Wir, Marie-Luise Goldmann und Jan Küveler, geleiteten Sie durch die lange Nacht. Um ein Uhr mitteleuropäischer Zeit begann die Veranstaltung im Dolby Theatre in Los Angeles. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences ehrte dieses Jahr zum 97. Mal den besten Film, Schauspieler, das beste Drehbuch, die besten Kostüme und den ganzen Rest, den man braucht, um einen Film zu drehen.
Alle Entwicklungen zum Nachlesen:
04:45 Uhr – Bester Film: „Anora“
Und da steht er wieder. Das vierte Mal an diesem Abend: Regisseur und Drehbuchautor Sean Baker, der mit „Anora“ einen der klügsten, überraschendsten und lustigsten Liebesfilme aller Zeiten gedreht hat. Von sechs Nominierungen gingen alle an „Anora“, außer die für den besten Nebendarsteller. Zum Vergleich: „Emilia Pérez“ ging mit nur zwei Siegen aus dreizehn Nominierungen nach Hause. gold
04:39 Uhr – Beste Hauptdarstellerin: Mikey Madison in „Anora“
Diese Wette haben wohl die wenigsten gewonnen. Nicht, weil Mikey Madison keine würdige Gewinnerin wäre – schließlich trägt ihre hingebungsvolle Darstellung den gesamten Film „Anora“, der sich auch den Hauptpreis sichern dürfte. Doch was hatte sie für eine Konkurrenz! Demi Moore aus „The Substance“! Fernanda Torres aus „I’m Still Here“! Karla Sofía Gascón aus „Emilia Pérez“! Und Cynthia Erivo aus „Wicked“! gold
04:20 Uhr – Beste Regie: Sean Baker für „Anora“
Über die „Brutalist“-Überholspur kann man sich nur mit diesem dritten Oscar-Sieg für „Anora“ hinwegtrösten. Schon das dritte Mal betritt Sean Baker, der auch den Drehbuch- und Schnitt-Preis für sich reklamieren konnte, heute die Bühne. Dieses Mal hält er ein Plädoyer fürs Kino und die große Leinwand. Und gratuliert seiner Mutter, die heute Geburtstag hat. Wir dürfen gespannt sein, welche Grüße er sich für seine Gewinnerrede für den „besten Film“ aufgespart hat. gold
Ja, es sieht inzwischen so aus, als würden „Anora“ und „The Brutalist“ es unter sich ausmachen. Letztlich nicht sehr überraschend. Zwei Amerikaner, zwei kompromisslose Independent-Filmer, zwei Autoren, die nicht nur Regie führen, sondern auch die Bücher geschrieben haben. Ich finde „Anora“ auch ungleich gelungener als „The Brutalist“, aber es ist schön, dass dieser Spirit, der beide Filme eint, solche Wertschätzung erfährt. küv
04:22 Uhr – Bester Hauptdarsteller: Adrien Brody in „The Brutalist“
Och nee, schon wieder „The Brutalist“. Der zweite Oscar für Adrien Brody. Nach dem „Pianist“ von 2002 folgt jetzt der „Brutalist“. Timothée Chalamet, 1995 geboren, war trotz perfekter Dylan-Imitation wohl noch zu jung für einen Oscar. Vielleicht muss er so lange warten wie Leonardo di Caprio. Auch Sebastian Stans Darbietung als lebensnaher junger Trump in „The Apprentice“ reichte nicht für die Auszeichnung. Auf dem Weg zur Bühne bemerkt Brody, dass er noch einen Kaugummi im Mund hat – und wirft diesen kurzerhand seiner Partnerin Georgina Chapman zu, die versucht, ihn aufzufangen. In seiner Rede spricht sich Brody gegen Hass, Antisemitismus und Rassismus aus. gold
04:08 Uhr – Beste Filmmusik: „The Brutalist“
Die Post-Holocaust-Schmonzette gewinnt auch diesen Trostpreis. Hoffentlich bleibt es dabei. Conan O’Brien macht übrigens den nächsten Trump-Witz: „Anora“ führe bislang mit zwei Oscars (das war kurz vor dem zweiten für „The Brutalist“). Offenbar, so O’Brien, sähen viele gern eine Amerikanerin, die es schikanösen Russen mal richtig zeige. küv
