Bitte haben Sie noch einen Moment Geduld, wir sind gleich wieder für Sie da.“ Spricht’s und geht zurück zum Klavier am Bühnenrand, mit seiner blonden Haartolle, der weißen Skinny Jeans und Glitzerjacke, um die nächste Schleife des Neunziger-Eurodance-Klassikers „Rhythm Is A Dancer“ anzustimmen, wobei immer nur ein kurzes Staccato-„Rhythm“ herauskommt. Ein Leben in der Warteschleife. Irgendwie klemmt’s an diesem Abend, etwas steckt fest, zum Eigentlichen kommt man nicht. „Das Leben ist wie eine Pistole, die nicht losgeht“, heißt es einmal. Also haben Sie bitte noch einen Moment Geduld …

So wundervoll verspult, so unheimlich skurril, so melancholisch zerdehnt, das kann nur Christoph Marthaler, der mit „Wachs oder Wirklichkeit“ sein fantastisches Comeback an der Berliner Volksbühne gibt. Als Marthaler 1993 am Rosa-Luxemburg-Platz mit „Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!“ aufschlug, war der Schweizer Regisseur kaum bekannt. „Murx“ wurde ein unglaublicher Hit, stand 14 Jahre auf dem Spielplan. Die verlorenen Figuren, gefangen im völlig überdrehten „Danke für diesen guten Morgen“-Loop, trafen ein Lebensgefühl der Berliner Republik, vor allem im Osten.

Zum Ende der Intendanz von Frank Castorf verabschiedete sich Marthaler 2016 mit dem zarten „Murx“-Echo „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“, wieder hatte seine kongeniale Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock einen ihrer unvergesslich atmosphärischen Räume gezaubert. Danach war Marthaler zwischen Hamburg, wie mit dem Emily-Dickinson-Abend „Im Namen der Brise“ am Deutschen Schauspielhaus, und Basel, mit dem Schweiz-Abgesang „Doktor Watzenreuthers Vermächtnis – Ein Wunschdenkfehler“ und der Beethoven-Huldigung „Tiefer Graben 8“, unterwegs.

Und nun endlich wieder Berlin, wieder an der Volksbühne! Marthaler, Viebrock und der Dramaturg Malte Ubenauf haben sich für „Wachs oder Wirklichkeit“ von einem Besuch im ältesten und größten deutschen Wachsfigurenkabinett inspirieren lassen, dem „Panoptikum“ auf der Hamburger Reeperbahn. Die Bühne mit ihren goldenen Säulen und dem Néo-Déco-Geländer ist dem Original zum Verwechseln ähnlich, nur auf der Fototapete ist statt einer unwirklich blau strahlenden Flusslandschaft nun das trübe Braun einer überschwemmten Innenstadt zu sehen. Ein sanfter Hauch von Katastrophe.

Auf den ersten Blick ist kaum zu unterscheiden, welche Figuren – Queen Elizabeth und Karl Lagerfeld, Heino oder Taylor Swift – Puppen sind und welche Schauspieler. Auch die Google-Rezensionen des Hamburger „Panoptikums“ loben auffallend oft, wie „lebensecht“ die Wachsimitationen geraten sind. Nur was heißt das? Es ist einerseits ein Lob des Handwerks, andererseits auf hintergründige Art und Weise ein Urteil über das zur Erstarrung tendierende Leben. Oder sollte die Hülle etwa das Lebensechte sein? In dieser Zone der Ununterscheidbarkeit bewegt sich Marthaler mit seinem Ensemble.

Marthaler ist, das beweist er mit „Wachs oder Wirklichkeit“ erneut, einer der größten Theaterkünstler unsrer Zeit. Warum? Weil er auf der Bühne nicht tonnenweise Diskurs anhäuft, um etwas über die Welt sagen zu wollen, was sich meist in Zeitungsartikeln unter 5 Minuten Lesezeit ebenso darstellen ließe. Nein, Marthaler breitet einen Ort, ein Bild, eine Szene aus, schafft eine andere Zeitlichkeit und eine andere Wahrnehmung. Er öffnet es zum Musikalischen und rührt so tatsächlich an den Kern einer Erfahrung. Deswegen haben, wie bei Samuel Beckett, seine surrealen Theaterabende über die Welt und den Menschen mehr zu sagen als 100 Stunden engagierte Bühnenkunst zusammen.

Wie immer bei Marthaler bekommt man auch einen anrührenden Liederabend: von Dionne Warwicks fast gehauchtem „That’s What Friends Are For“ bis zum von Tora Augestad gesungenen Laura-Wilde-Schlager „Nimm mich in die Wirklichkeit“, am Klavier und Keyboard begleitet von dem hinreißenden Clemens Sienknecht und Jürg Kienberger. Die drei sind die musikalische Leitung des Abends, der sich wie 14 Arten, von Sehnsucht zu singen, anfühlt. Oder wie es bei Wilde heißt: „Nur durch einen Spalt seh‘ ich dieses wunderbare Licht.“ Fast wie bei Leonard Cohen und doch ganz anders.

Bei den Texten hat sich Marthaler bei dem 2018 verstorbenen Schweizer Experimentalmusiker und -schriftsteller Jürg Laederach bedient, unter anderem bei „Flugelmeyers Wahn“, „Das ganze Leben“ und dem grotesken Oratorium „Hitler in Pankow South“. Immer wieder bricht die Rede ab oder wird lückenhaft, sie zerfällt wie die berühmten modrigen Pilze des Lord Chandos. Auch die Sprache scheint wie in eine Warteschleife geraten, wo sie vergeblich auf eine Bedeutung im Zwischenmenschlichen wartet, die ihr unter dem stummen Zwang der Verhältnisse abhandengekommen ist.

Für seine „ergebnisoffene Wirklichkeitsbetastung“, angekündigt als „Happening in ruinösen Zeiten“, hat Marthaler sowohl alte „Murx“-Recken wie Magne Håvard Brekke und Olivia Grigolli als auch die neue Volksbühnen-Generation wie Rosa Lembeck (als Prinzessin Diana) und Franz Beil zusammengebracht. Außerdem spielen noch Hildegard Alex (großartig als Aufpasserin mit Staubwedel, die immer „Nicht einschlafen!“ brüllt) und Altea Garrido mit. Für die knapp 100 Minuten, die man in die wunderbare Welt von Marthaler, Viebrock und Ensemble eintaucht, kann man sagen: Die Geduld hat sich gelohnt. Was für eine berührende Rückkehr, die zudem ganz ohne Nostalgie auskommt!

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