Es gab eine Zeit, da wollten Architekten die Welt verändern. Das Bauhaus etwa verstand sich nicht als Stilrichtung, sondern als Werkstatt einer Lebensreform. Le Corbusier wollte neue Städte für neue, motorisierte und sonnendurchflutete Menschen bauen. Von Mies van der Rohe ging die Sage, er ließe die Möbel der von ihm entworfenen Villen am Boden festschrauben, damit die Besitzer die Raumästhetik nicht zerstören konnten. Der Held von Ayn Rands Roman „The Fountainhead“ ist ein Architekt, der seine Schöpfungen als Monumente des Individualismus begreift, wie der Held des kürzlich angelaufenen Films „Der Brutalist“.

Inzwischen sind die meisten Architekten bescheidener geworden und begreifen sich wieder als Dienstleister. Was der Auftraggeber will, wird gebaut: protzig oder sachlich, modern oder postmodern, originell oder konventionell, Stein- oder Glasfassade, billig oder teuer.

Als Vorbild dieser neuen Geschmeidigkeit könnte Hermann Henselmann dienen. Von der Moderne begeistert, baute er 1930 in Montreux eine Villa im Stil Le Corbusiers; im Dritten Reich zeichnete er Nutzbauten für die Nazis; schließlich machte er als Chef-Architekt der DDR jede Wendung der offiziellen Architekturdoktrin mit, entwarf in Berlin die Stalinallee im totalitären Überwältigungsstil mit Anklängen an Albert Speers Ost-West-Achse, den Leninplatz als monumentale Feier des Plattenbaus, das Hochhaus der Karl-Marx-Universität Leipzig als gen Himmel gereckter Zeigefinger aus Stahl und Glas und das Hochhaus der Universität Jena in Gestalt eines gläsernen Tele-Objektivs.

Henselmanns Enkelin Florentine Anders hat nun eine Biografie der Familie vorgelegt. Ärgerlicherweise heißt sie „Die Allee“, obwohl das Buch ebenso wenig von der Stalinallee handelt wie „Der Brutalist“ von der Architekturrichtung des Brutalismus. Wahrscheinlich spekuliert der Galiani-Verlag auf ostalgische Käufer. Noch ärgerlicher aber sind die drei Köpfe auf dem Umschlag: Henselmann jung, attraktiv, mit leicht gequältem Gesichtsausdruck, da ja genialer Künstler; seine Frau Isi und seine Tochter Isa entspannt lachend, obwohl das Buch – wie Anne Rabes Debütroman „Die Möglichkeit von Glück“ – überdeutlich macht, wie sehr die DDR eine Männergesellschaft war, wie sehr die Frauen missachtet und verachtet wurden, auch und gerade in jener privilegierten Schicht, in der sich die Henselmanns bewegten.

Im Schatten Henselmanns

Isi gebiert dem stets mit Affären beschäftigten Henselmann acht Kinder, verzichtet auf eine ordentliche Ausbildung, um bei ihm als Hilfskraft im Büro zu arbeiten und nebenbei die Familie zu managen und die Künstlerfeste zu organisieren, für die Henselmann berühmt ist und bei denen sich die korrumpierte Künstlerelite des Kommunismus ein Stelldichein gibt. Isi wird immer wieder von Henselmann gedemütigt, bis ihn das Alter endlich demütigt und der Genialische entdeckt, dass er auch nur ein Mensch ist.

Tochter Isa, die ebenfalls im Schatten Henselmanns unter ihren beruflichen Möglichkeiten bleibt, wird mit einem prominenten West-Überläufer verkuppelt, kann sich der staatlich erwünschten Liaison nur durch einen Verkehrsunfall entziehen, der einem Selbstmordversuch gleicht; wird bei einem Westbesuch vergewaltigt; muss abtreiben; bekommt Alkohol- und Drogenprobleme und wird von der Stasi zeitweilig in eine Irrenanstalt gesteckt; verliebt sich in einen algerischen Gaststudenten und träumt davon, mit ihm unter der Sonne des Mittelmeers einen echten Sozialismus aufzubauen; taucht ab in die Künstler- und entstehende Rockszene der DDR, wo aber die gleichen patriarchalischen Strukturen herrschen wie bei den Oberen; strampelt sich frei, aber praktiziert jahrzehntelang gelungene Verdrängung, bis die Tochter sie beim Schreiben dieses Buchs sanft zwingt, sich ihrer Geschichte zu stellen.

Nein, da gibt es nichts zu lachen, und dass es solche Frauenschicksale auch im Westen gab und vermutlich noch gibt, macht alles nicht besser. Freilich gehören die Henselmanns zur herrschenden Klasse der DDR; Wohnungen und Westreisen sind nie ein Problem, man steht nicht für Lebensmittel an, sondern bekommt sie aus den Exquisit-Läden oder lässt sich das Essen von einem für DDR-Verhältnisse edlen Restaurant bringen. Ab und an muss Henselmann Selbstkritik üben; er absolviert das pflichtgemäß und baut weiter für seine sozialfeudalistisichen Arbeitgeber. Anders als bei der befreundeten und verschwägerten Familie Havemann riskiert bei Henselmanns niemand das politische Turnen ohne Netz und doppelten Boden, auch Isa nicht. Am Ende helfen immer die Beziehungen des Großarchitekten weiter.

Die 1968 geborene Bildungsjournalistin Florentine Anders beschreibt das alles in einem nüchternen, schmucklosen Stil, der sich wohltuend abhebt vom Pathos aus zweiter Hand, der die Bauten ihres Großvaters auszeichnet. Gerade weil sie nicht urteilt, gar verurteilt, tritt das Hässliche umso deutlicher zutage, das Hauptmerkmal der DDR war. Hässliche Städte, hässliche Häuser, hässliche Möbel, hässliche Autos, hässlich Läden, hässliche Mode, hässliche Zeitungsartikel, hässliche Musik, als wollte die Partei beweisen, wie viel mögliche Schönheit sie „ihren Menschen“ vorenthalten konnte, ohne dass sie sich empörten. „Die Allee“ ist ein empörendes Buch, ein Buch zum Empören, ein Blick zurück, der Zorn erregt, ohne zornig zu sein. Also ein lesenswertes Buch.

Florentine Anders: „Die Allee“. Galiani, 352 S., 24 Euro

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