04:02 Uhr – Bester fremdsprachiger Film: „I‘m Still Here“
Bei den besten fremdsprachigen Filmen ist es wie jedes Jahr fast egal, wer gewinnt, weil hier verlässlich alle Filme grandios sind. Deutschland ist das dritte Jahr in Folge dabei – nach dem Sieg von „Im Westen Nichts Neues“ und der Nominierung von „Das Lehrerzimmer“ hat jetzt das Familien- und Widerstandsdrama „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ Chancen auf den Goldjungen. Doch auch Dänemarks schwarz-weißer Horror-Kandidat „Das Mädchen mit der Nadel“, Brasiliens Polit-Drama „I’m Still Here“ und Lettlands Animationshit „Flow“ können wohl alle nichts gegen den Film ausrichten, der ganze 13 Mal nominiert ist und somit nicht nur die diesjährige Nominierungsliste anführt, sondern sogar der am meisten nominierte fremdsprachige Film aller Zeiten ist: das Trans-Mafia-Musical „Emilia Pérez“. gold
Nachtrag: Ich habe mich geirrt. „I’m Still Here“ von Walter Salles hat „Emilia Pérez“ ausgestochen. Womöglich haben all die Debatten um „Emilia Pérez“ und seine angebliche Transfeindlichkeit, Mafia-Verharmlosung, Mexiko-Verfälschung und was sonst noch alles an Vorwürfen aus allen Richtungen kam, dem großartigen Experiment doch mehr geschadet als zu befürchten war. gold
„I’m Still Here“, das brasilianische Familienporträt unter der Militärdiktatur, ist jedenfalls ein verdienter Sieger. Ein großartiger Film. küv
03:52 Uhr – Beste Kamera: „The Brutalist“
Starke Kandidaten in der Kategorie. Lol Crawley gewinnt für „The Brutalist“. Man kann über den Film sagen, was man will: Ganz gut sieht er aus, wenn auch, zumindest in der Premieren-Vorführung in Venedig, die ich gesehen habe, die linke Leinwandhälfte immer unscharf war. Aber das gehört bestimmt zu der ästhetischen Feinschmeckerei des Films, der mir leider so gar nicht gemundet hat. küv
03:48 Uhr – Wo bleibt Trump?
Anspielungen auf den Elefanten im Raum, besser gesagt den Orang-Utan auf der politischen Weltbühne, halten sich bislang im Rahmen. Nur Zoe Saldaña („stolze Migrantin“) und Daryl Hannah („Slava Ukraini“) haben kleine Stiche gesetzt. Conan O’Brien so lustig-harmlos, wie man ihn kennt. küv
03:37 Uhr – Bester Kurzfilm: „I‘m Not a Robot“
Jetzt sind die Live Action Short Films an der Reihe. „Anuja“ kann man auf Netflix sehen, „I’m not a Robot“ auf YouTube. Besser gefallen hat mir letzterer, der holländische Kurzfilm von Victoria Warmerdam über eine Frau, die bei einem Captcha-Test herausfindet, dass sie ein Roboter ist. Sie kann nämlich wiederholt nicht richtig ankreuzen, welche ihr vom Computer gezeigten Fotos Autos oder Zebrastreifen zeigen. Eine herrlich skurrile und unheimliche Idee! Und sie wird mit dem Oscar belohnt. gold
03:28 – Bester Sound, beste Spezialeffekte: „Dune: Part Two“
Viel mehr gibts dazu nicht zu sagen. Es ist schon eine Weile her, dass ich ihn gesehen habe. Ich weiß noch, es war laut. küv
Nachtrag: Er bekommt auch den Oscar für die besten Spezialeffekte. Die Sandwürmer sahen auch Spitze aus. Es ist damit der erste deutsche Oscar, wenn man von dem für „Konklave“ mal absieht. Der Meister der explodierenden Köpfe ist Gerd Nefzer, sein offizieller Titel lautet Special Effects Supervisor. Auch für „Blade Runner: 2049“ hatte er schon den entsprechenden Oscar gewonnen. küv
