Mein lieber Schwan! Der Vogel ist heute, in Hardcore-Regietheaterzeiten, nur noch selten als Transporttier für Gralsritter auf Freiersfüßen oder auf Jungfrauenrettungsmission bühnenpräsent. In Barcelona freilich ist er wirklich ein tierisch lebensechtes Vieh. Zumindest so realistisch wie ihn katalanische Theaterplastiker als possierlich mit Hals, Kopf und Flügel ruckelnde, federnverkleidete wie ferngesteuerte Maschine hinbekommen haben. Nur schwarz ist er.

Dabei inszeniert die Festspielhügelherrin Katharina Wagner am Gran Teatre del Liceu in Barcelona nicht Opa Siegfrieds gruselige Tierwandlerparabel „Schwarzschwanenreich“. Sie hat sich vielmehr Uropa Richards beliebten, in silberblauem Geigenschmelz schimmernden „Lohengrin“ mit erstaunlich quietschfreier Konsequenz konzeptionell zurechtgebogen.

„Lohengrin“ ist das einzige Stück aus dem Familienrepertoire, das Katharina bereits einmal ausgedeutet hat. 2004 war das, am Erkeltheater, dem zweiten Staatsopernhaus in Budapest. Damals, Schauplatz war ein Parlamentsplenarsaal, ging es in ihrer erst zweiten Regiearbeit sehr politisch zu. Deshalb sollte es 2016 am Nationaltheater Prag eine mehr privat-dynastische Familienaufstellung werden. Der desolate technische Zustand der tschechischen Bühne verhütete dies. Stattdessen zeigte sie ein kurioses Reactement von Papa Wolfgangs 1967-er „Lohengrin“-Anrichtung aus Bayreuth.

Einen zweiten eigenen Anlauf gab es im März 2020 am Gran Teatre de Liceu in Barcelona, nicht nur die Wagnerhochburg Kataloniens, sondern ganz Spaniens. Deren Premiere wurde zwei Wochen vorher von der Pandemie ausgebremst. Und auch die für 2022 geplante Koproduktion mit der Oper Leipzig kam nicht zustande: Die in Barcelona nicht ganz fertig gewordenen Kulissen konnten nicht mehr komplettiert werden.

Also gingen deren Container zurück ans Mittelmeer, ein neuer Premierentermin wurde an dem ziemlich unflexiblen Stagione-Haus erst 2025 gefunden. Immerhin hatte Katharina Wagner in der Zwischenzeit Muße, ihr „Lohengrin“-Konzept noch etwas abzuschmecken und zu verfeinern. Allerdings sind auch einige der damals schon verpflichteten Sänger fünf Jahre älter geworden.

Das hört man besonders bei Roman Trekel, von dessen Bariton man fast nichts mehr hört; was besonders für den Heerrufer etwas prekär ist. Aber auch bei dem eigentlich verlässlichen Günther Groissböck als eher zurückhaltendem König Heinrich ist ein deutlicher Volumenverlust bei eingeschränkter Höhe bedenklich erkennbar.

Schon bei geschlossenem Vorhang sucht sich Herzog Gottfried mit Holzschwert und Kinderkrone an den Samtbahnen entlang und mit Elsa im Schlepptau seinen Weg in den dann grauen, kahlstämmigen Märchenwald mit Echtwasserteich. Marc Löhrers zauberisch vernebelte Bühne sieht ein wenig aus wie die historische Wandeldekoration im ersten „Parsifal“ außerhalb Bayreuths. Den sah man hier am 1. Januar 1914 um 00.01 Uhr, 30 Jahre nach Richard Wagners Tod. Da war die das Stück auf die Festspiele exklusiv beschränkende Schutzfrist abgelaufen. Cosima Wagner war sehr verärgert.

Schnell geht es im heutigen „Lohengrin“ sehr kriminell zu: Noch während des sich langsam ausdünnenden Vorspiels schläft Elsa ein, Gottfried wird von einem sich nährenden Fremden, Lohengrin, ins Wasser gelockt und ertränkt. Freilich beobachtet vom ebenfalls schon anwesenden Schwan, der sich aufgeregt plustert. Er wird im Folgenden immer wieder Lohengrin als Menetekel und personifiziertes schlechtes Gewissen erscheinen. Um ihn mit der Erinnerung an seine Untat zu quälen.

Katharina Wagner wird hier gleich zur doppelten Ikonoklastin. Sie, die bohrend fragt, woher Lohengrin kommt und was er wirklich will, stürzt nicht nur das Denkmal vom unbefleckten Helden. Sie beschmutzt auch den makellosen Rollenruf von Bayreuths blonder Tenorstütze Klaus Florian Vogt, der hier mit Wonne – und zum Kummer so mancher Anhängerin – den machtgierigen Widerling gibt.

Lohengrin geht über Leichen

Dieser Lohengrin geht über Leichen. Fürstentochter Ortrud und ihr Lover Telramund – gesungen von der famos dramatisch Flüche speienden Miina-Liisa Varälä im rotgeschlitzten Samtkeid und dem kumpelhaften, doch auch trompetend auftrumpfenden Ólafur Sigurdarson – steigen schnell zu den Stars der Anti-„Lohengrin“-Show auf. Weil sie gar nicht böse sind, sondern was wissen wollen, dem unsympathischen Gralsritter auf der Spur sind. In ihrer großen, sinister-düsteren Szene am Anfang des zweiten Akts steckt ihnen der Schwan so einiges zu, und auch Gottfrieds Krone finden sie nach eifrigem Schlammstochern im trüben Teich.

Nun findet Josep Pons mit seinem Orquestra Simfòniqua del Gran Teatre del Liceu endlich einen richtig ausbalancierten Wagner-Tonfall, ist nicht, je nach Laune, mal zu schnell, mal zu langsam, ohne Folgerichtigkeit; der reaktionsbereite, gern an der Rampe sich aufbauende Chor gefällt.

Die Parabel mutiert zum Tiermordkrimi, wenn Lohengrin (Klaus Florian Voigt) ausdauernd auf den lieben Schwan einsticht und sich so sehr höhnisch-zynisch bedankt. Doch irgendwann schneidet er sich reumütig und sühnebereit die Pulsadern auf. Ein letzter Rest von Gralsritter-Gentleman steckt eben doch noch in ihm. Dafür gibt es einige Publikumsproteste; aber auch Beifall.

Was aber soll Katharina Wagner auf so kontaminierten Gralsburggelände machen? Die Benediktinerabtei Santa Maria de Montserrat, Kataloniens Nationalheiligtum, in der Heinrich Himmler 1940 in Hitlers Auftrag den heiligen Gral suchte, liegt etwa 40 Kilometer nordwestlich von Barcelona. Im Dom von Valencia soll noch ein angeblicher Gralskelch stehen. Und zur „Lohengrin“-Generalprobe kam aus Mallorca sogar Katharina Wagners Cousin, Onkel Wielands Sohn. Nach dessen Ziehonkel Adolf dessen Kosename „Wolf“ war, ist er Wolf-Siegfried benannt. Zum Glück für ihn wird er nur Wummi gerufen.

Da kann man eigentlich nur zum „Lohengrin“- Mord auf offener Bühne schreiten. Und den hat diese gern lustvoll gedisste Regisseurin gar nicht so schlecht ausgeführt. Auch wenn sie darauf neun Jahre warten musste.

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