Seit der Einführung der gesetzlichen Wehrpflicht zu Anfang des 19. Jahrhunderts teilten deutsche Männer eine gemeinsame Erfahrung: die Musterung. Bis zur Aussetzung 2011 bekamen etwa die Jahrgänge 1937 bis 1992 mit knapper Volljährigkeit die offizielle Aufforderung, sich im Kreiswehrersatzamt einzufinden. Dort sollte ärztlich festgestellt werden, ob sie sich „für Verwendungen in den Streitkräften“ eignen.
Mit der neu aufgeflammten Debatte um die fast vergessene Wehrpflicht ist auch die Musterung plötzlich keine verblasste Erinnerung mehr: In (vermeintlich) vergangenen Zeiten sahen die Rekruten in spe ihr mit gemischten Gefühlen entgegen. Väter und Großväter, ältere Brüder und Freunde hatten sie mit dramatisch ausgeschmückten Berichten vorbereitet.
Als da wären: die Aufnahme der Personalien, die Abgabe einer Urinprobe, Seh- und Hörtest, die Anschauung von Körperbau und Muskulatur, die Überprüfung der Reflexe, einen Kreislaufbelastungstest, die peinliche Befragung zu Alkohol- und Drogenkonsum und auf die gefürchtete Hust- und Tastuntersuchung, ob Leistenbrüche oder Hämorrhoiden verborgen geblieben sind. Nicht wenige überlegten, wie man die drohende Beurteilung – tauglich! – irgendwie unterlaufen könnte.
Der Goldstandard der Wehrdienstbefreiung wird im fünften Kapitel im zweiten Buch der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ beschrieben. Der junge Protagonist in Thomas Manns Roman liebt schließlich nichts mehr als die persönliche Freiheit. Er hat Besseres vor als den Militärdienst, und sei es erst mal die „Hotelkarriere“. Also hat er sich „über Gang und Handhabung des Musterungsgeschäftes“ strategisch präpariert. Bei der Anamnese geht er dann in taktische Vorwärtsverteidigung: „Ich bin vollkommen diensttauglich.“
Thomas Mann: „Hexensabbat von Fratzenschneiderei“
Die folgende hypochondrische Performance ist in die Literaturgeschichte eingegangen. „Das entzieht sich Ihrer Beurteilung“, näselt der Oberstabsarzt. Felix Krull befördert ihn frech zum „Generalarzt“, degradiert ihn bald zum „Stabsphysikus“ und „Bataillonsmedikus“, preist ihm beharrlich seine Gesundheit und klagt gleichzeitig über diffuse Wehwehchen:
Migräne, Kopfschmerzen, „sowie ein Sausen in beiden Ohren und hauptsächlich eine große Not und Furcht oder vielmehr Verzagtheit des ganzen Körpers, welche endlich in heftige Würgekrämpfe übergeht“. Krull kommt in Fahrt, er will jetzt buchstäblich gemustert werden. Er grimassiert und schwafelt sich in Rage, bekennt sich aber stets als „für alle Waffengattungen bestens geeignet“.
Schließlich kommt der Punkt, an dem sich das riskante Täuschungsmanöver nach dem „Anbeginn eines wahren Hexensabbats von Fratzenschneiderei“ zu einem veritablen epileptischen Anfall verselbständigt – „meine Knie kehrten sich gegeneinander, mein Bauch höhlte sich aus, indes meine Rippen die Haut zersprengen zu wollen schienen; meine Zehen verkrampften sich, kein Fingerglied, das nicht phantastisch und klauenhaft verbogen gewesen wäre“. Danach nimmt Krull wieder militärische Haltung an.
Auf die besorgte Frage, ob er die „Dienstfähigkeit mit besonderer Spannung“ erwarte, beteuert er ein letztes Mal, dass es ihm „eine große Enttäuschung gewesen wäre, abgewiesen zu werden“. Den erhofften Tauglichkeitsgrad eins in Hochstapelei bekommt er hingegen amtlich. Denn endlich reißt dem „Kriegsarzt“ der Geduldsfaden: „Ausgemustert“. Felix Krull, weggetreten!
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