Dem Mimen flicht die Nachwelt bekanntlich keine Kränze. Doch das gilt auch für andere Berufsgruppen. Zum Beispiel für Kritiker, Feuilletonisten. Zu Letzteren gehörte Fritz J. Raddatz. Das ist natürlich geradezu sträflich untertrieben. Denn Raddatz war der Literaturkritiker, der Feuilletonist schlechthin. Zumindest in seiner großen Zeit. Aber dieser Mann, der farbigste, schrillste, amüsanteste Paradiesvogel in einem Zoo, der überwiegend von blassen Mehlwürmern und sinistren Grottenolmen bevölkert wird, ist zehn Jahre nach seinem Freitod schon fast vergessen.

Wie wurden seine letzten Veröffentlichungen jedoch gefeiert! Das Land stand kopf, als seine Tagebücher 2010 und 2014 erschienen. Frank Schirrmacher, seinerzeit Herausgeber der „FAZ“, sah in ihnen sogar den „großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik“. Die beiden Bände wurden tatsächlich noch einmal, vielleicht ein letztes Mal, vom gesamten lesenden Deutschland aufgenommen. So wie 40, 50 Jahre zuvor die Hervorbringungen von Böll-Walser-Grass und Siegfried Lenz. Heute hält der Buchhandel gerade mal zwei Raddatz-Titel vorrätig: zwei geistsprühende, mokant verklatschte, aber doch eher marginale Bändchen über Sylt und Nizza.

Das ist sehr schade. Denn Raddatz war mehr als der schwule Dandy und süffisante Pointenschmied, der so wunderbar wortgewaltig den Jüngeren und Jüngsten bescheinigen konnte: „Taugt nix“, womit er übrigens oft, nicht immer, recht hatte. Doch Raddatz muss in erster Linie als jemand gelten, der wie heute nur noch ganz wenige das verkörperte, was Feuilleton, was Kritik sein soll. Sich noch einmal in die Texte zur Literatur von Raddatz zu vertiefen, bedeutet daher, die Maßstäbe wieder aufzurichten. Bedeutet, in einer Zeit, die im Netz tagtäglich die Selbstermächtigung der Unberatenen erlebt, daran zu erinnern, dass Kulturjournalismus etwas mit Kompetenz und Kenntnissen zu tun hat.

Kritik als Form der Literatur

Literaturkritik fiel es in Deutschland immer schwer, die Maxime von Ernst Robert Curtius zu beherzigen, der da sagte: „Kritik ist die Form der Literatur, deren Gegenstand die Literatur ist.“ All die ambitionslosen Inhaltsangaben in Kurzkritiken, all das Gequatsche im Fernsehen oder auf Podcasts, wo fahrige Tanten und betuliche Onkels möglichst zahlreiche Neuerscheinungen durchhecheln, an die sich nachher niemand mehr erinnern kann, am wenigsten sie selber – das hat den Blick darauf verstellt, dass Literaturkritik etwas mit Kunst zu tun hat: der Kunst des Schreibens. Als spätes Echo auf Curtius brachte Raddatz das in seinem letzten großen Interview (in dieser Zeitung) auf die Formel: „Ein Literaturkritiker muss mit Sprache spielen können. Fehlt das, kann man nicht mit Literatur umgehen.“

Doch auch das ist noch nicht alles. Raddatz, der aus dem „Persönlichkeitsjournalismus“ des frühen 20. Jahrhunderts kam, hielt es mit Alfred Döblin. Von ihm stammt jene Losung, die alle bedeutenden Kritiker jener Zeit – von Alfred Kerr über Kurt Tucholsky bis hin zu Friedrich Sieburg – umstandslos unterschrieben hätten: „Ein Kerl muss eine Meinung haben.“

Mit anderen Worten: Ehrerbietung vor Jubelgreisen, die Pawlowschen Reflexen folgend, einfach immer weiter schreiben, obwohl sie gar nichts mehr zu sagen haben, ist in der Literaturkritik genauso fehl am Platz wie das devote Nachbuchstabieren von Texten, in denen sich junge Frauen über die sozialen oder körperlichen Nachteile beklagen, unter denen sie gelitten haben, oder junge Männer „die Gesellschaft“ an den Pranger stellen, wenn sie aus dem Prekariat stammen.

