Vielleicht fangen wir ausnahmsweise – die Zeiten sind ja hysterisch genug – mit einer Entwarnung an. Weil es, das ist gar nicht lange her, mal eine Diskussion darüber gab, ob Friedrich Merz nicht vielleicht doch etwas lernen könnte aus einem Roman, den ihm angeblich Wolfgang Schäuble geschenkt haben soll, damit er ihn sich ans oder unters Kopfkissen legt, den er aber – wiederum unbestätigt – unverstanden wieder zurückgab.

Der Roman heißt „Der Leopard“. Er erschien 1958, ein Jahr nach dem Tod des Autors Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Fünf Jahre später hatte Luchino Visconti, der marxistisch-konservative Adlige, aus dem gar nicht mal umfangreichen Buch, das beinahe sofort zum Klassiker wurde, ein – in der schönsten von einigen Varianten – dreistündiges Breitwand-Epos gemacht, eine ganz große Oper zur Musik von Nino Rota mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon (und Bud Spencer und Terence Hill), für deren initiale zwanzig Minuten allein Visconti den Oscar hätte bekommen müssen, den er nie bekam.

Was der Sauerländer Merz hätte lernen können aus der Geschichte des Sizilianers Fabrizio Corbera, Fürst von Salina (und nach dem Wappentier der Salinas „der Leopard“ genannt), wäre vielleicht gewesen, wie man sich als Konservativer in Zeitenwenden verhält, wie vorsichtig man sein muss, mit wem man Koalitionen eingeht.

Und vor allem: Was passieren kann, wenn man sich tatsächlich an jenen zentralen Satz des Romans hält, den Tancredi, der Lieblingsneffe und natürliche Nachfolger des „Gattopardo“, relativ früh in die sengende Landschaft Siziliens stellt: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“ Als Gattopardismo ist dieses Lebensmotto in Italien sprichwörtlich geworden; es meint einen – kurz gefasst – Konservatismus, der seine Werte allzu geschmeidig einem grenzenlosen Opportunismus opfert.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle ganz kurz erklären, was Lampedusa verhandelt im „Leopard“. Wir schreiben das Jahr 1860. Italien existiert noch nicht. Der nationalistische Revolutionär Giuseppe Garibaldi landet mit tausend seiner Rothemden auf Sizilien. Der Fürst von Salina ahnt, dass es für die feudalistische Herrschaft, deren Verkörperung er ist, keine Zukunft mehr gibt.

Auf den Hund gekommen

Fabrizio ist ein großer Mann, in jeglicher Hinsicht, er füllt Räume, sobald er sie betritt. Er hat einen großen Hund (eine Deutsche Dogge). Um seinen Status und seine Besitztümer zu retten, stimmt er der Beziehung von Tancredi zur überwältigend schönen Angelica zu. Weswegen Concetta, Fabrizios sterblich in Tancredi verliebte Tochter, in die Röhre gucken muss.

Alles muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist. Angelicas Vater Don Calogero, Bürgermeister von Salina, ist der Mann der Zukunft, das fleischgewordene Gegenteil des Fürsten. Korrupt, machtorientiert, aufgestiegen von ganz unten – ein Mann des neuen Sizilien, ein Mafioso der ersten Stunde. Calogero macht, was er braucht für seinen Aufstieg. Tancredi schleicht sich durch die Institutionen. Und der Fürst wird ganz melancholisch darüber. Und wir andern werden es auch.

Die erste Entwarnung: Friedrich Merz muss sich der sechs Stunden langen Serie, in die Regisseur Thomas Shankland und sein Script-Lieferant Richard Warlow Lampedusas Legende für Netflix verwandelt haben, so wenig aussetzen wir dem Roman. Er würde nichts lernen können fürs Zeitenwenden-Management, weil die beiden Briten sich einen staubigen Dreck scheren um Politik und um eine irgendwie geartete (und möglicherweise die postfaschistische Regierung in Italien irritierende) Interpretation der Geschichte.

Farbenblind nach Art der jüngsten britischen Jane-Austen-Charles-Dickens-Verfilmungen, das wäre die zweite Entwarnung, ist der Netflix-„Gattopardo“ auch nicht geworden – Sizilien bleibt in Shanklands Liebeserklärung an Italiens extremen Süden Sizilien, es gibt – möglicherweise aufgrund der Unterstützung des sizilianischen Tourismusministeriums – keinerlei Bemühen, den „Leopard“ nach „Bridgerton“-Vorbild in ein gegendertes, in allen Hautfarben schillerndes Fantasien zu überführen.

Die dritte Entwarnung gilt jenen Streaming-Abonnenten, die sich gerade erst von jenen schweren Blessuren erholt haben, die sie beim letzten Netflix-Ausflug in den italienischen Literatur-Kanon davongetragen haben – der (ebenfalls von einem britischen Team angefertigten) Serienzubereitung des „Decamerone“: Ganz so ein Desaster ist der „Leopard“ dann doch nicht geworden. Ein Desaster ist die Serie aber eigentlich schon.

Wobei wir an dieser Stelle vielleicht noch eine Entschuldigung einschieben müssen: Marvel- und -Horror-Regisseur Shankland und der „Ripper Street“-Autor Warlow erzählen die Geschichte vom Leoparden für eine geschichtsvergessene Generation. Für Menschen, denen man Garibaldi-Denkmäler erklären muss und das Risorgimento, die nicht wissen, wie Italien zu Italien wurde und unter welchen Schmerzen und Opfern.

„Alles würde nur eine Komödie sein“

Das entschuldigt natürlich nicht alles. Dass schon der Hund des Leoparden eine Fehlbesetzung ist beispielsweise – Bendicò, dessen Ende uns sowohl Shankland als auch Visconti ersparen, ist bei Netflix keine Deutsche Dogge – nachtschwarz, verspielt, ein Tier wie der Roman und der Fürst, irrelaufend zwischen Beweglichkeit und Beharren – sondern ein Irischer Wolfshund. Was schon ein Zeichen ist, für die komplette Ignoranz Shanklands und seines Teams gegenüber jenem Metapherngeflecht, das Lampedusas Roman erst zu einem überragenden Erzählstrom werden lässt.

Einem Erzählstrom, der um die Macht der Rituale, die Vergeblichkeit des Fortschritts kreist, darum, dass – so heißt es im „Leopard“ – vieles geschehen wird, „doch alles würde nur eine Komödie sein, eine lärmende romantische Komödie mit ein paar Blutflecken auf dem Narrenkostüm. Die Freuden eines Lebens fern der Geschichte. Eines Lebens, in dem Dinge, Bewegungen, Gerüche und Szenen die Elixiere sind, die am Leben erhalten“.

Shankland und Warlow erzählen von diesem Leben als untersubtile, lärmende romantische Komödie. Mit viel Hitze. Und Staub. Und Nacktheit. Der Netflix-„Leopard“ aber ist eine Sinnlichkeit bloß behauptende Seifenoper, eine Kreuzung aus Spaghetti-Western, „Das Erbe der Guldenburgs“ und „Downton Abbey“.

Damit die historischen Umwälzungen für die Generation Z nachvollziehbar werden, macht Shankland einfach alles offensichtlich: Kim Rossi Stuarts Leopard gibt sich von der ersten Minute an keine Mühe, seine Arschlochhaftigkeit zu überspielen. Benedetta Porcarolis Concetta schaut mit einer versteinerten Besorgte-Bürger-Miene auf die Welt, deren prinzipielles Beleidigtsein sie selbst dann nicht loswird, wenn sie sich ihrem Lebensziel nähert, Tancredi doch noch zu bekommen. Deva Cassel (Tochter von Monica Bellucci und Vincent Cassel) wird als sinnlicher Explosivstoff Angelica eingeführt, richtig gezündet wird sie nie. Und Francesco Colellas Calogero ist ein Musterbeispiel dafür, was passiert, wenn man einen schlechten Schauspieler einen schlechten Schauspieler spielen lässt.

Und was lernt man nun aus diesem „Leopard“? Wie man ein Männerepos in eine Frauengeschichte verwandelt. Und dass uns der Serien-Gott davor schützen möge, dass sich irgendwelche Briten für Netflix an den „Buddenbrooks“ vergreifen. Oder am „Stechlin“. Und dass man im Spätsommer vielleicht doch mal nach Sizilien fahren sollte. In dieses Land ohne Erlösung (so steht es im „Leopard“). Ins Land der Hitze und der Sinnlichkeit. Zu den Zitronen und den blühenden Oleandern. Zu den Villen und Menschen, die jeder Zeitenwende trotzen.

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