Auf den ersten Blick erscheint das Vorgehen nur konsequent: Die Trump-Administration hat beschlossen, millionenschwere Bundeszuschüsse für die Princeton University zu streichen, weil diese nicht hart genug gegen Antisemitismus auf ihrem Campus vorgehe und jüdische Studenten infolge des 7. Oktober nicht ausreichend geschützt habe – wer Judenhass duldet, bekommt keine Zuschüsse, sondern einen akademischen Strafzoll auferlegt.
Mit der Entscheidung, die am Dienstag bekannt wurde, setzt die Administration eine Entwicklung fort, die Anfang März begonnen hatte: Der Columbia University wurden 400 Millionen Dollar an Zuschüssen gestrichen, der University of Pennsylvania rund 175 Millionen Dollar, an der Harvard University werden an die 9 Milliarden Dollar überprüft. Princeton ist damit die vierte amerikanische Elitehochschule der insgesamt acht Ivy League-Universitäten, der traditionsreichen Institutionen an der Nordostküste der USA, der Gelder gestrichen oder deren Zahlung ausgesetzt werden sollen.
Der Präsident von Princeton, Christopher Eisgruber, gab in einer internen E-Mail, aus der nun die „New York Times“ zitiert hat, an, dass „mehrere Dutzend“ Zuschüsse ausgesetzt worden seien und die Universität zumindest einen Teil der Forschungsunterstützung des Verteidigungsministeriums, des Energieministeriums und der Nasa verlieren werde. Im vergangenen Jahr erhielt Princeton 455 Millionen Dollar durch staatliche Zuschüsse, rund 18 Prozent der Einnahmen insgesamt.
Die Gründe für die soeben verkündeten Maßnahmen seien noch nicht eindeutig erkennbar, so Eisgruber weiter, doch werde man sich selbstverständlich an die Gesetze halten und Antisemitismus wie alle Formen von Diskriminierung bekämpfen, jedoch auch die akademische Freiheit und die Rechte der Universität auf ein ordentliches Verfahren energisch verteidigen.
Die Zuwendungskürzungen bei Columbia und Harvard hatte die Trump-Administration mit dem Vorwurf begründet, die Institutionen täten nichts oder zu wenig gegen Antisemitismus auf dem Campus. Trump selbst schrieb auf „Truth Social“, Förderungen für akademische Institutionen, die „illegale Proteste“ zulassen, würden gestoppt. „Agitatoren“ würden „inhaftiert oder dauerhaft in das Land zurückgeschickt, aus dem sie gekommen sind und amerikanische Studenten dauerhaft des Landes verwiesen oder, je nach Straftat, verhaftet.“ Was genau „illegale“ Proteste sind und was „Agitatoren“, wie sich beide Begriffe zu dem der Redefreiheit verhalten, blieb dabei offen. Die Ankündigung, schnell und schonungslos zu handeln, wurde umgehend umgesetzt.
Deckmantel des Antisemitismusvorwurfs?
So zählt Princeton zu den rund 60 Universitäten, die vor „potenziellen Vollstreckungsmaßnahmen“ gewarnt wurden, falls sie nicht genug für den Schutz jüdischer Studenten täten. Anders als die Präsidenten anderer Universitäten war der Präsident von Princeton im vergangenen Jahr nicht aufgefordert worden, vor dem Kongress auszusagen; welche Beispiele für antisemitische Proteste in Princeton angeführt wurden, ist nicht bekannt. Handelt es sich also um eine Abschreckungsstrategie oder den Versuch, unter dem Deckmantel des Vorwurfs Antisemitismus schlicht die Freiheiten und Eigenheiten der traditionell liberalen Eliteinstitutionen zu beschneiden? Oder eine weitere Ausprägungsform des Vorhabens, gegen jede Institution die sich „DEI“, „diversity, equity, inclusion“ („Diversität, Gleichberechtigung, Inklusion“) verschrieben hat – und die Ivy League-Universitäten sind Paradebeispiele dafür – vorzugehen, „go woke go broke“?