Wie wünscht man sich heute eine Literaturkritik, die sich nicht moralisch erpressen lässt von den Diskriminierten dieser Erde! Eine Literaturkritik, die stattdessen die vielen stilistisch wie gestalterisch anspruchslosen Memoirs der vergangenen zehn Jahre als das zurückweist, was sie sind: Selbsttherapieversuche, die sicher ihre Berechtigung besitzen, aber nichts mit Literatur zu tun haben. Sie bekommen aber, wie das erschütternd schlichte „Blutbuch“ Kim d’ Horizons, das mit seiner „Genderfluidität“ kokettiert, den Deutschen Buchpreis. Oder sie gelangen, wie die Epopöen über Papa, Mama und noch mal Mama eines Édouard Louis auf Bestsellerlisten.

Von Raddatz lernen

Schließlich und vielleicht am wichtigsten: Die Kritiken von Fritz J. Raddatz gingen immer über das einzelne Buch hinaus. Wie jeder gute Literaturkritiker strebte er nach der Sicht auf das Gesamtwerk von Autoren. Und erholte sich intellektuell von saisonalen Nichtigkeiten, indem er immer wieder den Kanon überprüfte, sich an den (vermeintlich) Großen abarbeitete. Deshalb sind seine literarischen Essays, unter denen sich erfrischend viele Sockelstürze befinden (Mallarmé! Mishima!) heute auch interessanter als seine Rezensionen.

Diese Essays lebten von einer Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens in den Blick nahm. Sie zeigten nicht nur Belesenheit, die sich ja bei einem Literaturmenschen von selbst versteht. Sie sprachen von einer Wahrnehmung auch der bildenden Kunst ihrer Zeit, sie ließen Eindrücke vom Theater einfließen, sie zeugten von Versiertheit in wissenschaftlichen Diskursen und vom Sinn für historisch-politische Zusammenhänge.

Von daher ist es schön, hier auf eine kleine, aber feine Ausstellung hinweisen zu können, die aus Anlass seines zehnten Todestags das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, das den Nachlass von Raddatz besitzt, kürzlich eröffnet hat. Sie dokumentiert nicht nur Raddatz’ Tätigkeit in der DDR, wo er bis zu seiner Ausreise 1958 für den Verlag Volk und Welt arbeitete, sondern auch die Entstehung seiner ersten großen Biografie, die Karl Marx gewidmet war.

Ja, Raddatz, der eine dreibändige Quellensammlung zum Marxismus in der Literatur herausgegeben hat, trieb auch Theoriegeschichte. Und er hat Bücher verlegt. Er hat in einer Zeit, als Rowohlt der wichtigste deutsche Verlag für internationale Belletristik war, dort die Geschicke bestimmt und so unterschiedliche Autoren wie John Updike, James Baldwin, Susan Sontag oder auch Jean Genet dem deutschen Buchmarkt zugeführt. Mit diesen und vielen anderen Autoren aus aller Herren Länder hat er dann in seiner großen Zeit als Feuilletonchef der „Zeit“ zwischen 1977 und 1985 diesem Blatt eine Weltläufigkeit beschert, die es nie zuvor und auch danach nicht wieder an den Tag zu legen imstande war.

Diese arbeitsbiografischen Angaben dürfen hier nicht fehlen, weil sie zeigen: Der Mann stand mitten im Leben. Er hat nicht nur am Schreibtisch gesessen und Rezensionen verfasst. Er bewegte sich immer in Apparaten, hat gestaltet, stand nicht als Freelancer irgendwo einflusslos am Rand. Und er war eine Größe des gesellschaftlichen Lebens, zumindest in Hamburg, wo er seit 1960 seinen Hauptwohnsitz hatte.

Last but not least: Er schöpfte immer aus dem Vollen. Er stürzte sich ins Leben, erfuhr es in seiner ganzen Vielfalt, Herrlichkeit und Qual. Und immer beherzigte er, was einst Gottfried Keller forderte: „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt“. Denn nur so erhebt man sich über Mehlwürmer und Grottenolme. Nur so wird man ein guter Kritiker. Ein richtiger Feuilletonist. Mit anderen Worten: Fritz J. Raddatz fehlt.

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