EEs gibt Jobs, die umweht die Aura des Fragwürdigen. Etwa der des Kunstberaters. Was genau macht der? Was qualifiziert ihn? Weiß man als Sammler nicht selbst am besten, welches Werk einem gefällt? Eine Antwort lautet: Es gibt Menschen, die genug Geld besitzen, um Kunst zu kaufen, und den Wunsch haben, das immer wieder zu tun, doch viele von ihnen kennen sich im Kunstmarkt nicht aus.
Ob prestigebewusste Unternehmer, kunstaffine Prominente, wohlhabende Erben – die Chance, den eigenen Geschmacksverirrungen zu verfallen, sein Geld falsch anzulegen und sich in einer unregulierten Branche zu verlieren, deren Akteure allesamt Dollarzeichen in den Augen zu haben scheinen, ist groß. Warum sollte man sich also nicht Rat von einem Insider holen, der Qualität von heißer Luft trennen und exklusive Türen öffnen kann, die Anfängern im Kunstbetrieb verschlossen sind? 1-a-Ware, Top-Kontakte, Einladungen zu elitären Empfängen und glamourösen Eröffnungsdinners – das sind typische Versprechen, mit denen Art Consultants oder Art Advisors ihre Klientel locken.
Ein Kunstberater ist weltweit vernetzt, mit den besten Galeristen befreundet, kennt die Namen aller relevanten Künstler und die neuesten Trends ebenso wie die Formalitäten bei der Kaufabwicklung wie Transport, Versicherung und Zoll. Er vermittelt Wissen, während er seine Kunden durch Galerien und Museen, auf Biennalen, Auktionen und Messen begleitet. Er versteht, was sie mögen und wie man eine (mehr oder weniger) schlüssige Sammlung aufbaut.
Auch Leonardo DiCaprio ließ sich beraten
Kunstberater sind wie die Spinne im Netz, sie wissen bereits um die besten Stücke, ehe sie in Galerien auftauchen, da ihnen die Galeristen vorab Angebotslisten schicken. Manche haben nur einen einzigen vermögenden Klienten, andere beraten mehr als ein Dutzend. In der Regel nehmen sie zehn Prozent Marge, die allein der Kunde bezahlt und nicht der Händler. Viele Kunstberater haben zuvor im Handel, für Auktionshäuser oder Unternehmenssammlungen gearbeitet, oder sie hatten selbst mal eine Galerie. Sie sind meist charmant, ausgesprochen smart und voller Energie – nur manchmal leider unseriös.
Der jüngste Fall einer Reihe von Betrügereien in diesem Metier, das die Intransparenzen des Kunstmarkts voll ausschöpft, ist der von Lisa Schiff aus New York. Als eine der erfolgreichsten Kunstberaterinnen überhaupt war sie omnipräsent in der Szene: Man sah sie auf Fotos neben Megagaleristen, Weltkünstlern und Superreichen; sie hielt Reden in Museen und wurde in Fachmagazinen zitiert. Der Schauspieler Leonardo DiCaprio war der berühmteste ihrer Kunden, mit denen sie enge Freundschaften pflegte – und von denen sie zwölf, wie im Jahr 2023 herauskam, um insgesamt 6,5 Millionen Dollar betrog.
Schiff lebte ein Leben auf VIP-Previews und Champagnerpartys, in Bluechip-Galerien, Helikoptern und Luxusboutiquen, wo sie binnen fünf Jahren Geld ausgab, das ihr die Sammler anvertraut hatten: Statt direkt an die Galerien zu zahlen, liefen die Rechnungen für Kunstwerke über Schiff – was mutmaßlich dazu führte, dass manche günstiger oder gar nicht gekauft wurden, das Geld aber in die Tasche der Beraterin wanderte. In Erwartung einer Höchststrafe von bis zu 20 Jahren Haft für Überweisungsbetrug zeigte Schiff sich schließlich selbst an. Am 19. März 2025 wurde sie von einem Bundesgericht in Manhattan zu zweieinhalb Jahren Gefängnis und zwei Jahren Freigang unter Aufsicht verurteilt.
Interessenkonflikte bis zum Betrug
Ein Jahr zuvor: Seine Gefängnisstrafe hat der flamboyante Händler und Berater Inigo Philbrick da bereits hinter sich. Von 2010 bis 2019 betuppte er mindestens 24 Sammler und Kunstinvestmentfirmen um 86 Millionen Dollar, wofür er bis Januar 2024 vier Jahre lang im Gefängnis saß.
Etwa die gleiche Zeit verbrachte auch Helge Achenbach, das Düsseldorfer Art-Consultant-Urgestein in Deutschland, hinter Gittern. Er machte 2014 wegen seines Betrugs an dem Aldi-Mitgründer Berthold Albrecht Schlagzeilen, für den er Kunst und Oldtimer im Wert von 120 Millionen Euro kaufte. Doch statt der vereinbarten Margen nahm er Preisaufschläge vor, was nach Albrechts Tod ans Licht kam. Das Resultat: sechs Jahre Haft, davon zwei auf Bewährung, und eine Schadenersatzzahlung von 16,1 Millionen Euro.
