Lange hat Matthias Hartmann vermieden, nach Wien zu kommen. Nachdem er vor elf Jahren als künstlerischer Direktor des Burgtheaters entlassen worden war, hat er den sprichwörtlich großen Bogen um die Stadt gemacht. Der Auslöser war damals ein Finanzskandal, der über Wochen die Medien und über Jahre die Gerichte beschäftigte. Es ging um gefälschte Bilanzen und Veruntreuung.
Hartmann wurde später freigesprochen und rehabilitiert. In seinem kürzlich veröffentlichten Buch heißt ein Kapitel „Noch mal die fucking Geschichte mit der Burg“ (mit dem Anhang eines Investigativjournalisten). Diese Geschichte lässt ihn noch immer nicht los.
„Groll gibt es noch, Wut auch“, sagt Matthias Hartmann, er wirkt aber gar nicht so. Selbst als er kurz den kafkaesk anmutenden Prozess gegen sich schildert, hat es fast etwas Heiteres. Er kann darüber lachen. Den Bogen um Wien muss er nicht mehr machen. Er sitzt im Palmenhaus, wenige Meter vom Burgtheater entfernt. Hartmann ist auf dem Weg von Salzburg, wo er lebt, nach Riga, wo er eine „Parsifal“-Adaption am Theater von Alvis Hermanis inszeniert.
Hermanis war ein in Deutschland gefeierter Regisseur, der 2015 einem Theater schrieb, es solle sich nicht als „Refugee-Welcome-Center“ aufführen. Der Empfänger gab den Briefwechsel ohne Einverständnis des Absenders an die Medien, die einen Skandal daraus machten. Hermanis sagte daraufhin seine geplante – und heute prophetisch klingende – Inszenierung „Russland. Endspiele“ ab und zog sich nach Lettland zurück.
Hartmann zeigt auf dem Smartphone, dass alle Vorstellungen des „Parsifal“ restlos ausverkauft sind, eine Stunde nach Beginn des Vorverkaufs. Das ist nicht nur für ihn eine gute Nachricht, die ihn sichtbar stolz macht, sondern für alle Mitarbeiter des Hauses. Die werden nämlich am Erfolg der Produktionen beteiligt, wie Hartmann erzählt.
Hartmann sucht den dritten Weg in der Subventionsdebatte
Das ist genau sein Thema: ein Theater, das auf Publikum statt Peer-Group setzt, das Erfolg an der Kasse mit Förderung verbindet. Darum geht es auch in seinem Buch „Warum eine Pistole auf der Bühne nicht schießt“, viel mehr als um die „fucking Geschichte mit der Burg“. „Ein kleiner Versuch, das Theater zu retten“, so der selbstbewusste Untertitel. Es geht um nichts Geringeres als einen „Dritten Weg“ in der großen Subventionsdebatte.
Als Hartmann sein Buch schrieb, konnte er nicht ahnen, wie hitzig Ende des Jahres 2024 in den Feuilletons über die Subventionierung von Kultur und insbesondere der Theater diskutiert werden würde. Dabei ist das sein wichtigstes Anliegen. „Die jetzige Subventionskultur ist unfair gegenüber dem Publikum“, sagt er. Seine Kritik ist, dass die Theater für eine Bedeutungsblase statt fürs Publikum produzieren, weil die Subventionen wichtiger als die Einnahmen an der Kasse sind.
Hier gelte eine Kryptowährung, über die das normale Publikum nicht verfüge, weil der Schattenmarkt nur kulturpolitische Hinterzimmer, Redaktionsstuben und Jurysitzungen umfasse. Wie eine Thomas-Bernhard-Figur kann Hartmann sich über „Geschmackspolizei“, „Gesinnungskonsens“ und „Theatertreffenmafia“ empören.
„Wir müssen das Theater vor dem Erstickungstod retten“, sagt er. In seinem Buch zitiert er den alten Goethe, der sagte, nichts sei für eine Theaterdirektion gefährlicher, als gar nicht auf die Kasse schauen zu müssen. Eine Warnung, sich nicht allein vom Geschmack des Fürsten abhängig zu machen, dessen Zuschuss auch Goethe für unverzichtbar hielt.
Heute gibt es zwar keine Fürsten mehr, aber dafür den herrschenden Geschmack der Bedeutungsblasen, die sich bevorzugt dort bilden, wo es öffentliche Gelder gibt. Hartmann möchte nicht falsch verstanden werden: „Ich bin ein Theatermensch. Ich möchte, dass das Theater existiert. Und die Leute sollen mitbekommen, dass es existiert. Das Publikum soll auch eine Stimme bekommen.“
Wer Erfolg hat, wird belohnt
Wie Goethe zu seiner Zeit hat auch Hartmann konkrete Vorschläge: Theater sollen eine Grundförderung bekommen, dazu kommt eine von den Eigeneinnahmen abhängige Bonusförderung. Wer Erfolg hat, wird belohnt. „Das Geld in der Kasse lügt nicht, anders als die Lügenzahl Auslastung, mit der man sehr einfach tricksen kann.“ Auch die Gage der Regie soll mit dem Kassenerfolg steigen.
„Alle Künstler tragen ein Risiko, nur die Leute im Subventionstheater nicht, die einen Schattenmarkt geschaffen haben“, sagt Hartmann, um sich prompt zu korrigieren. Denn bereits heute hängen Dramatiker, die von Tantiemen leben, oder Musiker, die pro Vorstellung bezahlt werden, vom Erfolg einer Inszenierung ab. Das Risiko würde dann nur gleichmäßiger verteilt.