03:21 – Berlinale-Skandal-Film „No Other Land“ gewinnt Dokumentarfilm-Oscar
Der Film, der bei der Berlinale 2024 für den antisemitischen Eklat sorgte, „No Other Land“ von Basel Adra und Yuval Abraham, gewinnt als „bester Dokumentarfilm“. Es geht um die Zerstörung einiger palästinensischer Siedlungen im Westjordanland, die einem israelischen Truppenübungsplatz weichen sollen. In seiner Rede spricht der palästinensische Aktivist Basel Adra von „ethnischer Säuberung“, die Israel an seinem Volk verübe. In Deutschland wäre der nächste Eklat vorprogrammiert. In den USA, wo die Meinungsfreiheit weiter ausgelegt wird, erntet er höflichen Applaus. Neben ihm steht sein israelischer Co-Regisseur Yuval Abraham. „Wenn ich Basel anschaue“, sagt er, „sehe ich meinen Bruder. Wir sind aber verschieden. Ich lebe unter zivilen Gesetzen, Basel unter militärischen. Meine Leute können sicher sein, wenn Basels Leute frei sind. Es gibt eine andere Lösung.“ Versöhnliche Worte, auch wenn sie einen utopischen Geist atmen, der mit der Realität des Krieges wenig zu tun zu haben scheint. küv
Übrigens, der erste Oscar für einen Berlinale-Film. Damit schneidet die Berlinale sogar besser ab als Venedig, oder habe ich etwas übersehen? Cannes führt derweil haushoch („Emilia Pérez“, „Anora“, „The Substance“, „Flow“). gold
03:11 Uhr – Bester Dokumentar-Kurzfilm: „The Only Girl in the Orchestra“
Musikfilme haben bei den Doku-Shorts ein leichtes Spiel. Letztes Jahr gewann „The Last Repair Shop“ über einen Instrumenten-Verleiher. Dieses Jahr war neben dem Sieger „The Only Girl in the Orchestra“ von Molly O’Brien and Lisa Remington auch „Instruments of the Beating Heart“ nominiert. gold
03:00 Uhr – Bester Originalsong: „El Mal“ aus „Emilia Pérez“
Elton John freut sich, Mick Jagger zu sehen, der im schwarzen Glitzeranzug auf die Bühne springt. Er witzelt, er sei die zweite Wahl gewesen. Eigentlich hätte Bob Dylan die Kategorie ansagen sollen. Aber der habe sich jemand Jüngeren gewünscht. Da musste also Mick ran. Diane Warren ist zum achten Mal in Folge nominiert, diesmal für „The Six Triple Eight“. Elton John ist nominiert für „Never Too Late“.
Es gewinnt „El Mal“ aus „Emilia Pérez“ von der fantastischen Camille („Le Fil“) und Clément Ducol. Die beiden singen ihre Danksagungen. küv
02:55 Uhr – Bestes Produktionsdesign: „Wicked“
Zweiter Sieg für „Wicked“. Geht in Ordnung. gold
02:45 Uhr – Beste Nebendarstellerin: Zoe Saldaña in „Emilia Pérez“
Eine der schwierigsten Entscheidungen: Ariana Grande gibt die zuckrigste Glinda aller Zeiten. Monica Barbaro kann fast so gut singen wie Joan Baez. Und Zoe Saldaña hätte eigentlich in der Hautpdarstellerinnen-Kategorie nominiert werden müssen, so sehr trägt ihre Musical-Darbietung den gesamten Film. Aber jetzt ist sie nun mal die beste Nebendarstellerin – und hält unter Tränen eine ergreifende Dankesrede, in der sie unter anderem ihre Schwestern, Netflix, Jacques Audiard, und ihren „Mann mit seinen schönen Haaren“ würdigt. „Ich bin ein stolzes Kind von Immigranten-Eltern“, sagt sie schluchzend, während sie den Goldjungen in die Höhe hält. gold
02:33 Uhr – Bester Schnitt: „Anora“
