Disney bringt mit seinem "Schneewittchen" – wohl kaum versehentlich – ein antiautoritäres Manifest ins Kinderkino. Animierte Eichhörnchen und Militärputsch inklusive.

Es ist doch immer dasselbe. Schon bevor die neue Disney-Adaption von "Schneewittchen" in den Kinos startet, toben langweilige, ritualisierte Quatsch-Debatten durch die Medien. Ob die Hauptdarstellerin als Latina weiß genug sei für die Rolle (Ja). Ob es rassistisch sei, das anders zu sehen (Ja). Ob kautzige "Zwerge" unzeitgemäße und behindertenfeindliche Karikaturen sind (Ja). Oder ob sie doch zu den wenigen, wichtigen Rollenangeboten für kleinwüchsige Schauspieler gehören (Auch ja). Und ob die Hauptdarstellerinnen Gal Gadot und Rachel Zegler sich angemessen differenziert über den Israel-Palästina-Konflikt äußerten (Ja).

Neuer Film "Wish" Jennifer Lee: Vom gehänselten Mädchen im Prinzessinnenkleid zur erfolgreichen Disney-Produzentin

Viel spannender ist, was Regisseur Marc Webb ("The Amazing Spider-Man", "500 Days of Summer") aus dem Stoff gemacht hat. Eine selbstbestimmte Heldin nämlich. Eine, die es mit einer turbokapitalistischen Autokratie aufnimmt. Ein linksradikales Märchen. Klingt weit hergeholt? Warten Sie mal ab, es wird noch radikaler. 

Alles beginnt damit, dass Schneewittchen in dieser Neuverfilmung eine privilegierte reiche Erbin ist. Rachel Zegler ("West Side Story") als Schneewittchen leidet, als Gal Gadot ("Wonder Woman"), die böse Königin, nach dem Verschwinden ihres Vaters die Macht übernimmt. Der Vater war hoch angesehen. Aber, das weiß jeder Politikstudent, auch ein wohlwollender König bleibt ein Tyrann, weil er den Menschen ihre Freiheit nimmt. 

Die Stiefmutter führt nun das Land drakonisch. Widerspruch wird nicht geduldet, Oppositionelle werden gefoltert und (in kindgerechter Optik) an eine Kette gelegt. Die Stiefmutter lügt virtuoser als Donald Trump. Trotzdem will sie immer wieder von ihrem Zauberspiegel wissen: Wer ist die Gerechteste im Land? Das funktioniert besonders im englischen Original sehr gut. "Mirror, mirror, on the wall, who's the fairest of them all?", fragt sie. Das Wort fair kommt vom altangelsächsichen fagar und bedeutet so viel wie hübsch. Die Frage der Stiefmutter bezieht sich ursprünglich also auf die Schönheit. Spätere Verfilmungen deuteten fair als "hellhäutig". Die Neuverfilmung nun als "gerecht". "Alles ist gerecht, wenn du die Gerechteste von allen bist", trällert die Stiefmutter und man muss schon ein Kind sein, um darin nicht Kritik an Regierenden und ihren selbstgerechten Superlativen zu hören. 

Reiche Erbin versus Arbeiterklasse

Schneewittchen tangiert das alles erst einmal nicht. Sie ist vornehmlich genervt davon, dass die Stiefmutter sie zum Haushalt verdonnert – und vom Nachlass des Vaters fernhält. So weit, so unsympathisch. Von der ursprünglichen Rettung-durch-einen-Prinzen-Erzählung wollte Disney sich lösen. Zegler erklärte in Interviews, Schneewittchen werde nicht mehr "auf einen Mann warten", sondern "eine Führungsrolle übernehmen". Ein Prinz hat in dieser Neuverfilmung mit feministischem Anspruch natürlich keinen Platz. 

Stattdessen bändelt Schneewittchen mit einem Revolutionär an, der ihr die Augen über das Leid des Volkes öffnet. Wie Robin Hood stiehlt er Kartoffeln von der reichen Königin, um sie an seine Bande von Aufständischen zu verteilen. Der Diebstahl mache ihn nicht zu einem schlechten Menschen, erklärt später einer der Zwerge. Diebe seien nun einmal zur "Existenz in einem Grenzraum" gezwungen, in dem "Ethik und Moral nur vage definiert" sind. Ob die Übersetzung diesem Wortlaut treu ist, bleibt abzuwarten. Aber zumindest im Original spricht der kluge Zwerg Doc tatsächlich so als trüge er Tweed-Sakko und wäre Berkeley-Professor für Diskurstheorie.