Nun haben die ausgedehnten antiisraelischen Protestcamps, Pro-Hamas-Demonstrationen und grotesken antisemitischen Ausfälle an verschiedenen amerikanischen Universitäten im letzten Jahr mehr als genug Anlass gegeben, festzustellen, dass im Zuge des 7. Oktober auch ein massives Antisemitismusproblem zutage getreten ist. Vonseiten der Politik wurde dieser Dynamik begegnet mit der Kongress-Anhörung der Universitätspräsidenten und der nachhaltigen Verurteilung der Proteste durch Joe Biden. Kurze Zeit später stellte eine Untersuchungskommission für die Columbia University fest, dass die Universität tatsächlich zu wenig für den Schutz von jüdischen Studenten getan habe.
Insofern ist die Fassungslosigkeit über Antisemitismus an amerikanischen Elitehochschulen berechtigt, ebenso wie der Beschluss, hart dagegen anzugehen. Aber kann man das Problem beseitigen, indem man das Prinzip der akademischen Freiheit angreift?
Akademische Freiheit ist das höchste Gut einer Universität, ideell wie ökonomisch. In Amerika ist es – verglichen mit europäischen Universitäten – jung. Erst im zwanzigsten Jahrhundert kam es in der neuen Welt an und wurde so implementiert, dass es die Eliteuniversitäten – vor allem die Ivy League und Stanford, Berkeley und Cal Tech an der Westküste – zu den international führenden Wissenschaftsstandorten machte, die sie heute sind; nicht nur, aber auch weil sie rasch über viel mehr Mittel verfügten als selbst die wohlhabenden alteingesessenen Universitäten Europas.
„Zwangsverwaltung“ bestimmter Fachbereiche?
Als im Jahr 1900 ein Wirtschaftsprofessor der gerade frisch gegründeten Stanford University entlassen wurde, begann die erste Debatte darum, inwiefern kontroverse Ideen von akademischer Freiheit geschützt und Universitätsangestellte unabhängig von politischer Einflussnahme arbeiten könnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die bis heute prägende Förderstruktur der Regierung, die Universitäten fördert, um Innovationen voranzutreiben. Wie diese aussehen, ist nun aber zumindest in Teilen Auslegungssache der Regierung, die ihre Gelder nach eigenem Ermessen verteilen oder streichen kann, sofern sie dabei einem gesetzlich geregelten Prozess folgt. Ebendies soll die Trump-Administration im Fall der Streichungen an der Columbia University nicht getan und im Gegenteil angekündigt haben, die eingestrichenen Gelder nur dann zurückzuerstatten, wenn die Universität verschiedene Bedingungen erfülle, so etwa bestimmte Fachbereiche unter eine Art „Zwangsverwaltung“ zu stellen und den Prozess der Zulassung von Studenten umfassend zu reformieren.
Ob dies nun Princeton ähnlich verläuft, bleibt abzuwarten; der Präsident der Universität kündigte an, man werde Rechtsmittel in Anspruch nehmen. Unabhängig davon, ob nun eine Zeit der juristischen Auseinandersetzung zwischen der akademischen Elite des Landes und der Trump-Administration beginnt, Schaden haben die Institutionen schon genommen: einerseits durch die Antisemitismus-Vorfälle des letzten Jahres, andererseits aber durch das Klima, das bei der Aufarbeitung dieser entstanden ist. Den Schaden hat die akademische Freiheit, die Voraussetzung von Forschung.
Vor zwei Wochen schrieb der Präsident der Princeton University, Christopher Eisgruber, in einem Artikel im „Atlantic“ über die Vorfälle an der Columbia University: „Wenn die Regierung Gründe für eine Untersuchung hat, sollte sie die gesetzlich vorgeschriebenen Verfahren anwenden und der Columbia University erlauben, sich zu verteidigen. Stattdessen benutzt die Regierung Zuschüsse, die für wissenschaftliche Fachbereiche bestimmt sind als Knüppel, um Veränderungen in anderen Fachbereichen zu erzwingen, die die Regierung offenbar als problematisch betrachtet.“ Nun könnte der Fall auch in Princeton eingetreten sein.
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