Der zweite Oscar für „Anora“. Verdient! Dass „The Brutalist“ (10 Nominierungen) bisher leer ausging, kann einen nur freuen. Jede Auszeichnung für das schwergewichtige und humorlose Pseudo-Biopic wäre eine zu viel. Sollte aber „Emilia Pérez“ (13 Nominierungen) im Laufe des Abends weiterhin so schlecht abschneiden wie bisher, wäre das äußerst schade angesichts der kraftvollen Originalität von Jacques Audiards Vision. gold
02:26 Uhr – Bond-Hommage
Halle Berry wird mit dem „Goldfinger“-Thema begrüßt. Es folgt ein kleines Bond-Tribute. Man hat sofort Lust, bei „Doctor No“ anzufangen und bei „Austin Powers“ aufzuhören. Margaret Qualley in blutrotem Kleid in einer Tanzeinlage. Das It-Girl Hollywoods empfiehlt sich damit auch als nächstes Bond-Girl. Jetzt singt auch noch Lisa von Blackpink (und aus der neuen Staffel von „White Lotus“) Paul McCartneys „Live and Let Die“. Ganz groß. Und nun auch noch Doja Cat im funkelnden Kristall-Dress „Diamonds Are Forever“. küv
02:22 Uhr – Bestes Make-up: „The Substance“
Es wird immer spannender. Jetzt hat der großartige feministische Body-Horror-Film „The Substance“ den Preis für das beste Make-up gewonnen und ist damit auch weiterhin im Rennen um den besten Film. Die Trophäe ging an Pierre-Olivier Persin, Stéphanie Guillon and Marilyne Scarselli. Toll für „The Substance“, auch wenn die Konkurrenz in dieser Kategorie besonders stark war: „A Different Man“, „Emilia Pérez“ und „Wicked“. gold
02:14 Uhr – Bestes adaptiertes Drehbuch: „Konklave“
Peter Straughan gewinnt für „Konklave“. Freut mich persönlich sehr, für mich auch der beste Film des Jahres. „Du bist der Beste“, sagt Straughan, auf Deutsch, an die Adresse des deutschen Regisseurs Edward Berger. küv
Noch ist alles gleichmäßig verteilt, kein Film hat mehr als einen Oscar. „Anora“, „Wicked“, „Konklave“, für den besten Film ist also noch alles offen. Nur „Emilia Pérez“ ging bisher leer aus. gold
02:10 Uhr – Bestes Originaldrehbuch: „Anora“
„Anora“ von Sean Baker, der auch Regie geführt hat, gewinnt. Ist das der Beginn eines Durchmarschs? Insgesamt hat der Film vier Nominierungen. Die anderen großen Kategorien kommen noch. Sean Baker hat den Oscar längst verdient. Anspieltipp: „Red Rocket“ (2022) war auch ganz groß. Er bedankt sich bei der „Sex worker community“, die ihn inspiriert habe. küv
Juhu, erster Oscar für „Anora“! Mögen noch viele weitere folgen. gold
02:00 Uhr – Bestes Kostümdesign: „Wicked“
Die Kostüm-Kandidaten werden von Schauspielern vorgestellt, die die Kostüme selbst tragen durften. Wir hätten uns für Lisy Christl aus München gefreut, die den Vatikan in „Konklave“ einkleidete. Aber auch Paul Tazewell hat die Hexen in „Wicked“ mit fantastischen Kleidern ausgestattet. „Ich bin der erste schwarze Mann, der den Kostüm-Oscar erhält.“ gold
01:51 Uhr – Unsere größten Oscar-Snubs
Übrigens, die größten Snubs, meiner Meinung nach: Daniel Craig in „Queer“, Nicole Kidman in „Babygirl“, Angelina Jolie in „Maria“, Pedro Almodóvars „The Room Next Door“ und John Crowleys „We Live in Time“. Und deine? gold
Meine: Daniel Craig in „Queer“, Jude Law in „The Order“, Ben Whishaw in „Limonov: The Ballad“, Gary Oldman in „Parthenope“ und Chis Hemsworth in „Furiosa“. Ne, Spaß, obwohl ich ihn da sehr mochte, als Endzeitschurke mit Teddybär am Rucksack. küv
