Die heute 75-jährige Silke Maier-Witt, eine Terroristin der „Rote Armee Fraktion“ (RAF), schildert in der soeben erschienenen Autobiografie „Ich dachte, bis dahin bin ich tot“ ihr bewegtes Leben. Die ersten 30 Jahre lebt sie in der Bundesrepublik Deutschland, danach ein Jahrzehnt in der DDR, je ein halbes Dezennium in einer Justizvollzugsanstalt im vereinigten Deutschland und auf Arbeitssuche. Seit nunmehr 25 Jahren wohnt sie im Kosovo und in Nordmazedonien, wo sie 15 Jahre als „Friedensfachkraft“ tätig war.

In schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, studiert sie erst Medizin, dann Psychologie. Ein Studienabschluss unterbleibt. Sie gehört einem der zahlreichen „Komitees gegen Folter“ an, leitet Kassiber der inhaftierten „Stammheimer“, die diese an ihre Rechtsanwälte gegeben haben, den Terroristen außerhalb der Gefängnismauern weiter. Ausgerechnet am 7. April 1977, dem Tag des Mordes an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, schließt sie sich als „Illegale“ der RAF an.

Sie schmuggelt Waffen, kundschaftet Ziele für Überfälle aus, mietet konspirative Wohnungen an. All das berichtet sie, ihr kriminelles Leben in der RAF nicht beschönigend. Während der militärischen Ausbildung in einem jemenitischen Lager kommt es zu selbstquälerischen Diskussionen. Auf dem Rückflug sitzt zufällig der älteste Sohn Hanns Martin Schleyers vor ihr, Hanns-Eberhard Schleyer.

In der Gruppe gehört sie nicht zu den dominanten Personen, erfährt also längst nicht alles, auch nicht die Namen der Mörder Bubacks und Hanns Martin Schleyers. Zunehmend fällt es ihr schwer, die mörderischen Taten vor ihrem Gewissen zu rechtfertigen. Nach einem Banküberfall im November 1979 in Zürich, bei dem die RAF eine Passantin erschoss, steigt Maier-Witt aus. Allerdings gibt es keine Antwort auf die Frage, warum sie sich nicht den Behörden gestellt oder diesen gar die Verhaftung ihrer Mittäter ermöglicht habe.

Gemeinsam mit sieben anderen „Aussteigern“ gelangt sie in die DDR, zunächst nach Hoyerswerda und Erfurt, dann nach Neubrandenburg, weil ein Übersiedler sie erkannt hat. Eine Gesichtsoperation ist die Folge. Die Passagen über ihre dortige Zeit mit neuer Identität gehören zu den aufschlussreichsten. Sie muss ihre Ausbildung als Krankenschwester wegen des Umzugs nach Neubrandenburg abbrechen und absolviert dort ein Studium der Informationswissenschaften.

Obwohl der DDR-Alltag ihr trist vorkommt, verpflichtet sie sich als inoffizielle Mitarbeiterin (IM) für das Ministerium für Staatssicherheit. Offenkundig ist ihr das heute peinlich, auch wenn sie, die im Juni 1989 in die SED eintritt, sich nicht als „klassischen Spitzel“ sieht.

Bis 1989 untergetaucht in der DDR

Ein Jahr später erfolgt die Festnahme. Gegenüber den bundesdeutschen Behörden packt sie aus, nennt den Ermittlern sogar bis dahin unbekannte Depots. Sie sagt im Prozess 1991 bereitwillig aus, ohne sich zu schonen. Ihre Haftstrafe beträgt zehn Jahre – aufgrund der Kronzeugenregelung gelangt sie nach fünf Jahren auf freien Fuß. Maier-Witt beendet ihr Psychologiestudium, bekommt jedoch wegen ihrer kriminellen Vergangenheit keine angemessene Position, bis das „Forum Ziviler Friedensdienst“ sie für ein Projekt im Westbalkan als Friedensfachkraft einstellt. Dort nimmt sie für 15 Jahre wechselnde Aufgaben wahr.

Ihre Erzählung mutet insgesamt glaubwürdig an, freilich nicht immer: Um an ein starkes Suchtmittel für den drogenabhängigen Peter Jürgen Boock zu gelangen, vertraut sie sich einem ihr bekannten Arzt an, der hilft. „Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, wie er hieß.“ Wirklich? Und unkritisch schreibt Maier-Witt, ohne Anführungszeichen, beständig von den „Gefangenen“. Immerhin weicht sie im Oktober 2017 einem Gespräch mit dem jüngsten Sohn Schleyers nicht aus.

Der Journalist André Groenewoud, der Maier-Witt zur Autobiografie überredet hat, schildert am Ende seine vergebliche RAF-Spurensuche. Die vier Hardliner Sieglinde Hofmann, Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und Stefan Wisniewski wollen keinen Kontakt zu Maier-Witt. Für alle gilt weiterhin die Omertà. Sie hat sich nach ihrer Festnahme von diesem Schweigegelübde gelöst. Was die Leserschaft vermisst: Wie sieht die Autobiografin die heutige Politik? Gehört sie der Partei Die Linke weiterhin an, sympathisiert sie mit der Antifa?

Das Zitat im Titel der Autobiografie spielt darauf an, Silke Maier-Witt habe in ihrer Terroristen-Zeit gemeint, sie werde ohnehin längst tot sein, ehe sie sich verantworten muss. Ihre Reflexionen kreisen oft um die Gründe für ihr mörderisches Engagement. Mehrfach heißt es: „Die Welt hat sich geändert“. Das Gemeinte wird nicht recht deutlich. Will sie damit ihren Wandel erklären?

Silke Maier-Witt (mit André Groenewoud): „Ich dachte, bis dahin bin ich tot.“ Meine Zeit als RAF-Terroristin und mein Leben danach. Kiepenheuer & Witsch, 384 Seiten, 26 Euro

Eckhard Jesse, 1948 geboren, ist Politikwissenschaftler und Extremismusforscher. Er lehrte von 1993 bis 2014 als Professor an der TU Chemnitz. Sein Handbuch „Extremismusforschung“ ist in der Neuauflage bei Nomos erschienen.

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