Dagegen kam der Schweizer Yves Bouvier fast unbehelligt davon, obwohl ihm Betrug, Anstiftung zum Diebstahl und diverse Interessenkonflikte angeheftet wurden. Als vermeintlicher Berater vermittelte er rund 40 Werke, unter anderem von Picasso, Rothko und Leonardo, für über zwei Milliarden Dollar an den russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew – dem er verschwieg, dass er die Werke selbst besaß und so mutmaßlich bis zu einer Milliarde an Provision einsteckte. Rybolowlew klagte, 2023 einigten er und Bouvier sich außergerichtlich.
Berater sollten nicht als Händler agieren
Um solchen Fällen entgegenzuwirken – anscheinend mit mäßigem Erfolg – gibt es seit 1980 die Association of Professional Art Advisors (APAA). Sie schreibt sich „Experience, Expertise, Ethics“ auf die Fahnen – angelehnt an Richtlinien, die für professionelles, genauer gesagt: rechtmäßiges Verhalten von Kunstberatern stehen. Deren Anzahl steigt seit 25 Jahren stetig, proportional zum globalen Jahresumsatz für Kunst, der in dieser Zeit von rund 6 auf 65 Milliarden Dollar stieg. Doch die Rolle des Kunstberaters bleibt nebulös bis dubios, zumal die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist.
„Es gibt keine Eintrittsbeschränkung“, wird Alex Glauber, Präsident von APAA, in einem Artikel auf der Website der Art Basel zitiert. Als Berater eigene Kunstwerke zu besitzen, also an- und verkauft, sei ein No-Go, ebenso wie Zahlungen von Galerien oder Künstlern anzunehmen. „Es gibt Grauzonen, in denen man Informationen verschleiern oder weglassen kann“, sagt Glauber. „Aber wenn Sie etwas tun, das Ihrem Kunden peinlich wäre, falls er es herausfinden würde, dann sollten Sie es nicht tun.“
Dass ein Kunstberater in erster Linie seinen Kunden zu dienen hat, empfiehlt auch das Sotheby’s Institute of Art. Das Ausbildungszentrum des weltältesten Auktionshauses rät Beratern und solchen, die es werden wollen, davon ab, selbst Bestände an Kunstwerken zu halten, als Kunsthändler zu agieren oder Vergütungen von Künstlern oder Händlern zu akzeptieren, weil das zum Interessenkonflikt führt. Da es jedoch keine formelle Aufsichtsbehörde für Art Consulting gibt, sind solche Kodizes nicht bindend.
Auch wenn sich die über 170 Mitglieder der APAA zur Einhaltung des Ehrenkodex verpflichten: Genauso wie Galeristen auch beraten, treiben Berater inzwischen Handel. Sie kaufen und verkaufen für ihre Kunden und für sich selbst für spätere Wiederverkäufe. „Die ganze Heuchelei um Wiederverkauf ist so lächerlich“, sagte Lisa Schiff vor einigen Jahren in einem Interview und gab unverhohlen zu, dass sie Grenzen bewusst verwischt: „Manchmal ist es Timing. Da kommen Stücke auf den Markt, und es gibt niemanden, der sie kaufen will, und ich kann sie nicht ziehen lassen.“
Die Werke aber später mit hohem Aufpreis an Kunden zu verkaufen – am besten an mehrere gleichzeitig –, das ist ein Problem. Denn viele Käufer packen ihre Kunst-Ware nie aus, sondern lagern sie als Geldanlage, die man – ebenfalls durch den „Berater“ – wieder abstoßen kann. Da bleibt schon mal im Dunkeln, ob jemand ein Kunstwerk wirklich besitzt, wie viel dafür bezahlt wurde oder ob es gewinnbringend veräußert worden ist.
Wer einmal gemerkt hat, wie leicht man Kunden übers Ohr hauen kann, braucht anscheinend Integrität, Empathie und Stil, um den inneren „Wolf of Wall Street“ nicht zu füttern. Wer die nicht hat, klingt irgendwann entweder reumütig wie Lisa Schiff: „Ich war jeden Tag ein Fake, ein Betrug. Ich hasste es, wenn Leute nette Dinge über mich sagten. Ich fühlte mich wie eine lebende Tote.“ Oder vermeintlich ahnungslos wie Yves Bouvier, der alles abstritt und über seinen milliardenschweren Kunden sagte: „Falls ich ihn hinters Licht geführt habe, so bin ich nicht nur der beste Kunsthändler der Welt, sondern ein Genie. Ich bin Einstein.“ Genial? Höchstens so lange, bis man auffliegt und aus der Glamourwelt der Kunstberatung ins dramatische Fach von True Crime wechselt.
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