Das vergangene Jahrzehnt ist für Juden nicht leicht gewesen. Die Zahl der antisemitischen Übergriffe ging steil nach oben: hier ein Mord, dort eine Messerattacke, dann das Massaker in einer Synagoge in Pittsburgh. Aber nach dem 7. Oktober 2023, an dem die Hamas, eine genozidale Terrorgruppe, im Süden Israels 1200 Juden schlachtete, Frauen vergewaltigte, Kinder und Eltern zu Tode folterte – der schlimmste Angriff auf Juden seit dem Holocaust –, geriet alles außer Rand und Band: Juden auf dem ganzen Planeten wurden angegriffen und bedroht.

In den Vereinigten Staaten war es insgesamt weniger schlimm als in Europa. Das liegt vor allem daran, dass es sich bei den amerikanischen Juden nicht um eine völlig bedeutungslose Minderheit handelt; so sind 13 Prozent der Einwohner von New York Juden. Aber auch in New York kam es zu erschreckenden Szenen.

Besonders schlimm war die Situation an der Columbia University: Jüdische Studenten wurden angespuckt, Mobs von hunderten Hamas-Unterstützern brüllten antisemitische Slogans. Eine Gruppe von Pro-Hamas-Studenten skandierte: „Bomb, bomb Tel Aviv.“ Die Juden wurden aufgefordert, sie sollten „zurück nach Europa“ oder „zurück nach Polen“ gehen; es gab den Vorschlag, Juden aus ihren Häusern zu vertreiben, da sie doch dasselbe mit den Palästinensern gemacht hätten. Einer der Demonstranten rief den jüdischen Studenten zu: „Für euch wird jetzt jeder Tag ein 7. Oktober sein!“

Und die Pro-Hamas-Stimmung beschränkte sich nicht auf die Studentenschaft. Joseph Massad, der inzwischen als Professor an der Columbia University die Geschichte des Nahen Ostens lehrt, nannte das Massaker vom 7. Oktober großartig („awesome“). Nach dem 7. Oktober wurde der Gastprofessor Mohamad Abdou fest angestellt, der erklärt hatte, er stehe fest an der Seite der Hamas und des Islamischen Dschihad (einer Terrorgruppe, die noch radikaler ist als die Hamas). Viel Kritik übten jüdische Studenten und Fakultätsmitglieder daraufhin an Minouche Shafik, der damaligen Präsidentin von Harvard. Im August 2024 musste sie von ihrem Posten zurücktreten.

Die Vereinigten Staaten legen die Meinungsfreiheit viel weiter aus als die anderen westlichen Demokratien: Es gibt keine Gesetze, die „hate speech“ verbieten würden. Auch private Universitäten wie die Columbia zensieren in aller Regel keine radikalen Äußerungen. Allerdings darf man fragen, ob auf ihrem Campus in Manhattan eine Demonstration des Ku-Klux-Klans mit weißen Kapuzen wohl ebenso freundlich aufgenommen worden wäre wie die Darbietungen der Hamas-Sympathisanten.

Und dann gibt es neben dem Recht auf Meinungsfreiheit seit 1964 auch noch „Title VI“. Dieses Gesetz bestimmt, dass Universitäten, die Studenten auf der Grundlage von „Rasse, Hautfarbe und nationaler Herkunft“ diskriminieren, keinen Anspruch auf Förderung durch den Bundesstaat haben. Auf der Grundlage von Title VI hat die Regierung Trump soeben beschlossen, dass 400 Millionen Dollar staatliche Förderung an die Columbia University mit sofortiger Wirkung gekappt werden. Zwar hatte die Universität schon eigene Komitees eingerichtet, um Antisemitismus auf dem Campus zu ahnden, aber dies ging der Regierung offenbar nicht weit genug.

Was der Verlust dieser Geldsumme für die Universität im Detail bedeuten würde – sie betreibt unter anderem ein allgemeines Krankenhaus –, ist noch nicht abzusehen. Auf jeden Fall war der Schock groß genug, dass sich die Interimspräsidentin von Columbia, Katrina Armstrong, sofort mit Linda McMahon traf, Trumps Bildungsministerin, um über die 400 Millionen zu verhandeln. Beide Seiten behaupten, die Gespräche seien konstruktiv verlaufen. Der Sprecher der jüdischen Studentenorganisation „Columbia/Barnard Hillel“ hofft, dass die Ankündigung die Universitätsleitung aufwecken wird. Andere, so Donna Liberman, die Direktorin der „New York Civil Liberties Union“, sehen die Meinungsfreiheit in Gefahr: Sie fürchtet, dass künftig nur noch die Weltanschauung der Trump-Bewegung gelehrt werden darf.

Das mag wahr sein oder auch nicht. Sicher ist, dass diese Maßnahme Trump wohl keine jüdischen Wählerstimmen bescheren wird. Erstens deshalb, weil amerikanische Juden in ihrer Mehrheit immer noch linksliberal sind: 79 Prozent von ihnen stimmten 2024 für Kamala Harris. Zum anderen haben amerikanische Juden ein ziemlich gutes Gedächtnis. Sie erinnern sich etwa, dass Donald Trump sich im Herbst 2022 mit zwei Holocaustleugnern zum Abendessen traf – dem weißen Rassisten Nick Fuentes und dem schwarzen Rapper Kanye West, der sich neuerdings Ye nennt. Sie wissen, dass zu Trumps Unterstützern der erfolgreiche rechtsradikale Podcaster Tucker Carlson gehört, der mit sichtbarer Lust antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet, unter anderem die, dass Juden die weiße Bevölkerungsmehrheit durch dunkelhäutige Immigranten ersetzen wollten.

Juden, die sich ein bisschen mehr für Politik interessieren, könnten auch bemerkt haben, dass die israelfreundlichen Konservativen unter Trumps Unterstützern längst nicht mehr den Ton angeben. Sie werden zusehends durch Agitatoren wie Candace Owens ersetzt, die ihrem Millionenpublikum auf YouTube verrät, eine jüdische Sekte, die Satan verehre, kontrolliere die Geschicke der Welt; außerdem sei John F. Kennedy den Juden zum Opfer gefallen, und man müsse doch fragen dürfen, ob Hitler nicht vielleicht ein feiner Mann war.

Kurz gesagt: Die meisten amerikanischen Juden verstehen, dass es Donald Trump und den Seinen nicht um den Kampf gegen den Antisemitismus an sich, sondern vor allem um den linken und muslimischen Antisemitismus geht. Während sie mit dem rechten und christlichen Antisemitismus ganz gut auszukommen scheinen. Es bleibt die unbestimmte Ahnung, dass der Kampf gegen den Judenhass an der Columbia University für diese Regierung kein edler Selbstzweck ist, sondern eine andere Agenda vorantreiben soll.

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