In dieser Autokratie sind die "Zwerge" die einzig Glücklichen. Sieben fleißige, autonome Bergarbeiter, ein kleines Kollektiv im Vollbesitz seiner Produktionsmittel, die gemeinsam hübsche Glitzersteine aus einer Höhle ans Licht befördern. Wenn das mal keine Kolchose ist. In Sachen Care-Arbeit haben die Sieben allerdings Nachholbedarf. Schneewittchen, mittlerweile auf der Flucht, bietet den Männern also eine schnelle Coaching-Session in Sachen Haushaltsführung und gewaltfreier Kommunikation. Mit Pfeifen und Singen versteht sich. Und umherfliegenden Brötchen, Besen und Chaos, sodass Kindergartenkinder sich in den Kinositzen kringeln dürften. 

Schneewittchen: Animierte Eichhörnchen und ein Militärputsch

Optisch ist "Schneewittchen" harmlos. Dem Branchenmagazin "Deadline" zufolge soll das Remake fast 270 Millionen Dollar teuer gewesen sein, und damit noch etwas kostspieliger als die Neuverfilmungen von "Der König der Löwen" und "Arielle". Auch die CGI-Animation der sieben Zwerge fiel dabei sicher ins Gewicht. Visuell leiht der Film viel von seinem animierten Vorgänger von 1937. Schneewittchens Kostüm ist kaum verändert: Puffärmel, Primärfarben, Märchenbuch-Nostalgie. Auch das Set-Design hat etwas von einer Zeitreise: handgemacht wirkende Requisiten, pastellfarbene Innenräume, liebevoll überzeichnete Waldhütten. In 70er-Jahre-Trickfilm-Humor werden die Zwerge in einer Tour geohrfeigt, geschubst und fallen auf die Nase. Sogar die Special Effects wirken wie alte Filmtricks, wenn um die wütende Königin herum neonblauer Technicolor-Nebel wabert.

Weil Märchen immer gut ausgehen, endet Disney’s "Schneewittchen" mit einem unblutigen Militärputsch. Im roten Cape führt Schneewittchen einen Arbeiterinnen- und Bauernaufstand an, dass Rosa Luxemburg eine Träne verdrücken müsste. "Du hast von uns allen gestohlen, das holen wir uns zurück", sagt sie zur Stiefmutter. Die ist unübersehbar geschmückt mit den Glitzersteinen aus der Zwergenmine, hat allerdings tadellos manikürte Finger hat, die wohl nie einen Kohlewagen gezogen haben. Statt Liebesschwüren bekommen die kleinen Zuschauer im Finale noch einige Klassenkampfparolen mit auf den Weg ( "It’s time to lead and not be lead" und "If we give up our meager scraps, We can inherit what was meant for us"). Flugs werfen die Palastwachen die Schwerter auf den Boden. Mutmaßlich, um sie zu Pflugscharen umschmieden zu lassen. 

Zu allem Überfluss tanzen die Untertanen und das neue Königspaar in identischer Kostümierung durchs Finale. Ein neues Gemeinwesen, gegründet auf Gleichheit und Solidarität und freiwilliger Bindung. Ein Gesellschaftsvertrag, als hätte Rousseau höchstpersönlich im Disney Writers Room gesessen. 

Hollywood Wie Millie Bobby Brown ohne Hass erwachsen werden will

Man könnte behaupten, "Schneewittchen" sei ein langweiliger Kostümfilm. Vielleicht ist Disney aber auch ein staatstheoretisches Meisterwerk gelungen. Eine Einführungsvorlesung in die Politikwissenschaft mit entzückenden CGI-Eichhörnchen. Und für immer mehr Kinder weltweit, die in Autokratien aufwachsen: ein revolutionäres Märchen. 

  • Walt Disney
  • Gal Gadot
  • Donald Trump
  • Kommunismus
  • Israel
  • Konflikt
  • Marc Webb
  • The Amazing Spider-Man
  • West Side Story

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke