Im Kino hat sich in den vergangenen Jahren eines kleines Mikrogenre gebildet, in dem das Theater der Schauplatz mörderischer Intrigen ist. Natürlich nicht das post-dramatische Theater der Gegenwart, sondern das Theater, wie es bis zur kulturellen Revolution der 1960er-Jahre war – mit seiner ganzen angestaubten Romantik und dem großen Reservoir schrulliger Typen, denen es Zuflucht bot, bevor die schrulligen Typen der gesellschaftliche Mainstream wurden.
In der britischen Bühnenwelt der 50er spielte „See How They Run“, wo Adrien Brody 2022 als unsympathischer Amerikaner gleich zu Beginn nach ein paar effektvollen Monologen ermordet wurde. Sicher nicht die Traumvorstellung eines Schauspielers von der Rolle, die ihm ein Drehbuch zuweist. Aber bevor er seinen zweiten Oscar gewann, war es mit Brody ein bisschen bergab gegangen. Er war nicht mehr jung und noch nicht alt und brauchte das Geld für dieses Filmgastspiel in einem England irgendwo zwischen den Beatles (die allerdings nur den Titel beisteuerten) und Agatha Christie.
Ein Jahr später stritten sich Isabelle Huppert und Nadia Tereszkiewicz in „Mein fabelhaftes Verbrechen“ um die Urheberschaft eines Mordes und die besten Rollen im Pariser Theater der 1930er-Jahre. Noch mehr als „See How They Run“ war der französische Film ein Rausch der Kostüme und der Plüschigkeit, aber genauso wie dort stand das Komödiantische im Vordergrund. Die Morde waren nur ein Anlass für schwarze Komik.
Als Komödie erscheint am Anfang jetzt auch „The Critic“. Ian McKellen spielt darin die Titelrolle, einen mächtigen Theaterkritiker, der als Autor einer der auflagenstärksten Londoner Zeitungen eine nationale Berühmtheit ist. Dieser Jimmy Erskine wirkt wie ein Klischee, aber Figuren dieser Art hat es auch in Deutschland gegeben, bis sie vor ein oder zwei Jahrzehnten alle in Rente gingen oder Einsparungen und der zunehmenden Bedeutungslosigkeit des Genres Theaterkritik zum Opfer fielen.
Erskine ist selbst eine im guten wie im bösen Sinne des Wortes theatrale Figur. Aus jedem Auftritt macht er ein wohlkalkuliertes Minidrama – egal ob bei seinen inszenierten Ein- und Abmärschen abends im Theater oder mittags beim Essen mit seinem Kollegen, dem Opernkritiker, im Club. Und wie im Theater ist auch nicht alles echt an ihm – außer seinem leidenschaftlichen Flirt mit dem Publikum: in diesem Falle den Lesern seiner Kritiken.
Nostalgische Feier der alten britischen Theaterwelt
Zwar pocht er pathetisch darauf, nur der Wahrheit der Bühnenkunst verpflichtet zu sein. Doch wichtiger ist ihm noch seine Formulierungskunst. Für eine gute Pointe verrät er alles. Besonders rücksichtslos gießt der Schwule Erskine seine rhetorische Säure über Frauen aus – auch das ein der Wirklichkeit abgeschauter Zug der alten Kritiker-Herrlichkeit, dem man nicht nachtrauern muss. Am Härtesten bekommt das die Schauspielerin Nina Land (Gemma Arterton) zu spüren, der er in immer neuen Formulierungen jegliches Talent abspricht und sie der Lächerlichkeit preisgibt. Die besondere Tragik liegt daran, dass Land schon als Kind eine bewundernde Leserin von Erskines Kritiken war und deshalb zum Theater gegangen ist.
Ausgerechnet mit ihr spinnt Erskine eine Intrige, als er seinen Job durch einen Verleger-Wechsel bei der Zeitung losgeworden ist. Der neue Eigentümer Viscount Brooke (Mark Strong), der das Blatt nach dem Tode seines Vaters geerbt hat, mag den alten Kritiker nicht. Den Vorwand, ihn zu feuern, liefert ihm ein gesellschaftlicher Skandal: Erskine und sein Sekretär werden bei einer Razzia gegen Homosexuelle von der Polizei aufgegriffen. Mithilfe von Nina Land, die er als erotischen Köder für eine Erpressung Brookes auslegt, will Erskine nun seine Stelle zurückgewinnen. Im Gegenzug verspricht er Land, sie zum Star hochzuschreiben – und verrät damit die eigenen Ansprüche. Er hat schließlich nicht nur symbolische Macht zu verlieren, sondern auch Geld, denn 1934 konnte man offenbar als Theaterkritiker zumindest wohlhabend werden und einen entsprechenden Lebensstil führen.
Mehr und mehr offenbart sich nun etwas unsympathisch Manisches an Erskines Persönlichkeit. Eine Episode, in der er sehr mutig eine Horde britischer Nazis provoziert, hält dieses allmähliche Hinübergleiten auf die dunkle Seite nur kurz auf. Der große raffinierte Plan scheint zunächst aufzugehen. Doch dann läuft alles aus dem Ruder, auch weil Erskine das Doppelleben von Land, die eine geheime Beziehung mit dem Schwiegersohn von Brooke hat, nicht kalkuliert hat. Die Eskalation führt zu mehreren Todesfällen. Zunehmend gerät Erskines Sekretär (Alfred Enoch) dabei in Gewissenskonflikte.
Der Plot beruht auf dem Roman „Curtain Call“ von Anthony Quinn, auf dessen Basis der Dramatiker Patrick Marber das Drehbuch schrieb. Getragen wird er von Schauspielern, die die verborgenen Seiten ihre Figuren glaubhaft machen können. Das gelingt nicht nur McKellen, den Jüngere vor allem als Marvel-Magneto kennen, der aber selbst eines der letzten Spitzenprodukte jener alten britischen Theaterwelt ist, die der Film nostalgisch feiert. Gerade der Kontrast mit Arterton, deren Nina Land auch nicht so naiv und ehrlich ist, wie es zunächst scheint, beschert dem Film seine besten Momente. Und Strong macht den vermeintlich fiesen Verleger zu einer tragischen Figur, mit der man mitleiden muss, wenn man ein Herz hat.
Der Film „The Critic“ läuft im Kino.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke