David Matei wollte nie zur Bundeswehr – heute ist er Hauptmann, Influencer und überzeugter Staatsbürger in Uniform. Ein Gespräch über Verantwortung, Zweifel, Social Media, das Schießen auf Menschen – und warum er glaubt, die Freiheit verteidigen zu müssen.

WELT: Herr Matei, was hat Sie zur Bundeswehr geführt?

David Matei: Ich war 18, saß in der letzten Reihe im Matheunterricht – klassische Jungsreihe. Mathe konnte ich eh nicht, und just an dem Tag war mir eine Banane im Rucksack geplatzt. Ich räume also alles raus, und finde diesen halb zermatschten Brief vom Kreiswehrersatzamt – Einladung zur Musterung.

WELT: Hatten Sie den vergessen?

Matei: Total. Ich legte ihn auf die Schulbank, alle um mich herum sagten: Stimmt, so einen haben wir auch bekommen. Wir haben uns dann zusammengesetzt und gesagt: Wir wollen selbst entscheiden, was wir machen – Erdbeerpflücken in Australien, Studium oder eben gar nichts. Aber niemand sollte uns zwingen.

WELT: Sie haben sich also freiwillig gemeldet?

Matei: Nein. Das Gegenteil: Ich habe erstmal versucht, mich mit einem eingewachsenen Zehennagel rauszureden. Doch der Unteroffizier am Telefon meinte: „Egal, die Wehrpflicht wurde gerade ausgesetzt – Sie müssen eh nicht kommen. Aber Sie können. Freiwillig.“ Ein halbes Jahr später lag dieser Flyer immer noch auf meinem Schreibtisch. Die anderen hatten alle schon Pläne – ich nicht. Ich habe ihn dann nochmal aufgeklappt. Und ganz ehrlich: Erstmal hat mich das Geld überzeugt. Geld und weg von zu Hause.

WELT: Wie wurde daraus eine 14-jährige Karriere?

Matei: Ich habe in Bad Reichenhall meine Grundausbildung bei der Gebirgstruppe gemacht. Und schon da vermittelte man mir richtig viel politische Bildung. Was bedeutet „Staatsbürger in Uniform“? Was ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung? Das hat mich gepackt.

WELT: Wie überzeugte man Sie?

Matei: Man fragte mich: „Willst du nicht länger bleiben?“ Ich sagte ja – für zwei Jahre. Dann kam die Reserveoffiziersausbildung, noch mehr politische und historische Bildung. Und schließlich das Angebot zu studieren: Wirtschaft und Journalismus. Ich habe unterschrieben – für 15 Jahre. Ich bin fürs Geld gekommen, geblieben bin ich für die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Ich bin das Paradebeispiel für das, was der Verteidigungsminister heute mit seinem Modell vorschlägt: Erstmal einen Brief an alle schicken – und schauen, wer bleibt.

WELT: Hatten Sie als Jugendlicher überhaupt Berührungspunkte mit der Bundeswehr?

Matei: Null. Mein Vater ist in Rumänien geboren, floh vor 40 Jahren. Er erzählte eher von Schikane und religiöser Diskriminierung in seinem Militärdienst im Warschauer Pakt. In meiner Kindheit gab’s mal eine Airsoft-Phase, da habe ich mich als Kind in Flecktarn und mit Spielzeuggewehr verkleidet. Aber das war’s. Ich kannte keinen Soldaten, hatte kein Interesse, wusste nicht mal, was Wehrpflicht genau heißt.

WELT: Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie sich dann doch für die Bundeswehr entschieden?

Matei: Die meisten haben gesagt: Der hält das keine drei Tage aus. Ich war damals Emo – schwarze, geglättete Haare, Kajal. Ich trug die Skinnyjeans meiner Schwester.

WELT: Da ist die Armee ein Kontrastprogramm.

Matei: Ich komme zur Bundeswehr, neben mir nur Hünen mit Vollbärten. Ich musste erstmal zunehmen, um überhaupt akzeptiert zu werden. Vorm ersten Wiegen bei der Truppenärztin bin ich auf Toilette, und habe so viel Wasser aus dem Hahn getrunken, um schwerer zu sein – und brauchte immer noch eine Ausnahmegenehmigung. Die anderen haben meinen Rucksack getragen – ich war echt kurz vorm Abbruch.

WELT: Warum haben Sie nicht aufgegeben?

Matei: Die Zweifel der Anderen haben mich eher angetrieben. Es hieß in meinem Umfeld, der schafft es eh nicht. Heute bin ich einer der wenigen Offiziere meiner Art, der selbst die Lehrgänge geschafft hat, vor denen ich früher den größten Respekt hatte – wie den Hochgebirgsspezialisten oder den Einzelkämpfer.

