacher diagnostiziert in seiner Disziplin einen „Geist der Verweigerung, des symbolischen Widerstands und des unterschiedslosen Feierns des Andersseins, der Vielfalt und Urteilslosigkeit“. Der lasse alles durchgehen, solange die „apodiktische Verurteilung der zeitgenössischen neoliberalen Gesellschaft und all ihrer architektonischen Ausdrucksformen“ nicht infrage gestellt werde. Kurzum: Die „woke Ideologie“ mit ihrer „rein moralischen und negativen Haltung“ mache der Architektur den Garaus. Tatsächlich drohen Architekten als künstlerisch-schöpferische Kräfte fast zwangsläufig negiert zu werden, wenn sie sich hauptsächlich in Bestandssanierung ergehen müssen und der Kreislaufwirtschaft unterworfen sind. Pritzkerpreisgekrönte Ausnahmen wie die Umbaupioniere Lacaton & Vassal bestätigen die Regel.

Friedrich Borries dokumentiert das Scheitern der Architektur

Aus der Perspektive von Patrik Schumacher dürfte Friedrich von Borries diesen teuflischen Geist, der stets verneint, schon an die CO2-neutrale Stampflehmwand gemalt haben. Der an der Hochschule für bildende Künste von Hamburg lehrende Designtheoretiker hat kürzlich eine Geschichte der „Architektur im Anthropozän“ (Suhrkamp, 32 Euro) geschrieben. Er erzählt sie als „spekulative Archäologie“, in der ein Wesen der Zukunft, genannt Aia, sich die gebaute Welt jener Epoche anschaut, die erst der Mensch unwiderruflich geprägt hat. Und der – vor allem der Architekt – hat so ziemlich alles falsch gemacht. Borries hat in seinem Buch eine allumfassende „Dokumentation des Scheiterns und des Selbstbetrugs“ notiert.

Da werden die Versuche des Menschen gegeißelt, die Natur durch Gebäude zu beherrschen, und dem Beton die „falschen Versprechen“ ausgetrieben, etwa die „unbegrenzte plastische Freiheit“ (Oscar Niemeyer). Da wird „Eigentum als Anfang allen Übels“ gebrandmarkt, und im Kolonialismus werden die „gewalttätigen Wurzeln der Architektur“ aufgespürt.

Borries’ Schlussfolgerungen oszillieren zwischen Aktivismus und Esoterik: Architekten müssten „durch das, was sie als ‚Architektur‘ definieren, Widerstand gegen die Zerstörung“ leisten und Räume schaffen, in denen „Menschen eine Verbindung mit dem Planeten und all seinen bestimmten und unbestimmten Wissens-, Wesens- und Existenzformen eingehen“ können. „Um Offenheit für eine gesellschaftliche Organisationsform zu schaffen“, fordert Borries in Opposition zu Schumachers These, „müssen wir verlernen, wie wir bisher gelebt, gewohnt und gebaut haben“.

Beide Positionen sehen ihr jeweiliges Ende der Architektur gekommen. Wenn es einen Ort gibt, wo sich die beiden Enden, wenn nicht vereinen, dann doch wenigstens alle zwei Jahre berühren können: die Architekturbiennale von Venedig. Schumacher hat sie nach der Ausgabe des Jahres 2023 – kaum überraschend – aufgegeben. Beipflichten kann man ihm in der Einschätzung, die meisten nationalen Pavillons hätten sich „geweigert, Architektur zu zeigen“. Schumacher habe die Suche aufgegeben, nachdem er in zwölf von zwölf besuchten Länderpavillons keine fand: „Der deutsche Pavillon enthielt Bauschutt (von der vorausgegangenen Kunstbiennale).“ Borries hatte dort im Jahr 2008 als Ausstellungsleiter 20 „Projekte für eine bessere Zukunft“ gezeigt.

Zeit für Anpassung ist gekommen, meint Carlo Ratti

In diesem Jahr verantwortet der italienische Architekt Carlo Ratti das Gesamtkonzept der Mammutschau, die schon deshalb so bedeutend ist, weil alle verfeindeten Strömungen verlässlich ihren Weg nach Venedig finden. Am Massachusetts Institute of Technology forscht Ratti, wie man Städte „sensibler“ machen kann. Der Klimawandel und das Bevölkerungswachstum seien die Treiber seiner Arbeit, Big Data und KI sind auch sein Handwerkszeug. Die Architektur sieht er aber keinesfalls am Ende. „Sie ist die einzige Disziplin, die auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse Lösungen für unsere gebaute Umwelt anbieten kann“, sagt Ratti im Gespräch mit WELT. „Die Architektur bemüht sich seit Langem um Schadensbegrenzung, jetzt ist es an der Zeit, dass sie sich mit der Anpassung befasst.“ Und auch das ist eine Frage der Gestaltung.

Ob sein so pragmatisch wie theoretisch fundierter Ansatz die Lager befrieden kann, wird er auf der Biennale zeigen können, die am 10. Mai in einer der ursprünglich architekturfeindlichsten Gegenden Europas eröffnet. „Die Lagune war nicht für Menschen gedacht, aber wie gemacht für den menschlichen Erfindungsreichtum. Venedig ist wahrscheinlich das erste Beispiel für Geoengineering auf unserem Planeten“, so Ratti. Natürliche, künstliche und kollektive Intelligenz hätten die Stadt erst in dieses schöne Artefakt der Baukultur verwandelt. 750 Teilnehmer hat er zu seiner Schau eingeladen. Es soll auch Architektur zu sehen sein.

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