Der Regisseur Ron Howard beherrscht die ganze Palette vom Breitwandblockbuster bis zur sensiblen Psychostudie, vom „Da Vinci Code“ bis „A Beautiful Mind“. In den 80ern hat er das Märchen „Willow“ gedreht. Später folgten „Apollo 13“ über die Mondmission und „Der Grinch“ über den grünen Kobold, der Weihnachten klaut. Wenn man gemein sein wollte, könnte man Howard eine Neigung zur Wahllosigkeit vorwerfen.
Sein neuer Film „Eden“ ist ein Amalgam aus vielen Ideen, die nur halb zusammenpassen, und somit sozusagen die Summe aus Howards Filmschaffen. Der Cast ist erstklassig: Jude Law, Vanessa Kirby, Ana de Armas, Sydney Sweeney und Daniel Brühl. Sie alle tummeln sich auf der entlegenen, außer von ihnen nur von wilden Hunden und allerlei anderem, meist feindseligen Getier besiedelten Insel Floreana im Galapagos-Archipel. Und sie alle haben reale Vorbilder, von denen Howard hörte, als er in der Gegend Urlaub machte und den Riesenschildkröten hinterherschnorchelte. Seitdem ist ihm ihre Geschichte eine Herzensangelegenheit, in die er sein Privatvermögen steckte.
Vor knapp 100 Jahren, um 1929, zog es Dr. Friedrich Ritter (Law) nebst Gefährtin Dore Strauch (Kirby) aus Berlin auf die andere Seite der Welt. Es folgten Heinz und Margaret Wittmer (Brühl und Sweeney) aus Köln, die aus der Zeitung von Dr. Ritters geistigen Heldentaten gehört haben. Der gelernte Zahnarzt ist dabei, eine Art nietzscheanisches Manifest zu verfassen, zwecks Rettung der Menschheit. Zu diesem Behufe hat er sich erstens alle Zähne gezogen und durch ein metallisches Gebiss ersetzt, damit ihm etwaige Entzündungen erspart bleiben. Zweitens tippt er eifrig und zunehmend aufgebracht auf seiner Reiseschreibmaschine herum. Bald ist es immer der gleiche Buchstabe, den er da im Schatten seiner klapprigen Wellblechhüte energisch ins Papier hämmert – ein Verhalten, das seit Jack Nicholsons ikonischer Szene im Overlook-Hotel als sicheres Anzeichen galoppierenden Wahnsinns gelten darf.
Überhaupt hat das allmähliche Entgleisen der Zustände etwas von Kubricks „The Shining“, nur ohne Geister. Beziehungsweise wohnen die Geister in den Köpfen. Alle sind auf ihre Weise verrückt: der Weltverbesserer Ritter, von dem man seinem utopischen Projekt zum Trotz zunehmend das Gefühl hat, er sähe die Menschheit am liebsten ausgerottet. Dann seine Frau Dore, an MS erkrankt, die unerschütterlich an Ritter glaubt, selbst dann, als er sich längst aufgegeben hat. Die sturen Wittmers, die gerade, weil sie so einfach gestrickt sind, das Überleben in der Einöde viel besser hinbekommen als ihre intellektuellen Nachbarn, denen ein einziges Wildschwein die Ernte zertrampelt. Und schließlich die dritte Partei im Bunde, die später dazustößt, in Gestalt von Ana de Armas Baronesse Eloise Bosquet de Wagner Wehrhorn, als die sie sich großspurig aufspielt, bis Ritter sie als hochstapelnde Prostituierte entlarvt. Mit ihren beiden jungen Liebhabern und zig Tonnen Zement im Schlepptau gedenkt sie, am Ende der Welt ein Fünf-Sterne-Hotel zu errichten.
Es fehlt nicht viel und „Eden“ würde als komplett deutscher Film durchgehen
Auch diese Truppe sind sämtlich Deutsche oder Deutschsprachige, denn die mysteriöse Fake-Baronin behauptet, sie stamme aus Österreich. Einen ihrer Lover mimt der Burgtheaterschauspieler Felix Kammerer. Hinter der Kamera geht es deutsch weiter. Die Bilder stammen von Mathias Herndl, und die Musik kommt von Hans Zimmer. Eigentlich hätte Howard nur noch Lars Eidinger als Dr. Ritter casten müssen – was sicher wenig Überredung gekostet hätte, so oft, wie dieser Proto-Hippie nackt durch die Gegend läuft –, und „Eden“ würde als komplett deutscher Film durchgehen.
Die amerikanische Presse war etwas ungnädig mit dem Ergebnis, nannte es unausgegoren und gegen Ende verläppernd. Vielleicht muss man selbst Deutscher sein, um die aus dem Ruder laufenden Nachbarschaftsstreitigkeiten, das grantelnde Herumbrüten und die ausgedehnten Gartenarbeiten zu goutieren. Daniel Brühl spielt mit zusammengebissenen Zähnen, Ana de Armas ist komplett over the top, Jude Law versucht, alles zusammenzuhalten. Am Ende ist „Eden“ ein beinahe philosophischer Film. Die Menschen sind Chiffren für Ideen. Was passiert, wenn berserkerhafte Utopisten auf libertäre Narzissten treffen? Wie lange halten sich die besten Vorsätze, wenn die Vorräte zur Neige gehen? Wann ist Schönheit der Grund für einen Kopfschuss?
Denn geschossen wird früher oder später. Howard und sein Autor Noah Pink machen sich ihren eigenen Reim auf die nie geklärten Geschehnisse auf Floreana, in deren Zuge mehrere Beteiligte auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Das Paradies wird zur Hölle, zum „Herr der Fliegen“ unter Erwachsenen. Die Tünche der Zivilisation erweist sich als so dünn wie zurzeit in der amerikanischen Regierung. Auch in dieser Hinsicht erweist sich „Eden“ als beispielhaft.
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