In ihrem Podcast „News Core: Politik bis Popkultur“ unterhalten sich Imke Rabiega und Julian Theilen über Trends und aktuelle Debatten. Das folgende Transkript ist die Essenz der Podcastfolge „Recession Core und Chappell Roan‘s Kinderhölle“. Es geht um einen Modetrend, der in Krisenzeiten wiederkommt und die Sängerin Chappell Roan, die Kinderkriegen für die Hölle hält.
Julian: Hallo Imke.
Imke: Hello Julian!
Julian: Bevor wir direkt mit unserem Thema einsteigen, mache ich noch einen kleinen Bogen. In den vergangenen Jahren ist ja viel darüber diskutiert worden, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, Kinder zu kriegen, meistens aus Klimaschutzgründen. Wie hast du die Debatte damals verfolgt?
Imke: Ja, du meinst das Birth-Strike-Movement. Das war so 2021 groß in den Medien. Damals gab es ja auch noch ein viel größeres Momentum für die Klimakrise generell. Das war noch vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Und ich weiß auch noch, dass das das erste Mal für mich war, dass ich so existenziell diese Klimaangst gefühlt habe. Und ich erinnere mich, dass ich zu der Zeit die Argumente von den Frauen sehr logisch fand, die gesagt haben: Im Angesicht von Waldbränden und Überbevölkerung verzichte ich auf Kinder, ich muss mich nicht in einem kleinen Wesen reproduzieren. Eigentlich eine sehr selbstlose Einstellung, auch wenn es jetzt nicht meine eigene Meinung war.
Julian: Aber Imke, da muss ich mal kurz rein. Ehrlich gesagt, verstehe ich diese Argumentation nicht. Ich dachte, wir machen Klimaschutz für unsere Kinder und die nachfolgenden Generationen. Wenn wir keine mehr haben wollen, dann können wir uns das doch gleich schenken, oder?
Imke: Da bin ich mit dir einer Meinung, was ja gar nicht so oft vorkommt. Ich denke auch, Kinder sind ja auch Innovationspotenzial und mittlerweile hat sich meine Meinung total geändert. Davon abgesehen, wenn viele Frauen dieser Erde dieser Bewegung folgen würden, wäre das auch nicht unbedingt gut, wenn wir uns gar nicht mehr reproduzieren. Es ist natürlich eine sehr individualistische Debatte einer Minderheit. Und diese Bewegung hat sich dann auch relativ schnell in eine andere Richtung entwickelt. Während es am Anfang um einen selbstlosen Grundgedanken ging, hat sich das so umgekehrt, dass plötzlich im Mittelpunkt stand, die andere Seite zu verurteilen. Also, alle Menschen, die Kinder bekommen, wurden dann zu Egoisten erklärt. Aber wir müssen mal darauf zurückkommen, wie wir auf das Thema kamen.
Julian: Ja, sehr lange Rampe gebaut. Also, es geht darum: Die amerikanische Sängerin Chappell Roan hat in dieser Debatte noch mal richtig Öl ins Feuer gegossen, aber mit ganz anderen Argumenten. Sie war zu Gast im US-Podcast „Call Her Daddy“ mit Alexandra Cooper. Das ist einer der erfolgreichsten Podcasts der Welt, in dem auch mal Kamala Harris zu Gast war. Und der Podcast, der hat ja so als schlüpfriger Sex-Talk begonnen ...
Imke: Schlüpfriger Sex-Talk, ganz kurz. Wieso? Das ist einfach nur ein Podcast unter Frauen, die sich offen unterhalten, progressiv sind und eben über Themen wie Dating und natürlich auch über Sex reden, aber schlüpfrig, das weckt, finde ich, falsche Assoziationen.
Julian: Okay, falsches Framing kann man noch umbenennen. Aber jetzt ist der Podcast thematisch breiter, darauf können wir uns einigen. Nun war also Chappell Roan zu Gast, eine sehr extravagante, queere Sängerin mit Drag-Ästhetik. Sie hat sich nun in „Call Her Daddy“ zu ihrem Kinderwunsch geäußert. Darin hat sie gesagt:
„Alle meine Freunde, die Kinder haben, sind in der Hölle. Ich kenne niemanden, der glücklich ist und Kinder im Alter bis fünf Jahre hat. Ich habe in meinem Freundeskreis ein einjähriges, ein dreijähriges, ein vierjähriges und ein fünfjähriges Kind. Ich habe buchstäblich niemanden getroffen, der glücklich ist, niemanden, der Licht in seinen Augen hat, niemanden, der geschlafen hat.“
Julian: Also, sie findet Elternsein ist die absolute Hölle. Die Eltern, die sie kennt, haben kein Leuchten mehr in den Augen, sagt sie. Ist schon hart, oder?