Sollen sich die Theater als Diener des Publikums begreifen? Nur noch auf Masse statt auf Klasse setzen? Hartmann winkt ab, er würde auch die Anzahl der Musicals durch die Kulturpolitik beschränken lassen. „Man darf die Zuschauer nicht zum Funktionstierchen instrumentalisieren“, so Hartmann. Man solle nicht gegen oder für das Publikum Theater machen, sondern auf Augenhöhe. Was das genau heiße, müsse man in der gemeinsamen Arbeit bei den Proben herausfinden. „Man muss doch selbst Gänsehaut kriegen!“
Wenn man sich als Zuschauer ernst nehme, fühle sich auch das Publikum gemeint, das gehe auch mit Jon Fosse, nicht nur mit seichten Komödien. „Wir dürfen nur nicht so tun, als ob wir bessere Menschen wären, bloß weil wir im subventionierten Raum leben.“
Hartmann ist in Plauderlaune. Selbst im Sitzen ist er mit seinen fast zwei Metern Körpergröße nicht zu übersehen, er streicht sich durch die weißen Haare. Ein weiteres Missverständnis will er unbedingt noch ausräumen: Er möchte die Debatte über das Subventionstheater nicht mit einer Tirade über die zeitgenössische Theaterästhetik vermischen.
„Pauschal zu sagen, Video sei Firlefanz, ist lebensgefährlich für das Theater“, sagt er und schwärmt davon, wie er einmal Christian Krachts „1979“ inszeniert hat – mit Kameras. Auch Nacktheit dürfe man nicht verteufeln. „Jürgen Gosch in Düsseldorf, das war geil!“, sagt Hartmann. „Klar, es gibt tendenziöse Theatermoden, die nur auf mediale Präsenz zielen. Jedes gute Beispiel hat ein schlechtes Gegenbeispiel.“
Molières „Menschenfeind“ kann er auswendig
So scharf Hartmann polemisieren kann, so schnell kommt er ins Schwärmen. „Das Theater ist kein elitärer Ort“, sagt er. „Es ist ein Raum, wo verführt und verzaubert wird, wo man jemanden mit auf die Reise nimmt. Und das kann auch mal anstrengend sein, das ist nicht Netflix.“ Man müsse das Theater auch nicht immer neu erfinden, Anachronismus sei eine Chance.
Molière zum Beispiel! „Der Menschenfeind“ kann Hartmann auswendig und legt direkt los: „Was ist? Was haben Sie? – Lassen Sie mich allein! – Müssen Sie denn immer gleich so unfreundlich sein? – Sie sollen mich in Ruhe lassen, Herr! Sie stören! – Sollte man, bevor man sich erregt, den andern nicht erst hören?“
Wie Molière stört sich auch Matthias Hartmann an Verlogenheit und Heuchelei. Er erklärt es gern mit Autos: Aus Protest gegen den Saab seiner salonlinken Eltern fährt er Sportwagen, etwa einen Porsche. „Das ist ein Trotz gegen dieses Imagedesign, das nichts mit der Wahrheit zu tun hat“, sagt Hartmann.
Im Theater habe das Imagedesign zu einer immer größeren Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit geführt, sehr zum Unwillen einer jüngeren Generation, die dagegen protestiert. In seinem Buch schreibt er: „Das Gerechtigkeitsgetöse, mit dem die Peymänner, die Steins und Flimms sich vermarkteten, stand im Widerspruch zum autoritären Führungsstil, mit dem sie ihre Theater drangsalierten.“
Das Ziel: Ohne Angst Theater machen
Und bei ihm selbst? Wurde nicht auch gegen ihn protestiert? „Was ich mir früher geleistet habe, würde ich heute nicht mehr machen“, sagt Hartmann. „Wir haben alle dazugelernt, das war notwendig.“ Nach dem Burgtheater war er einige Monate beim Fernsehsender von Red Bull. Von den Personalabteilungen solcher Unternehmen könnten sich Theater einiges abschauen. „Wir haben es kräftig übertrieben – und nun schlägt das Pendel in die andere Richtung aus.“
Man wollte ohne Angst Theater machen, das war das Ziel. Und heute? Habe sich die Sache verselbstständigt. „Nun gibt es ein Angstregime 2.0, alle fürchten sich vor der Guillotine der Theaterjakobiner“, spitzt es Hartmann zu. „Und diejenigen, die in solchen Debatten am lautesten schreien, sind nicht die Begabtesten.“
Mit seiner Lust an der Zuspitzung macht sich Hartmann nicht nur Freunde. Will er auch nicht, wie er sagt: „Das Theater der Zukunft muss sich von der Bedeutungsblase mit ihrer Kryptowährung unabhängig machen.“ Hartmann weiß, dass er es schlecht in falscher Harmonie aushält. In seinem Buch schreibt er an einer Stelle: „Zu trotzig, zu eitel, zu ich.“
Auch mit Wien ist Hartmann noch nicht fertig. Er wird zurückkehren. Nicht ans Burgtheater, sondern ans Theater in der Josefstadt, wo er Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ inszeniert: ein Stück über obsessive Liebe zur Bühnenkunst und einen Theatermacher, der am Ende im Regen steht. Einen Bogen macht Matthias Hartmann nicht mehr um Wien, es sieht eher nach erneutem Zusammenstoß aus.
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