Kurz vor dem Frauentag am 8. März 2025 wartete „Der Spiegel“ mit der passenden Geschichte auf. „Werden am Berliner Ensemble Mütter gemobbt?“, titelte ein großer Text, für den das Magazin mit jetzigen und ehemaligen Mitarbeiterinnen aus der Maskenabteilung des berühmten Theaters gesprochen hat. Die in dem Artikel zitierten Frauen werfen der Abteilungsleiterin vor, ihre Macht missbraucht, eine „Atmosphäre der Einschüchterung“ geschaffen und Mitarbeiterinnen kleingehalten zu haben. Das Nachrichtenmagazin beruft sich dabei auf einen Brief an die Theaterleitung. Vor allem Mütter seien betroffen, heißt es weiter.

Der Artikel bringt alles mit, was es für einen guten Frauentags-Aufmacher im Kulturteil braucht. Nur bringt er kaum Klarheit in die Sache, im Gegenteil. Der Artikel ist ein perfektes Beispiel für eine Verdachtsberichterstattung, die gefährlich diffus im Atmosphärischen fischt. So wird eingangs ausführlich geschildert, dass sich das Berliner Ensemble nach außen mit Stücken wie „#Motherfuckinghood“ ausgesprochen popfeministisch gibt. Das schafft eine Fallhöhe zum danach Geschilderten – nur was sagt es eigentlich? Wäre Machtmissbrauch weniger schlimm, wo weniger feministische Stücke gespielt werden? Ist es an sich schon ein Skandal, dass im Theater Schein und Sein auseinanderfallen?

Wirklich fragwürdig ist, wie der Artikel die Zustände in der Maskenabteilung auf das ganze Haus zu übertragen versucht. Dafür wird eine ehemalige Hospitantin bemüht, die eine „Lecture Performance“ über ihre Zeit am Berliner Ensemble gemacht hat. Daraus zitiert der Artikel so, als handele es sich nicht um Kunst, sondern die Wahrheit selbst. Zudem studiert die ehemalige Hospitantin Theaterwissenschaft in Gießen, dem Zentralinstitut der Postdramatik, wo es zum guten Ton gehört, das Stadttheater als Machtmissbrauchshölle darzustellen (die es fraglos auch sein kann) und das eigene Fortkommen jedenfalls nicht darunter leidet, sich als Opfer desselben aufzuführen.

Berichterstattung der atmosphärischen Vernebelung

Eine gewisse Unschärfe schleicht sich auch bei den Berichten der Frauen über die vorgeblichen Schikanen durch die Abteilungsleiterin ein. So reiht sich in die Aufzählung der Verfehlungen ein, dass man an freien Tagen die Stadt nur mit einem Antrag auf widerruflichen Urlaub verlassen dürfe. Das klingt für die meisten arbeitenden Menschen vermutlich tyrannisch, ist aber am Theater üblich und auch im Standardvertrag so geregelt. Der Hintergrund ist, dass Vorstellungsausfälle bei Krankheit vermieden werden sollen, weswegen es zu kurzfristigen Dienstplanänderungen kommen kann. Das erfahren die interessierten Leser allerdings in dem Artikel gerade nicht, obwohl die Autorin schreibt, vor ihrer Journalistenkarriere selbst im Theater gearbeitet zu haben.

Dazu kommt, dass für den Artikel nach eigenen Angaben zwar mit 16 Personen gesprochen wurde, die in der Maskenabteilung tätig waren oder sind. Nur die Abteilungsleiterin, um die sich alles dreht, kommt nicht zu Wort, sie wird nicht einmal namentlich erwähnt, sondern verbleibt in der bedrohlichen Anonymität der „Chefin“. Inzwischen wurde sie vom Theater freigestellt. Eine interne Aufarbeitung läuft, an der nach Angaben des Berliner Ensembles der Betriebsrat und eine Berliner Beratungsstelle beteiligt sein sollen. Auch die interne Arbeitsorganisation stehe auf dem Prüfstand.

An Wirkung hat es dem Artikel nicht gemangelt. Direkt nach der Veröffentlichung kam es passend am 8. März zur 100. Vorstellung von „It’s Britney, Bitch!“ zu Protesten und die Macherinnen von „#Motherfuckinghood“ kündigten an, ihr Stück nicht mehr zu zeigen. Nur eine Woche später legte der Geschäftsführer Jan Fischer sein Amt nieder, zu den Gründen machte das Theater keine Angaben. Auch sonst äußert sich das Haus nicht zu weiteren Fragen und Personalfragen. Man befinde sich im Prozess der Aufklärung, teilt das Berliner Ensemble mit, und verweist auf zwei kurze Statements. Der Intendant Oliver Reese kündigt darin unter anderem die „vollständige Aufklärung aller Vorwürfe“ an.

Reese, der nun auch im Rampenlicht steht, gilt nicht als ein Theatertyrann der alten Schule wie noch Claus Peymann, sein Vorgänger am Schiffbauerdamm. Er gilt eher als jemand, der sein Haus als Hochleistungsbetrieb führt, mit enorm vielen Vorstellungen. Mit Blick auf die gekürzte Kulturförderung in Berlin hat man als Theaterleiter wohl auch kaum eine andere Wahl. Allein in den nächsten Tagen stehen im Berliner Ensemble zwei Premieren an: Alexander Scheer („Gundermann“) macht mit „Heroes“ einen David-Bowie-Abend, am Tag darauf folgt mit „Die Verstreuten“ eine vielversprechende Uraufführung.

Das Berliner Ensemble wird jetzt herausfinden müssen, was an den Vorwürfen dran ist und wie man mit ihnen am besten umgeht, da sie nun einmal in der großen Welt der Medien gelandet sind. „Der Spiegel“ wiederum könnte und sollte sich fragen, ob eine durch atmosphärische Vernebelung und aufgeblasenes Storytelling („Es geht um ehrgeizige Chefinnen, unbezahlte Care-Arbeit, Burn-out, Kapitalismus, das Patriarchat.“) geprägte Berichterstattung, wie suggeriert wird, wirklich einem öffentlichen Aufklärungsauftrag folgt oder doch eher dem Wunsch nach einem inhaltlich dünnen Coup zum Frauentag.

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