Imke: Meinst du, Chappell Roan projiziert da eventuell ein bisschen von sich auf andere?
Julian: Ja, bestimmt. Sie ist ja bekannt für ihre scharfe Zunge und in ihrem letzten Song, „The Giver“, hat sie auch die Country Boys provoziert, als sie meinte, sie kann Sex wesentlich besser als die Männer, die nicht wissen würden, wohin mit den Fingern und vielleicht brauchen die mal eine Karte. Aber jetzt hat sie mit diesem Kinderbashing auch viele Frauen auf die Palme gebracht. Mütter zum Beispiel, die in ihren Zwanzigern Kinder bekommen haben oder Tradwives, die ihr Leben der Familie verschrieben haben.
Imke: Da prallen zwei Weltbilder aufeinander.
Julian: Auf der einen Seite die lesbische Dragqueen, auf der anderen Seite eher traditionelle Werte. Was ich aber auffällig finde, das fällt mir in den letzten Jahren immer häufiger auf: Jeder möchte den anderen für seinen eigenen Lebensentwurf begeistern. Da habe ich mich auch selbst ertappt gefühlt. Ich wollte zum Beispiel immer ein Kind haben, am liebsten schon mit Anfang 20, da hat man so eine Leichtigkeit, eine Naivität, die, glaube ich, gar nicht so unwichtig ist, um sowas Einschneidendes wie einen Kinderwunsch umzusetzen. Da geht man eben noch mal mit dem Kind in die Mensa nach den Vorlesungen, kauft den Kinderwagen Secondhand, bei Ebay-Kleinanzeigen.
Je länger man auf diese Entscheidung hinarbeitet, Eltern zu werden, umso verkrampfter wird es auch und dann will man alles richtig machen. Deswegen fand ich junge Eltern immer total sexy. Aber ich merke auch, wie ich da anderen Leuten immer wieder in Diskussionen mein Weltbild übergestülpt habe, hätte ich auch sein lassen können.
Imke: Es ist ja einfach so ein existenzieller Bestandteil des Lebens, ob man Kinder bekommt oder nicht. Und ich glaube, eine der größten Fragen, die man sich stellen muss und die sich irgendwann ja auch jeder Mensch wahrscheinlich im Erwachsenenleben stellt. Natürlich würde ich mir trotzdem nicht von dir sagen lassen wollen, ob ich Kinder bekommen sollte oder nicht, klar. Es ist natürlich auch nicht gut, dass das politisch so aufgeladen ist. Eigentlich geht es dann ja darum, dass man mit seinem eigenen Lebensweg Bestätigung bekommt von der Gesellschaft.
Wer vor allem darunter leidet, dass diese Diskussion so aufgeladen ist, sind die Frauen, die zum Beispiel ungewollt kinderlos bleiben in Deutschland. Die werden ab einem gewissen Alter – und tatsächlich auch Männer – schief angeschaut, wenn sie kein Kind haben. Spannend fand ich vor allem eine Befragung, die zeigte, dass auch kinderlose Frauen im Job benachteiligt werden, die berichtet haben, dass sie bei Beförderung übergangen worden sind, zum Beispiel, weil ihre Chefs sie für kalt und emotional fehlerhaft gehalten haben oder ihnen wegen ihrer Kinderlosigkeit grundlegende Menschlichkeit aberkannt wurde. Da brauchen wir mehr Offenheit auf beiden Seiten.
Julian: Ja, glaube ich sofort, dass das passiert. Ich will auch gar nicht ausschließen, dass ich das selbst Leuten unterstellt habe, die keine Kinder wollen. Ich möchte nochmal darauf eingehen, was ich am Anfang gesagt habe, von wegen, es sei egoistisch, Kinder zu kriegen. Ich glaube, die Beschreibung von Chappell Roan ist der Beweis, dass genau das Gegenteil stimmt. Eltern, vor allem Mütter, sind ja bereit, sich selbst zurückzunehmen für einen anderen, heranwachsenden Menschen. Und Chappell Roan kreist ja in ihrem künstlerischen Leben schon viel um sich selbst und das ist auch mega witzig und bereichernd für uns alle. Aber für mich war immer klar, ein Kind zu bekommen, ist die einzige Chance, mich von mir selbst und meinem eigenen Egoismus zu heilen und diese ganzen selbstreferenziellen Gedanken loszuwerden. Das wär’s dazu von mir.
