«Olympisches Dorf» – das klingt gemütlich. Doch jenes von Mailand wirkt steril und kühl. Es besteht aus sechs monotonen Wohnblöcken.
Die Strasse davor ist noch eine Baustelle, man bekommt sofort staubige Schuhe. Darum heisst es beim Eingang: «Bitte stülpen Sie sich diese blauen Plastiküberzüge über ihre Schuhe.» Drinnen ist schon alles sauber und fixfertig.
«Das ist eines der Einzelzimmer. Bett, Schrank, Schreibtisch», erklärt Stefano Corbella von der Baufirma Coima. Er führt uns durch ein kleines Zimmer ohne jeglichen Charme.
Schmuckloses Fertigmodul-Badezimmer
Es geht weiter ins winzige Badezimmer. Dieses wurde als Ganzes, samt Wänden, Plattenboden und Duschkabine, vorfabriziert, angeliefert und dann als Fertigmodul eingebaut.

«Wir mussten nur die Wasser- und Stromleitungen anschliessen», erklärt Corbella stolz. Warum diese vorfabrizierten Bäder? «Weil man damit viel Zeit spart.»
Unsere Idee war es, nicht ein olympisches Dorf zu bauen, sondern ein Studentenheim.
Der Baufirma ist es gelungen, das olympische Dorf mit seinen 1400 Zimmern und 1700 Betten in nur zwei Jahren aus dem Boden zu stampfen. Das Tempo ist aber nicht die einzige Besonderheit, erklärt Corbella: «Unsere Idee war es, nicht ein olympisches Dorf zu bauen, sondern ein Studentenheim.»
Mailand hat viele Studierende, aber es fehlt an günstigen Wohnungen. Darum ziehen hier nach den Olympischen Spielen Studierende ein.
Die Mieten sollen erschwinglich sein. Das jedenfalls beteuert der Mitarbeiter der Baufirma. Und – ganz wichtig – in diesem Projekt stecke kein einziger Euro Steuergeld. Ausschliesslich private Investoren hätten den Bau im Umfang von insgesamt 140 Millionen Euro finanziert.
Olympisches Dorf statt Güterbahnhof
Das olympische Dorf befindet sich im Süden Mailands im Quartier Porta Romana. Hier stand bis vor wenigen Jahren ein grosser verlassener Güterbahnhof. «Die Gleise waren von Gras überwuchert, es gab viele Mäuse und Obdachlose», sagt ein Anwohner.

Nun aber wird überall gebaut, nicht nur das olympische Dorf. Er sei zufrieden mit diesem Bauboom, sagt ein anderer Anwohner: «Vor gut 20 Jahren habe ich hier günstig ein kleines Haus gekauft – jetzt ist es mehr als das Doppelte wert.»
Fassade wie ein sowjetischer Plattenbau
Ein weiterer Anwohner jedoch stört sich an der sterilen, monotonen Fassade. Ein sowjetischer Plattenbau sei das, witzle man hier im Quartier über das olympische Dorf.

Maria Vittoria Capitanucci ist Architekturprofessorin am Mailänder Polytechnikum. Das Bauprojekt sei Teil einer Stadtreparatur, sagt sie.
Die Mieten im Quartier könnten steigen und bisherige Bewohnerinnen und Bewohner vertreiben.
Der stillgelegte Güterbahnhof war eine Barriere, ein Schnitt quer durchs Quartier. Jetzt wachse es mit dem olympischen Dorf und weiteren Neubauten wieder zusammen. Das neue Stadtviertel werde sehr grün sein, denn die Hälfte des alten Güterbahnhofs werde zu einem Park.
Auch günstige Wohnungen sollen entstehen
Bis vor wenigen Jahren wohnten in dieser Gegend vor allem Leute mit wenig Geld, es gab günstige Wohnungen und Kleingewerbe.
Immerhin: Der Masterplan, der alle Neubauten umfasse, sieht auch Sozialwohnungen vor. Doch: «Trotzdem könnten nun die Mieten im Quartier steigen und bisherige Bewohnerinnen und Bewohner vertreiben», sagt Capitanucci.
Mailand verfügt noch über weitere stillgelegte Güterbahnhöfe, welche eine Landreserve für die dicht bebaute Metropole bilden. Die Architektin nennt sie «schlafende Dinosaurier». Jetzt erwachen sie zu neuem Leben.
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