WELT: Gab es Momente, in denen Sie an sich gezweifelt haben?

Matei: Natürlich. Gerade in den ersten Jahren gab’s Situationen, da dachte ich: Warum tue ich mir das an? Besonders, wenn man für etwas Ärger bekommt, das man nicht verschuldet hat. Oder im Wald, bei Regen, hungrig, völlig durchgefroren. Aber rückblickend heroisiere ich vieles – und denke mir: War doch gar nicht so schlimm. Und ich hab’s geschafft.

WELT: Wie gelang es Ihnen, sich in einem System mit klaren Hierarchien unterzuordnen?

Matei: Mein Vater war sehr streng – aber auf eine liebevolle Art. Er kam aus einer Familie mit zehn Kindern. Sehr arme Verhältnisse, Kommunismus. Ich bin also nicht in einem autoritätsfernen Haushalt aufgewachsen. Aber natürlich ist das System Bundeswehr erstmal ungewohnt. Was mir geholfen hat, waren Erklärungen. Sobald man versteht, wozu eine Regel dient, funktioniert es besser. Und ich habe meinen Ehrgeiz entdeckt. Ich wollte mir beweisen, dass ich es kann.

WELT: Muss man patriotisch sein, um Deutschland zu verteidigen?

Matei: Patriotismus ist ein schwieriger Begriff. Aber ja, ich finde die Idee von Deutschland gut. Ich kenne die Geschichten meines Vaters – wie er unter Lebensgefahr als Nichtschwimmer mit dem Schlauchboot über die Donau in den Westen geflohen ist. Und ich weiß zu schätzen, was wir hier haben: Freiheit, Sicherheit, Demokratie. Ich würde nicht sagen, dass man Patriot sein muss. Aber man sollte es für richtig halten, dieses Land zu schützen.

WELT: Hatten Sie Angst, als Sie sich verpflichtet haben?

Matei: Ich versuche, Angst nicht die Kontrolle übernehmen zu lassen. Angst ist lähmend. Aber klar, Sorge ist da. Gerade wenn es hypothetisch um Verwundung, den Tod oder den Verlust der Familie geht. Die Gedanken kommen.

WELT: Wie geht man damit um, im Ernstfall auf andere Menschen schießen zu müssen?

Matei: Niemand will das. Ich will das nicht. Aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, diesen Beruf auszuüben – und mir diese Frage früh gestellt. Nicht erst, wenn es so weit ist. Deshalb beschäftigt man sich in der Bundeswehr auch schon in der Grundausbildung mit ethischer Bildung. Wir reflektieren das. Der Gedanke, selbst verletzt zu werden, ist eine Sache – aber jemand anderem das Leben zu nehmen? Das will keiner.

WELT: Doch diese Frage gehört zum Soldatenberuf.

Matei: Ja. In einer Extremsituation, wenn es um Schutz, um Verteidigung geht – dann ist das eine Konsequenz, die man tragen muss. Und ich habe diese Entscheidung für mich getroffen. Ganz bewusst.

WELT: Was war denn das schlimmste Erlebnis Ihrer Dienstzeit?

Matei: Diese Todesnachricht zu überbringen. Einer meiner Männer ist im Dienst gestorben. Der Moment, in dem ich der Mutter, verwitwet, sagen musste, dass ihr einziger Sohn nicht mehr zurückkommt. Ich habe die Beerdigung geplant, die Rede gehalten und mit seinem besten Freund den Spind ausgeräumt. Diese Gespräche, diese Bilder – das verfolgt einen. Da hilft kein Drill, keine Ausbildung. Das bleibt.

WELT: Welche positiven Erfahrungen haben Sie gemacht?

Matei: Ganz oben steht für mich die Gebirgsausbildung: Reinfallen und sich aus einer Gletscherspalte befreien, ein Iglu bauen, bei Minusgraden überleben, Skifahren unter extremen Bedingungen – das war herausfordernd und eindrucksvoll.

Und später dann: die Arbeit als Jugendoffizier. Wenn junge Menschen nach dem Unterricht noch dableiben und sagen: „Können Sie mir das noch einmal erklären?“ – dann merkt man, dass man einen Unterschied macht. Dass es nicht nur um Drill geht, sondern auch um Bildung, Verantwortung, Haltung.

WELT: Dieses Verantwortungsbewusstsein klang auch in Ihrem Statement bei „hart aber fair“ durch. Dort haben Sie auf den Autor Ole Nymeon reagiert, der eine Anti-Wehrpflicht-Streitschrift verfasst hat. Ihr flammendes Plädoyer für Deutschland ging viral.