01:47 Uhr – Bester Animationskurzfilm: „In the Shadow of the Cypress“
Eine aufgrund der Sprachbarriere etwas holprige, dafür aber umso herzlichere Rede der Iraner Shirin Sohani and Hossein Molayemi, die den Preis für ihren Kurzfilm „In the Shadow of the Cypress“ über posttraumatische Belastungsstörungen entgegennehmen. Die Visa-Schwierigkeiten haben sie zum Glück kurz vor der Verleihung überwunden – ebenso wie zuvor die schwierigen Drehbedingungen in ihrer Heimat Iran. gold
01:43 Uhr – Bester Animationsfilm: „Flow“
„Flow“ von Gints Zilbalodis wird zum besten Animationsfilm ernannt. Heißt das, er wird auch den Titel des besten internationalen Films holen? gold
01:34 Uhr – Bester Nebendarsteller: Kieran Culkin
Kieran Culkin wird zum besten Nebendarsteller für seine Rolle des suizidgefährdeten Nachfahren von Holocaust-Überlebenden in der Buddy-Roadtrip-Komödie „A Real Pain“ gekürt. Zu Recht. Er ist einer der wenigen männlichen Schauspieler, die man unter all den Anzugträgern sofort wiedererkennt. Traurig ist es nur für Jeremy Strong, der in „The Apprentice“ eine Hammer-Performance ablieferte und die Auszeichnung ebenso verdient hätte. Bleibt es bei dieser einen Auszeichnung für „A Real Pain“ oder folgen noch weitere? gold
Ich fand Yuriy Borisov am besten, Igor in „Anora“. So toll auch schon in „Abteil No. 6“ von vor ein paar Jahren. Er hat was vom jungen Ewan McGregor in „Trainspotting“. Aber wahrscheinlich war er unwählbar: Der Mann ist Russe. Erstaunlich, dass er überhaupt nominiert war. küv
01:20 Uhr – Conan O’Briens Eröffnungsmonolog
Schon wird’s ganz toll surrealistisch. Zu O’Briens kleiner Musical-Revue „I Won’t Waste Time“ wird ein klavierspielender Sandwurm hereingefahren. küv
Moderator Conan O’Brien spricht gleich alle Skandale, die die Oscars im Vorfeld umtrieben, in seiner Eröffnungsrede an: „Anora benutzt das F-Wort im ganz Film 497 Mal“, hat er mitgezählt. Das sei immer noch nicht so oft wie der Pressesprecher von Karla Sofía Gascón. Die Oscar-Verleihung komme außerdem ganz ohne KI aus – eine Anspielung auf „Emilia Pérez“ und „The Brutalist“, denen beiden KI-Einsatz vorgeworfen wurde. gold
Dafür mit Kinderarbeit, sagt er noch. Hahaha. küv
Conan O’Brien steigt in einem Video-Einspieler aus einem anderen Körper, freundliche Persiflage von „The Substance“. Die Bühne sieht aus wie ein Set-Device aus „Dune: Part Two“. Ein Riesen-Oscar im Hintergrund. Hat etwas verstörend Proto-Faschistisches, könnte allerdings auch als Büro des Präsidenten aus dem nächsten „Spaceballs“ herhalten. küv
01:10 Uhr – Das Jahr der Musicals
Oh nein, Ariana Grande singt „Over the Rainbow“. Allerlei Kunstnebel, darüber ein Kunstmond. Gleich kommt noch Cynthia Erivo, ihre Filmpartnerin aus „Wicked“. Kitschiger hätte es nicht losgehen können. Man hatte sich eh gefragt: Was ist mit den Bränden, die halb Los Angeles in Schutt und Asche gelegt haben und die für eine Verschiebung der Oscars gesorgt haben, wie es in der fast 100-jährigen Geschichte nur ein paar Mal vorgekommen ist? Was mit dem durchgeknallten Kinderdiktator, der sich geriert, als wäre Amerika keine liberale Demokratie, sondern Caligulas nächstes Rom? Andererseits: Gut gesetzter Eskapismus ist vielleicht das Beste, was man aus der Lage gerade machen kann. küv
