Ein Bühnenbild voller Totenköpfe, dazu das Jüngste Gericht als Fresko an der Wand repräsentieren in Lyon „Die Macht des Schicksals“. Daneben gibt es in der überbordenden Wimmel-Ausstattung grotesk überzeichnete Soldatenuniformen und viel zu viele Frauen mit Hasenöhrchen. Volksmasse rennt in italienischen Renaissancekostümen herum, ein Notlazarett wurde in einem halb zerstörten Theater aufgeschlagen, und das Schicksal schlägt gleich durch einen fehlgeleiteten Schuss in einem grau gestrichelten Piranesi-Palast zu.

Willkommen in der etwas trashigen Gothic-Horror-Welt des deutschen Regisseurs und Bühnenbildners Ersan Mondtag, den nun die Franzosen erstmals mit einer Originalproduktion erleben. In Lyon – nach der Opéra de Paris Frankreichs zweitbedeutendstem Musiktheater –inszenierte er eine der komplexesten Verdi-Opern mit Kostümen von Teresa Vergho. Musikalisch gestaltet das Chefdirigent Daniele Rustioni mit klarer Rhythmuskante und schwelgend-schönen Melodiebögen kundig souverän, mit schlankem Sinn und blühender Sinnlichkeit. Auch mit Sarkasmus und bitterem Witz, darin Mondtag nicht unähnlich. Leider wechselt Rustioni als ständiger Gast an die Metropolitan Opera.

Diese opulente Produktion eines nicht nur in Deutschland besonders umschwärmten Regisseurs ist Teil des üblichen Lyoner Festivals im März. Und sie zeigt, dass die im dritten Jahr seit dem Weggang des langjährigen Intendanten Serge Dorny nach München von Richard Brunel geführte Opéra National zwischen Saône und Rhone trotz finanziellen Drucks ihre künstlerische Stellung hält.

„La forza del destina“ ist ein konfuses nihilistisches Kriegs- und Rachedrama-, ganz kurz auch ein Liebesreigen. Die Lyoner Interpretation gehört nicht zu Mondtags allerstärksten Inszenierungen. Zu lose bleiben diesmal die thematischen Enden, die Ästhetik hat Löcher, ein wirkliches Konzept für das komplexe Themendreieck aus Blutdurst, Reue und katholischer Erlösung ist nicht auszumachen. Besonders die Personenregie, seit jeher eine Schwäche Mondtags, wird durch die vokal zupackenden, aber nicht immer perfekt im Intonationsziel landenden italienischen Sänger auf Klischeegesten reduziert. Man bekommt eine Ahnung vom wieder mal visuell surreal überbordenden Plan, aber keine wirkliche Erfüllung. Es bleibt eine Skizze, vollendet sich nicht zum Operngemälde.

Was kein Wunder ist, handelt es sich dabei doch erst um Ersan Mondtags achte Opernproduktion. Dank seines eigenen Ehrgeizes, einem eng getaktetem Schaffensdrang und einem drängenden Londoner Management hat er sich innerhalb von fünf Jahren in die erste Regiereihe katapultiert. Der Falckenberg-Schulabrecher, der von Castorf bis Langhoff bei allen assistierte, die ihm wichtig schienen, war nicht aufzuhalten. Seit 2015 inszeniert er an den meisten der großen deutschen Bühnen, treu ist er dem postmigrantischen Berliner Gorki-Theater. Im Mai ist er mit der Wiesbadener Kreation „Double Serpent“ bereits zum vierten Mal zum Theatertreffen eingeladen.

Einen Mondtag kann also auch diese halbgute „Forza del destino“ nicht aufhalten. Gilt diese Oper doch ohnehin als krude, dunkel, absurd und klischeehaft. Ohne Kontinuität, voll grell verkünstelter Musik, mit kaum zur Identifikation geeigneten Figuren. Dem freilich hilft Mondtag nicht ab, er verstärkt eigentlich noch den Eindruck des unfertig Trümmerhaften.

Immerhin lässt er die Sänger sich weitgehend ungehemmt entfalten: die bisweilen mit der Intonation kämpfende Hulkar Sabirova (Leonora) etwa oder ihren Geliebten Don Alvaro, etwas gellend gesungen von Riccardo Massi. Der dauerböse Bruder Don Carlo Vargas ist bei Ariunbaatar Ganbaatar mit seinem fein temperierten Bariton in besten Händen. Die beiden Italo-Veteranen Michele Pertusi (Padre Guardiano) und Paolo Bordogna (als Fra Melitone) machen routiniert bella voce e figura. Und die Preziosilla der Maria Barakova lockt mit Bunny-Staffage und girrendem Mezzo.

Die Zukunft wird nicht ergriffen

Wo aber wird hier, dem Lyoner Festivalthema folgend, „die Zukunft ergriffen“? Gar nicht. Alle Beteiligten sind ohne jeden Ausblick den sozialen und politischen Verhältnissen eines Gestern unterworfen. Immerhin kommen zum Verdi als Uraufführung die für Kinderchor und Maschinenmusik komponierte finstere Utopie „L'Avenir nous le dira“ von Diana Soh sowie „7 Minuten“ aus dem Jahr 2019 von Giorgio Battistelli.

Hier diskutieren elf werktätige Frauen (darunter Natascha Petrinsky und Nicola Beller Carbone) zwei Stunden lang zu extrem gleichförmiger Musik im Dauerparlando, ob sie der Firmenleitung sieben Pausenminuten schenken sollen, oder ob diese sechseinhalb Stunden im Monat ein allzu großes Zugeständnis sind; andernfalls würde womöglich die Firma pleitegehen. Ergebnis: keines. Bei Verdi/Mondtag geht es eindeutiger aus: Da sind Leonora und Carlos am Ende tot.

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