Wenn die Ex dreimal klingelt, stehen die Zeichen auf Eskalation im Ehekrieg. Nicht, dass zuvor alles harmonisch gewesen wäre: In Marius von Mayenburgs neuem Stück „Ex“ giftet sich ein Paar in ätzender Hochform an. Jedes „ist schon okay“ ein fieser Vorwurf, jedes Schulterzucken ein kalter Affront. Passiv-aggressives Pingpong ohne Atempause, außer, es wird noch Weißwein nachgeschüttet. Man ahnt, das nimmt kein gutes Ende.

Er heißt Daniel, als Architekt mit großen Ambitionen gestartet, im Bürojob geendet. Rettungswege in Parkhäusern sind sein tägliches Brot, nicht gebaute Utopien. Sie heißt Sibylle, eine Ärztin, die den Kollegen bei den Beförderungen inzwischen hinterherhinkt. Schuld ist der Nachwuchs, der an diesem Abend schon im Bett ist. Kinder und Karriere, das ist schwer zu vereinbaren, wenn man hoch hinauswill. Und das wollten die beiden.

Sebastian Schwarz und Marie Burchard spielen dieses vom eigenen Erwartungsdruck geknechtete Paar zum Niederknien. Die erste Hälfte des zweistündigen Abends ist ein Pointendauerfeuer im Wahnsinnstempo. Kein kommunikativer Fallstrick wird, sehr zur Freude des Publikums, ausgelassen. Während Burchard die Tyrannei der semantischen Pedanterie in Reinform verkörpert, spielt Schwarz den herum drucksenden Tapsigen.

Und dann klingelt Franziska, die Ex von Daniel, die vor ihrem Freund geflüchtet ist, weil der so Sachen, ja sexuelle Sachen, machen wollte, die sie nicht wollte. Ist eigentlich auch egal, jedenfalls erinnert sie sich in dieser Krise ihres Beziehungslebens plötzlich daran, wie schön es – auch im Bett – mit Daniel war. Was sie dem auch prompt erzählt, und was der seit der Zeugung des zweiten Kindes sexuell Ausgehungerte gerne hört.

Die von Eva Meckbach gespielte Franziska ist in der Dreierkonstellation am schwersten zu durchschauen. Was hat sie in diese Wohnung geführt, die – ausgestattet von Nina Wetzel – in sandfarbener Zurückhaltung erstrahlt, mittendrin als Hauptschauplatz dieser Ehekrachkomödie eine lederne Sofalandschaft? Ist es Naivität oder Nostalgie? Weil Franziska bevorzugt in schrägen Sprachbildern spricht, wird man aus ihr nicht schlau.

Daniel schwelgt inzwischen in Männerfantasien. Er monologisiert über den Alltag, in dem er nie gefangen sein wollte. Er, der Wilde, der nie Spießer sein wollte. „Ich steck in meinem Leben drin, ich komm da nicht mehr raus“, sagt er. „So habe ich mich nicht entworfen!“ Das zunehmend larmoyante Gejammer offenbart am Ende die fixe Idee, sich einmal im Jahr mit der Ex so austoben zu wollen wie der Familienvater im Bordell.

Was ist es an Franziska, das in Daniel ausschweifende Wunschträume auslöst? Und warum hat er sie sitzen lassen, wenn er doch beteuert, sie wäre die Liebe seines Lebens gewesen? Er wollte damals den nächsten Schritt machen, sagt er, doch die ganze Wahrheit bekommt er nicht heraus. Das macht, mit unnachahmlicher Gemeinheit, seine ungeliebte Frau: Franziska ist keine von ihnen, sie stammt aus dem Prekariat.

„Du bist ein lieber Mensch, und sicher das, was Männer sich gern anschauen – aber anhören? Nee, lieber nicht“, sagt Sibylle. Franziska ist keine Akademikerin, sie arbeitet in einer Zoohandlung, die Aufstiegschancen sind entsprechend beschränkt. Ihr Leben ist kein erfolgsversprechendes Projekt, daher hat Daniel die langfristige Anlage vermieden. Als unternehmerisches Ich muss man klug investieren, sonst hat man verloren.

Die These von „Ex“ ist: Die biologische Reproduktion folgt der sozialen Reproduktion. Nachwuchs wird gemacht, wo die Klassenverhältnisse stimmen. Und das Prekariat hat auf dem Finanzmarkt des Alltags ein mieses Rating, C- statt AAA. Es kann kein symbolisches und kulturelles Kapital mit in die Beziehung bringen, vom ökonomischen ganz zu schweigen, das im „postmateriellen“ Milieu am Ende stets übers Erbe kommt.

Untauglich, ausrangiert, Ramsch-Rating: Das ist es, was Franziska anhaftet. Ein soziales Schicksal, dem sie als Einzelne nicht entkommen kann, ein Urteil, das die Gesellschaft über sie gefällt hat und bei Sibylle nur Verachtung auslöst, während bei Daniel noch die Fantasie seiner zügellosen Jugendjahre dazukommt. Franziska liegt, vom Standesdünkel hingestreckt, am Ende auf dem edlen Teppichboden vor dem Designersofa. Game over.

Von Mayenburg, der bei der Uraufführung an der Berliner Schaubühne selbst die Regie geführt hat, ist mit „Ex“ eine bitterböse Beziehungskomödie gelungen, die das Private ins Gesellschaftliche zu erweitern versucht. Maja Zades „Changes“, auch an der Schaubühne mit Jörg Hartmann und Anna Schudt, ist ähnlich angelegt, doch weniger dicht und temporeich. „Ex“ hat mehr überraschende Wendungen und doppelte Böden.

Dass von Mayenburg ein Talent fürs Kammerspiel hat, bewies er bereits mit „Ellen Babić“, einem klugen Stück über eine lesbische Lehrerin unter Missbrauchsverdacht. Mit „Ex“ zeigt er nun als Autor und Regisseur, dass er auch die fiese Pointe hervorragend beherrscht, wie beispielsweise Yasmina Reza in „Gott des Gemetzels“. Und allein wegen der fantastischen Schauspieler lohnt sich dieser gehobene Boulevardabend ungemein.

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