Ariana Grande besingt in „Somewhere over the Rainbow“ Träume, die wahr werden können. Hoffentlich stimmt das für heute Nacht. Cynthia Erivo rockt die Bühne im weißen Hochzeitskleid. Das darauffolgende Duett „Defying Gravity“ ist zwar nicht für den besten Song nominiert, dafür „Wicked“ aber für Sound-Design und Score. gold
00:46 Uhr – Erbarmen, die Deutschen kommen
Das deutschsprachige Kino ist ziemlich präsent: Edward Berger kam ja eben schon vorbei, Gerd Nefzer mit den „Dune“-Special-Effects, Lisy Christl, die Kostümbildnerin von „Konklave“. Jetzt ist Tim Fehlbaum da, der Schweizer Regisseur von „September 5“. Bizarrerweise im vergangenen Jahr in Venedig in eine Nebensektion abgeschoben, ist der fantastische Journalismus-Film, der die Geiselnahme der israelischen Olympioniken in München 1972 durch palästinensche Terroristen aus der Sicht der Berichterstatter erzählt, fürs „beste Drehbuch“ nominiert. Good luck! küv
Isabella Rossellini trägt blauen Samt – blue velvet – als Hommage an den jüngst verstorbenen David Lynch. Ihre Abendbegleitung ist Laura Dern – die beiden spielten zusammen in Lynchs gleichnamigem Film. küv
00:23 Uhr – Timothée Chalamet in Zitronengelb
Welcher Song sollte unbedingt auf der After-Show-Playlist auftauchen? James Mangold, Regisseur von „A Complete Unknown“, sagt: „Blind Willie McTell“. Eine gute Wahl, ein fantastischer, eher unbekannter Dylan-Song. Angeblich befand der Meister ihn in den Achtzigern für zu schlecht für das Album, an dem er gerade arbeitete. Erst Jahre später wurde der Song in einer Kompilation aus B-Seiten und Outtakes veröffentlicht. küv
Den richtigen Staub zu finden, sei ein großes Problem gewesen sagt Gerd Nefzer, der Deutsche, der die Special Effects zu „Dune“ gemacht hat und auch für einen Oscar nominiert ist. Timothée Chalamet sei ein bodenständiger Typ, mit dem er am Set gern mal einen Kaffee trinke. küv
Auf Timothée Chalamets Outfit hatte man am gespanntesten gewartet. Berlin stattete er vor wenigen Wochen nämlich im rosa Hoodie und Tanktop einen Besuch ab. Doch man darf erleichtert aufatmen. Er kommt im Anzug. Elegant wie ein Zitronenfalter schwebt der Beste-Schauspiel-Kandidat über den roten Teppich. gold
23:47 Uhr – Erste Stars laufen über den roten Teppich
„So haben wir uns langsam den Vatikan zusammengeklaubt“ – so kommentiert Edward Berger die Dreharbeiten zu seinem achtmal nominierten „Konklave“. Seitdem der Vatikan bei den „Illuminati“-Verfilmungen von Tom Hanks mal grünes Licht gab und Hollywood in die heiligen Hallen gelassen hat, halten sich die Kardinäle bedeckt. Deshalb muss jeder, der die Sixtinische Kapelle zeigen will, sie nolens volens nachbauen. Hat super geklappt. Er sei von den großen Thrillern der 70er beeinflusst gewesen, erzählt Berger noch weiter, „All the President’s Men“, „Parallax View“ etc. Merkt man. „Konklave“ muss sich hinter ihnen nicht verstecken. küv
Cynthia Erivo und Ariana Grande bleiben ihren Filmrollen in „Wicked“ durch ihre Kleiderwahl treu. Erivo betritt den roten Teppich in grünem Samt und mit langen Krallen-Nägeln. Für ihre Darstellung der bösen Hexe des Westens ist sie als beste Hauptdarstellerin nominiert. Grande strahlt wie die gute Hexe des Nordens im rosa-goldenen Engelskleid – sie könnte den Oscar für die beste Nebendarstellerin gewinnen. Insgesamt hat „Wicked“ von Jon M. Chu zehn Nominierungen. gold