Recession Core
Imke: Damit gehen wir zu unserem nächsten Thema. Heute soll es auch um einen Modetrend gehen, den ich schon eine Weile beobachte. Es geht um Recession Core. Damit ist eine Mode für wirtschaftliche Krisenzeiten gemeint.
Julian: Also heißt das, dass wir weniger kaufen an Mode?
Imke: Nicht zwangsläufig, es geht eher darum, weniger in your face zu sein mit dem, was wir kaufen. Also eine Art Dresscode. Das Internet versucht den gerade an der Rückkehr von Schößchen-Tops, dünnen Schals und Skinny Jeans festzumachen.
Julian: Und du meintest gerade, du merkst das auch an dir selbst?
Imke: Ich merke tatsächlich Recession-Core-Tendenzen. Aber nicht, weil ich gerade Bock auf dünne Schals bekommen habe, das halte ich für eine falsche Herleitung, sondern an anderen viel subtileren Elementen. Ich glaube nämlich schon, dass es Recession Core also typische Modeelemente für Krisen gibt und die fühle ich auch. Aber es sind nicht die, die das Internet gerade versucht festzustellen. Wenn wir uns an die Finanzkrise 2008 erinnern, dann waren damals eben auch Schößchen-Tops, Skinny Jeans und dünne Schals im Trend. Ich glaube nicht, dass diese sehr spezifischen Kleidungsstücke Anzeichen einer Krise sind, sondern viel eher, dass der Trendzyklus hier gerade einfach wieder auf dem aufsteigenden Ast ist. Das ist ja die Magie von Trends: Sie kommen in bestimmten Wellen wieder. Und gleichzeitig verknüpfen natürlich jetzt viele, die sich noch an die Zeit der Finanzkrise erinnern, diese Kleidungsstücke mit der Krise und das wird zu einer Art selbst erfüllenden Prophezeiung, die jetzt wieder aufzutragen.
Julian: Aber Imke, du machst mir jetzt schon ein bisschen Angst. Kommt die Skinny Jeans wieder?
Imke: Vielleicht. Aber ich hab noch was anderes für dich, wofür du dich stattdessen begeistern könntest. Sagt dir Quiet Luxury noch was?
Julian: Ja, das waren doch so super teure Sachen, ohne dass man erkennen konnte, dass sie teuer sind, also von welcher Marke. Man sah keine Logos, Markenlabels usw. Alles sehr schlicht, in Schwarz, Grau, Beige, so wie Cos.
Imke: Genau, so wie Cos oder noch ein bisschen teurer, ein Äquivalent wäre da The Row. Und genau das, was du gerade beschrieben hast, so sieht Recession Core im eigentlichen Sinne aus, wenn auch weniger als Understatement. Es ist ein minimalistischer, zurückgenommener Stil für eine Zeit, in der es vielen wirtschaftlich schlecht geht und es sich nicht schickt, extravagant oder pompös rumzulaufen und seinen Reichtum und Luxus auszustrahlen.
Julian: Reiche Leute zeigen sich quasi empathisch und halten sich zurück, oder wie? Ist es nicht immer schon so gewesen, dass die sehr Reichen ihren Reichtum nie ausgestellt haben? Also wenn ich jetzt an Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg denke: Denen hat man ja nie angesehen, dass sie reich sind.
Imke: Der Trend bezieht sich eher auf den Mainstream als die obersten zwei Prozent. Ich glaube aber, diese obersten zwei Prozent von denen du gesprochen hast, die sind unter anderem Auslöser dafür, dass Quiet Luxury kam, also dass es überhaupt schick wurde auf diese ganzen Markenlogos und die Sichtbarkeit vom Wert eines Kleidungsstücks zu verzichten. Aber tatsächlich scheint es so zu sein und das war auch schon bei Krisen, die vor 2008 passiert sind so: In Zeiten, wenn es uns wirtschaftlich schlecht geht, liegt es nicht im Trend, sich ausgefallen, bunt und extravagant zu kleiden, sondern alles wird eher zurückhaltend.
Julian: Aber irgendwie bedrückt mich das. Ich hatte immer den Wunsch und die Vorstellung, dass Mode, so wie Kunst auch, ein Fenster in ein besseres Leben ist. Also man könnte doch auch sagen: Jetzt, wo die Zeiten so scheiße sind, jetzt haue ich erst recht auf die Kacke. Wir brauchen doch auch die Sehnsucht auf ein besseres Leben.
Imke: Ja, Julian, go for it!
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