Vor drei Jahren, als das transatlantische Bündnis noch ein Bündnis war und der Krieg noch fern und Deutsche so richtig gar nichts mit ihm zu tun haben wollten, hätte man diesen „Tatort“ vielleicht für einen absurden Ausflug in ein Tollhaus gehalten. Status Quo singen „In the Army now“, Maschinengewehre knattern, Hubschrauber dröhnen.

Und der Kommissar im Kriegsgebiet schaut in den grauen Himmel und sagt „Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen“. Ein Scherz, den man heute für die Generation Z fast schon untertiteln muss (Robert Duvall sagt den Satz als irrer Lieutenant Colonel Kilgore, nachdem er zum Walküreritt eine feindliche Stellung im Vietnamkrieg bombardiere ließ).

Wie vieles andere im Fernsehen gegenwärtig ist auch „Charlie“, der 96. Fall für Leitmayr und Batic, von der gewissermaßen um die nächste europäische Ecke tobenden bellizistischen Wirklichkeit eingeholt worden. Zum Weinen vor Rührung ob seiner Harmlosigkeit im Angesicht des Grauens in der Ukraine taugt die Geschichte allerdings durchaus nicht. Dazu hat Dagmar Gabler in ihr verwinkeltes Drehbuch in geradezu visionärer Weise zu viele plötzlich aktuelle Widerhaken eingebaut.

Was geschieht, ist Folgendes. An der Isar wird eine Frauenleiche gefunden. Sie ist inszeniert, als wäre sie ein Zitat aus einem Schwedenkrimi. Mit Stichen übersät, bekleidet nur mit einem Mantel. Was nicht interessant wäre, säße sie nicht hinter dem Steuer eines gigantischen Geländewagens, den alle Militaria-Anhänger andächtig Humvee nennen (kommt von High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle).

Der stammt von einem US-Militärgelände ziemlich weit weg von München. Hohenfels bei Regensburg, 80 Kilometer Außengrenze. Da findet (und fand tatsächlich während der Drehbarbeiten) gerade ein Nato-Manöver statt mit 6400 Soldaten aus aller Herren Bündnis-Ländern. Simuliert wird ein Angriff aus dem Osten.

„Civilians on the Battlefield“

Die Tote war uns gleich am Anfang lebendig und im Finsteren begegnet in einem bunkerartigen Lagerhaus, von dem wir jetzt und vom geradezu „Fargo“-mäßig hochschwangeren US-Major Miller erfahren, dass es „Charlie“ heißt. Mit dem ebenfalls übertöteten Mann, den Batic und Leitmayr und Williams in Charlie finden, hatte die Tote, bevor sie beide niedergemetzelt wurden, Sex gehabt.

Was ihnen verboten war. Die beiden waren „Civilians on the Battlefield“ (COB). Das ist eine der vielen Absonderlichkeiten, die man lernt in diesem eher spielerisch beginnenden, dann immer abgründiger werdenden „Tatort“. COBs werden von Militärkomparsenagenturen gecastet, verbringen gegen einen Hungerlohn und unter Lagerbedingungen sechs Wochen in einem Manöver, sollen keine privaten Beziehungen eingehen und simulieren in fiktiven Ortschaften wie Übungsheim einen Alltag im Häuserkampf, stehen im Weg rum, machen den Soldaten das Leben schwer und werden als gespielt Schwerverletzte versorgt.

„Frieden schaffen mit Waffen“, staunt Leitmayr, ehemaliger Zivildienstleister, der er wahrscheinlich ist, innerlich kopfschüttelnd. „Die haben uns im Jugo-Krieg den Arsch gerettet“, sagt Batic, der sich als Undercover-COB ins Kriegsgebiet einschleusen lässt. Und während sich Leitmayr, der Pazifist, mit Williams am Abendbrottisch in hochmoralische Diskussionen gerät, die in einem klassischen Unentschieden enden, begegnet Batic Mila.

Die war auch im Jugo-Krieg. Die hat ein Trauma davon. Das bekämpft sie als eine Art Konfrontationstherapie im Manöver, wo es Männer gibt, die sauer sind, dass da nicht Hinrichtungen geprobt werden und Massenvergewaltigungen. „Die Manöver“, sagt Mila, „schützen mich davor, mich umzubringen.“ Schon für die Mila-Geschichte muss man sich „Charlie“ aussetzen.

Und jetzt müssen wir kurz zurückkommen zu den kreuzenden Panzern, den Maschinengewehren, den dröhnenden Hubschraubern und dem Napalm-Scherz. Geschichten wie die von Mila und entspannende Episoden wie die von den Manöverspottern, die mit Kameras bewaffnet auf einem Feldherrnhügel vor dem Militärgelände in Campingstühlen hocken und in ehrfürchtiges Aufstöhnen ausbrechen, wenn ein Chinook-Helikopter (wir Kinder der Siebziger vom Rand der rheinland-pfälzischen Manövergelände nannten sie Bananen) anfliegt, solche Geschichten brauchte Regisseur Lancelot von Naso dringend.

Die eigentliche Mordsache ist nämlich ein bisschen fadenscheinig. Ein amerikanischer Militärangehöriger, das dürfen wir spoilern, weil man sich das denken kann, durfte natürlich nicht verdächtigt werden, sonst wäre vielleicht die schöne Drehgenehmigung dahin gewesen. Er bedurfte außerdem der Unterstützung von Subplots, weil die Wucht der Bilder, in die Peter von Hallers Kamera sein Personal stellt, derart überwältigend ist. „Charlie“ ist sozusagen das „Top Gun“ unter den „Tatorten“.

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