Edward Norton bringt seine Rolle im Dylan-Biopic „A Complete Unknown“ auf eine schöne Formel: Pete Seeger war der Gandalf der Folk-Sänger. küv
22:30 Uhr – Ganz Brasilien sitzt vor dem Fernseher
Die brasilianische Fan-Base ist stark vertreten. Im YouTube-Livestream vom roten Teppich wimmelt es in der Kommentarspalte von Brasilien-Flaggen. Das brasilianische Polit-Drama „I’m Still Here“ von Walter Salles ist dreifach nominiert: als bester Film, bester internationaler Film und Fernanda Torres als beste Schauspielerin. Boa sorte, Brasil! gold
Und übrigens ein ganz, ganz toller Film, der jeden Oscar verdient hätte. Ich fürchte, er hat bloß einfach nicht genug Aufmerksamkeit bekommen, was Presse und Kinos angeht. Aber wer weiß? Ich drücke die Daumen. küv
22:15 Uhr – Gleich geht’s los
Einen so gewaltigen PR-Battle wie im vergangenen Jahr, als „Barbie“ und „Oppenheimer“ gegeneinander antraten und ihre jeweiligen Fan-Bases einander die Köpfe einschlugen, gibt es diesmal nicht. Apropos einschlagen, auch Will Smiths Kinnhaken, mit dem er im Jahr 2022 bei den Oscars den Moderator Chris Rock mehr oder weniger ausknockte, nachdem der sich einen geschmacklosen Witz über Smiths Ehefrau Jada Pinkett Smith erlaubt hatte, dürfte keine Nachahmer finden. Dafür kam die Aktion zu schlecht an.
Immerhin sorgte diesmal die spanische Schauspielerin Karla Sofía Gascón im Vorfeld für einen Skandal, indem im Internet alte Tweets hervorgekramt wurden, in denen die Transfrau so ziemlich alle abwatschte, die dafür empfindlich sind: Muslime, die Bewegung Black Lives Matter und so weiter. Über die Oscar-Verleihung 2021 twitterte Gascón damals, sie habe gezweifelt, ob sie sich „ein afrokoreanisches Festival, eine Black-Lives-Matter-Demo“ oder eine Feminismusgala anschaue. Sie entschuldigte sich zwar für ihre gesammelte Häme, aber ein Ergebnis ist wohl, dass der Film, für den sie als „beste Hauptdarstellerin“ ins Rennen geht, „Emilia Pérez“, wohl eher stillschweigend übergangen werden wird – trotz der sagenhaften 13 Nominierungen, mehr als je ein anderer nicht-englischsprachiger Kandidat in der bald 100-jährigen Oscar-Geschichte.
So ganz von der Hand zu weisen sind Gascóns ätzende Vorwürfe andererseits auch nicht. Das Feld der Konkurrenten um den „besten Film“ ist äußerst divers. Sogar derjenige mit dem meisten Männerüberhang (und den meisten Männern in Umhängen), „Konklave“ vom deutschen Regisseur Edward Berger, kommt nicht ohne Trans-Twist aus. Höchstens zwei Ausnahmen gibt es: „Dune: Part Two“ und „A Complete Unknown“, James Mangolds braves Dylan-Biopic. Das muss aber alles nichts heißen. Denn wer sagt, dass ein Film nicht gut ist, nur weil er sich nebenbei Feminismus (wie „The Substance“) oder Anti-Rassismus (wie „Nickle Boys“) auf die Fahnen schreibt? Wir leben eben in politischen Zeiten, und idealerweise sind Filme kunstvoll gebrochene Spiegel der Zustände. küv
Etwas, was man von den Filmen vieler Kino-Altmeister nicht mehr behaupten kann: Francis Ford Coppolas’ Großprojekt „Megalopolis“ versagte auf ganzer Linie und auch von Ridley Scotts „Gladiator II“ und Robert Eggers’ „Nosferatu – Der Untote“ spricht heute keiner mehr. gold
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