Das Buch heißt „Schwebende Lasten“ – was per se schon mal ein super Titel ist, weil paradox: Lasten, die schwer wiegen, können gleichzeitig schweben? Doch es handelt sich um eine feststehende Wendung aus der Sprache des Arbeitsschutzes, Warnhinweise auf schwebende Lasten gehören ins kollektive Gedächtnis des Industriezeitalters, die Welt der Kräne und Werkhallen.
Hanna Krause heißt die Heldin des Romans von Annett Gröschner, und Kranführerin war selbst in der DDR kein typischer Frauenberuf. Krause arbeitet auf einem Brückenkran in Magdeburg, im volkseigenen Schwermaschinen-Kombinat Ernst Thälmann (SKET), dem früheren Krupp-Gruson-Stahlwerk.
Mit schwebenden Lasten hat Hanna Krause es aber auch deshalb zu tun, weil ihr gesamtes Romanleben von 1913 bis 1992 von Lasten erzählt, die gemeistert wurden: Hannahs Mann Karl, der jeden Abend trinkt: eine Zumutung. Die vielen ungeplanten Schwangerschaften? Eine Herausforderung – zumal in Zeiten, in denen Frauen wie Hanna weder sexuell aufgeklärt waren, noch Mittel für eine Abtreibung hatten. Auch der Schwiegervater, der in beengten Wohnverhältnissen das größte Zimmer für sich beansprucht (weil den Männern das so zusteht), ist eine Last. Das stets fehlende Geld sowieso.
„Kleine Frau – was nun?“, könnte man den Roman auch überschreiben, der ein kleinbürgerlich-proletarisches Milieu schildert – und einen spezifisch weiblichen Blick auf Großereignisse des 20. Jahrhunderts. Drastische Szenen erzählen von der Bombardierung Magdeburgs am 29. September 1944, als Hanna zwei ihrer sechs Kinder verliert: Das eine verkohlt sofort zur Puppe, das andere – noch im Bauch – kommt Monate später als Totgeburt zur Welt. Hannas Mann Karl wiederum ist schon vor Kriegsende ein Invalide, durch einen Arbeitsunfall in der Stahlgießerei hat er ein Bein verloren.
Hommage ans „Knattergebirge“
Vor dem Krieg war Hanna Floristin – oder in ihren eigenen Worten: Blumenbinderin – und im Herzen bleibt sie es fürs Leben. Blumen sind ihr Eskapismus, vom Ladenkabuff im elbnahen „Knattergebirge“ – einem untergegangenen Kleine-Leute-Viertel, dem Gröschners Roman ein Denkmal setzt – bis zum Blumenbeet vorm Plattenbau der späten Jahre.
Die schönste und zugleich traurigste Szene des Romans spielt 1938, sie handelt von einem geheimnisvollen Kunden in Hannas Blumenladen, der einen speziellen Blumenstrauß bestellt, aber nie abholt. Er möchte ein Bukett wie auf dem Gemälde „Blumenvase in einer Fensternische“ von Ambrosius Bosschaert, einem flämischen Stillleben von 1620, das er ihr auf einer Ansichtskarte hinterlässt. Der Kunde, der ihr auch als Mann gefällt, schon weil er kultivierter ist als ihr eigenes Umfeld, motiviert Hannas ersten und noch dazu heimlichen Museumsbesuch. Dass der Mann bis zum Schluss der Geschichte im Raum steht, versteht sich von selbst.
Für das Leben der Romanheldin hat die Szene den Rang einer unerhörten Begebenheit, wie man sie aus der Theorie der Novelle kennt. Das Stillleben als realer Blumenstrauß bleibt ein Ding der Unmöglichkeit, weil es aus lauter Sorten besteht, die – floristisch gesehen – gar nicht zeitgleich Saison haben, also nicht gleichzeitig blühen können. Bosschaerts Stillleben strukturiert das Buch insofern, als Hannas Blumen-Notizen am Beginn jedes Kapitels gleichsam für das stehen, was Hanna in ihrem Leben, das dem Familien- oder Arbeitskollektiv verpflichtet ist, mal nur für sich allein hat.
Später dann entdeckt Hanna ihren „Room of One’s Own“ in der Kranführerkabine: „So ein riesiges Gerät, das auf sie hörte, herrlich, und noch dazu war es klagloser als die Kinder. Bald nannte sie ihren Kran Mimi, wegen der behänden Laufkatze. Sie redete mit Mimi, wie sie mit den Blumen geredet hatte. Und nicht selten dachte sie, dass sie mit ihrem Arbeitsgerät mehr redete wie mit Karl.“ Den im Buch beschriebenen Kran gibt es übrigens real, im Technikmuseum Magdeburg.
„Schwebende Lasten“ könnte und sollte Karriere durch die Leseherzen dieses Frühjahrs machen. Denn was Gröschners Roman aus der Masse von Romanen, die Frauenschicksale erzählen, heraushebt, ist seine Tiefenschärfe. Man merkt der Autorin an, dass sie im Zuge ihrer kulturellen Archivierungsarbeit und Oral-History-Projekte schon zig Zeitzeuginnen des 20. Jahrhunderts befragt hat. So wie es in der Musik die historisch informierte Aufführungspraxis gibt, so schreibt Gröschner historisch informierte Prosa, in der sich Einblicke in bestimmte Milieus als atmosphärisch authentisch und stimmig erweisen.
Von Sprachbildern der Figuren („Süßholz raspeln“) über den Habitus, mit dem sie vom Brot abschneiden (am Körper, ja sogar zum Körper hin, danach werden Brotlaib und Messer weggelegt „wie eine Geige nach dem Spiel“), bis hin zu den hohen Tagen, an denen man Familienfotos von sich anfertigen lässt. Tempi passati, als Bilder von sich selbst noch eine rare Angelegenheit waren, dafür aber umso wertvoller.
In Gröschners Geburtsstadt Magdeburg spielte schon ihr vor 25 Jahren erschienener Debütroman „Moskauer Eis“. Seither hat die Schriftstellerin, die seit 1983 in Berlin lebt, sich einen Namen gemacht als Ethnografin für Alltagskultur und urbane Topografien. Straßenbahnen („Mit der Linie 4 um die Welt“) wurden dabei genauso neugierig bedacht wie die große Zeitgeschichte. In der Art und Weise, mit der Gröschners Œuvre geschichtliche Details mit soziologischem Interesse paart, erinnert es an große Namen wie Siegfried Kracauer. Wenn es im Roman „Schwebende Lasten“ einmal heißt, dass man in den 1950er-Jahren als Besitzer eines Fernsehapparates schnell beliebter werden konnte als es Ärzte, Pfarrer oder Lehrer als traditionelle Respektspersonen je waren, ist das ebenso lakonisch wie typisch fürs Gröschners Verfahren.
Annett Gröschner: „Schwebende Lasten“. C.H. Beck, 279 Seiten, 26 Euro.
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