Matei: Ich kann den Gedanken von Ole Nymoen, warum er nicht sein Leben für dieses Land geben kann, inhaltlich nachvollziehen – obwohl ich natürlich genau das Gegenteil geschworen habe. Und genau diese Spannung war ja auch der Punkt in der Sendung.

WELT: Dieser Widerspruch wird gerade auch breit diskutiert. Unter jungen Leuten, zwischen Älteren und Jüngeren. In Familien, Schulen, Sportvereinen, Unternehmen. Wie lässt er sich auflösen?

Matei: Ich weiß nicht, ob man das kann. Vielleicht muss man ihn einfach aushalten. Und genau das habe ich als Soldat gelernt: Spannungen auszuhalten – und auszuhalten, dass andere Menschen zu anderen Schlüssen kommen.

WELT: Sie sagten bei „hart aber fair“: „Für mich ist Deutschland, dass meine Tochter von der Kita bis zur Universität fast umsonst lernen kann und lernt, zu denken, was sie will und nicht zu denken, was sie muss.“ Ist es diese Freiheit, die Sie verteidigen?

Matei: Wir kämpfen auch dafür, dass man gegen uns sein kann. Dass man sagt: Widerspruch ist kein Angriff auf meine Person – sondern gelebte Demokratie. Ich sehe das als Teil dessen, was ich verteidige: Meinungspluralismus. Ich nehme natürlich wahr, dass es für beide Seiten Argumente gibt. Die einen betonen das individuelle Recht auf Selbstbestimmung, die anderen das kollektive Bedürfnis nach Sicherheit. Ich habe mich für Letzteres entschieden – aber ich kann akzeptieren, dass andere das nicht tun.

WELT: Sie sind sehr aktiv auf Instagram und TikTok, sprechen dort über sicherheitspolitische Themen. Welche Reaktionen löst das aus?

Matei: Ich bekomme Kritik von beiden Seiten – und das ist für mich ein gutes Zeichen. Wenn ich für die einen „Putin-Boy“ bin und für die anderen ein „linksversiffter Staatsfreund“, dann weiß ich: Ich mache etwas richtig.

WELT: Es gibt inzwischen viele Soldaten, die auf Social Media ihren Alltag zeigen. Kritiker sprechen von Glorifizierung. Die Bundeswehr werde dort wie ein Abenteuerspielplatz inszeniert.

Matei: Mein Ansatz ist Aufklärung. Ich versuche, komplexe Themen verständlich zu erklären – nicht zu verherrlichen. Ich mache keine Actionvideos mit martialischer Musik. Mein erstes Video in Uniform handelte von Erfrierungen im Iglu – nicht gerade glamourös. Eines meiner erfolgreichsten Videos beschreibt meine absurde Odyssee durch die Bürokratie, um bei der Bundeswehr einen höhenverstellbaren Schreibtisch zu bekommen.

Ich verheimliche auch keine peinlichen Momente. In meiner Grundausbildung mussten wir einmal – weil uns die Munition ausging – auf einem öffentlichen Übungsplatz mit dem Gewehr in der Hand „Peng Peng“ rufen. Währenddessen spazierte Gertrud mit ihrem Dackel vorbei. Ich rede auch über Trauma, über PTBS, über Todesnachrichten. Das alles gehört zur Realität. Und ja, ich glaube, dass Social Media ein Ort ist, an dem wir genau das zeigen und erklären sollten – bevor andere es mit Ideologie füllen.

WELT: Wie war denn die Reaktion der Bundeswehr?

Matei: Anfangs sehr positiv. Mein erstes virales Video war kurz nach der Flut im Ahrtal, da ging es um rechtliche Grundlagen für den Bundeswehreinsatz im Innern. Dann kam die Einladung zum NATO-Gipfel, später der Mitflug im Regierungsflieger, die Münchner Sicherheitskonferenz. Aber natürlich polarisiere ich auch intern. Manche sagen: „Super, das hilft bei der sicherheitspolitischen Bildung.“ Andere sagen: „Das geht doch gar nicht – Frisur, Tonfall, Inhalt.“

WELT: Wie geht es für Sie weiter?

Matei: Ich werde nächstes Jahr nach 15 Jahren ausscheiden. Ich möchte versuchen, Social Media und politische Bildung hauptberuflich zu machen. Ich glaube, es ist ein wichtiges Feld – gerade jetzt.

WELT: Was werden Sie sagen, wenn Ihre Tochter später zur Bundeswehr will?

Matei: Mmh. Ich hätte kein Problem damit, wenn meine Tochter zur Bundeswehr will – im Gegenteil, ich könnte ihr ehrlich erklären, was sie erwartet. Ich würde ihr raten, gleich die Offiziersausbildung zu machen, um Verantwortung zu lernen. Aber am Ende ist es ihre Entscheidung. Sie hätte bei allem meine volle Unterstützung.

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