Eine reiche alleinstehende nigerianische Frau sitzt während der Corona-Pandemie in ihrem Haus in Maryland fest und beginnt, nachdem alle Lockdown-Vorhaben (einen Roman schreiben, auf den Hometrainer gehen, nahrhaftes Essen zubereiten), gescheitert sind, sich an die Männer ihres Lebens zu erinnern. An Darnell, einen neurotischen, emotional unverfügbaren Intellektuellen, an Chuka, einen soliden nigerianischen Ingenieur – und an einen weißen, namenlos bleibenden Engländer, in den sie als vielleicht einzigen aufrichtig verliebt gewesen ist, der jedoch verheiratet war.

Die Frau, eine Reiseschriftstellerin, heißt Chiamaka, und aus ihrer Perspektive lernen wir auf den ersten 130 Seiten des 528 Seiten starken neuen Romans der nigerianischen Star-Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie nicht nur verschiedene Männerfiguren kennen, sondern auch die anderen drei Frauen, deren Perspektiven einen durch das Buch tragen: Chiamakas beste Freundin Zikora, ihre Cousine Omologor und ihre Hausangestellte Kadiatou. Jeder von ihnen ist ein Teil des Romans gewidmet, und die zarte Verzahnung und zeitliche Komplexität ihrer Geschichten ist nur eine erste Zutat im Cocktail der Genialität dieses Großwerks, die unbedingt Erwähnung finden muss.

Lange musste man auf den neuen Roman von Chimamanda Ngozie Adichie warten. Seit ihrem in Deutschland vor elf Jahren erschienenen internationalen Mega-Bestseller „Americanah“ ist die 47-jährige Schriftstellerin und Essayistin ein intellektueller Superstar. Tatsächlich ist die Bedeutung ihrer Stimme für die Debatten der Gegenwart kaum zu unterschätzen – wegen der Einzigartigkeit ihres Blicks auf die Welt, der mittlerweile zu einer komplexen Poetologie herangewachsen ist: Adichie ist eine dezidiert politische Autorin, aber ihr Zugang verweigert sich jeder aktivistischen Eindeutigkeit. Ihre grandiosen Erzählwelten speisen sich einerseits aus einem zutiefst weiblichen Blick auf die Welt – sie handeln von Frauenschicksalen, sind getragen von einer unmittelbaren Emotionalität, von der fast körperlichen Wucht des Erzählten –, gleichzeitig könnte man Adichies Schreiben als neuen Universalismus feiern.

Die vielen Augen der Kunst

In einer Welt, in der der weiße männliche Blick zumindest literarisch im Moment nichts Neues bieten kann, ist Adichies komplexe Form der Weltbetrachtung noch immer aufregend und neu, zumal ihre Romane maximale Lesbarkeit mit einer ungeheuren Komplexität der Perspektive verbinden – sie sind Weltliteratur, Adichie ist ein Dostojewski unserer Zeit. „Dream Count“ heißt der neue Roman, das leitet sich von „Body Count“ ab. „Body Count“ meint sowohl das Zählen getöteter Feinde im Krieg, als auch (umgangssprachlich) das Zählen von Menschen, mit denen man geschlafen hat.

Bereits der Titel verbindet Sexualität und Tod mit einer Nonchalance, von der das ganze Buch getragen ist. Atemlos liest man sich durch die Demütigungen, die Chiamaka durch den biestigen Darnell erträgt, den man gleichzeitig getrost als prototypische Darstellung eines schwarzen amerikanischen Intellektuellen lesen darf, der seine persönliche Unzulänglichkeit in postkoloniale Diskurstheorien sublimiert hat. Man folgt gebannt der Geschichte der erfolgreichen Bankerin Omelogor, die irgendwann glaubt, nach Amerika ziehen und über Pornografie forschen zu müssen – und daran zerbricht. Besonders nahegehend ist die Geschichte von Kadiatou, Chiamakas so liebevoller wie rätselhafter Hausangestellter, deren Kindheit als Tochter eines verunglückten Minenarbeiters von schweren Schicksalsschlägen gezeichnet ist. Kadiatou arbeitet schließlich in einem Restaurant in der guineischen Hauptstadt Conakry und wird vom Besitzer des Restaurants vergewaltigt – sie entscheidet sich, ihn anzuzeigen, und ihr Fall wird Gegenstand internationaler Berichterstattung.

Adichie hat ein Nachwort zu ihrem Buch geschrieben, es ist ein Vergnügen, zu lesen, weil es – scheinbar erklärend –, selbst neue Intertextualitäten schafft. Sie schreibt zunächst, in Romanen gehe es „nie wirklich um das, worum es geht“ – um dann im nächsten Satz eine scheinbar eindeutige Lesart mitzuliefern, nämlich die, dass „Dream Count“ von der Trauer um ihre verstorbene Mutter handle, weshalb das Buch so sehr von Mutter-Tochter-Beziehungen erzähle. Dann liefert sie eine weitere Erklärung: Der Fall Dominique Strauss-Kahn habe sie inspiriert, sich die Figur der Kadiatou auszudenken. Genau wie das New Yorker Zimmermädchen Nafissatou Diallo, das den mächtigen ehemaligen Finanzminister der Vergewaltigung bezichtigte – und deren Fall schließlich fallen gelassen werden musste, weil Diallo sich in ein Netz von Widersprüchlichkeiten verstrickt hatte.

„Ein Opfer“, schreibt Adichie, „muss nicht perfekt sein, um Gerechtigkeit zu verdienen.“ Und holt dann zu einer Poetologie aus: Es sei ihr wichtig gewesen, ein „schonungslos menschliches Porträt“ zu schaffen, kein „ideologisches“ – weil „die Ideologie andere Sichtweisen ausschließt, die Kunst jedoch viele Augen braucht.“

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