Sherlock Holmes, einer der symbolischen Repräsentanten des britischen Imperiums auf seinem Höhepunkt, gilt als Inbegriff analytischer Rationalität. Dennoch gönnt sich der Meisterdetektiv das eine oder andere Morphium-Pfeifchen. Sein Freund und Berater Dr. Watson sieht den Drogenkonsum kritisch, dringt mit seinen Warnungen aber nicht durch. Zu sehr schätzt Holmes die entspannende und bewusstseinserweiternde Wirkung des Opioids. Ironischerweise hilft es ihm, klar zu denken.

Die Wechselwirkung zwischen den hehren Prinzipien der Aufklärung, wie sie dem Selbstbild der Engländer entsprachen, und der kolonialen Herrschaft über urwüchsige „Wilde“ und deren quasi-magische Stimulanzien steht im Zentrum von Amitav Ghoshs Buch „Rauch und Asche: Die geheime Geschichte des Opiums“. 1956 in Kolkata geboren und seit Langem in New York zu Hause, ist der Inder für sein Projekt prädestiniert. Nur wenige Jahre vor seiner Geburt hatte Indien die Unabhängigkeit von der britischen Krone erklärt, dem Hauptagenten in jenem „Great Game“ aus Politik, Krieg und Spionage, dessen Ziel darin bestand, im Wettstreit der Kolonialmächte die Vorherrschaft zu sichern. Während der Recherchen für seine „Ibis“-Romantrilogie (2008–2015), die vor dem ersten Opiumkrieg (1839–1842) spielt, stellte Ghosh überrascht fest, dass die Lebensläufe vieler handelnder Personen sich in einer Hinsicht überschnitten: Sie hatten alle mit Opium zu tun. George Orwell wurde im indischen Bundesstaat Bihar geboren, wo sein Vater Opium-Händler war, Rudyard Kipling besichtigte eine Opium-Fabrik, Charles Dickens sprach sich öffentlich für den Opiumhandel aus.

Regelrecht unheimlich wirkmächtig schien Ghosh der Samen der zarten Pflanze mit dem schlanken Stiel und Blüten, so fein wie Seidenpapier – beziehungsweise die geschmeidige dunkle Paste, die entsteht, wenn man den Rohstoff erhitzt, knetet, röstet, einer Wasserextraktion unterzieht und monatelang mit dem Schimmelpilz Aspergillus niger fermentiert.

Bis heute schwelt unter Historikern und Aktivisten der Streit, wie weit der Reichtum der Kolonialmächte auf der Ausbeutung ihrer annektierten Überseegebiete beruhte oder wie sehr die imperialen Abenteuer ein Zuschussprojekt waren. Ghosh bezieht eindeutige Position, belegt sie aber mit beeindruckenden Zahlen und komplexen Geschichten.

Beispielsweise beliefen sich die Zölle auf eine andere fernöstliche Importware, die rasch zum britischen Nationalgetränk wurde, nämlich Tee, auf bis zu 125 Prozent. Damit finanzierte Großbritannien zehn Prozent des Staatshaushalts, was ausreichte für die komplette Verwaltung und die Eroberungskriege. Allerdings war das Geschäft mit dem Tee-Monopolisten China eine einseitige Sache.

Da China sich ausschließlich in Silber bezahlen ließ und die britischen Silbervorräte langsam zur Neige gingen, ersannen Militär und die mächtige East India Company einen Plan zur Gewinnung von Devisen: In Indien wurde Opium im großen Stil produziert. Weil China dessen Einfuhr aber schon 1729 verboten hatte, verkaufte man an „private Händler“, die das Teufelszeug ins Land schmuggelten. China reagierte brüsk, die Engländer ebenfalls. Zwei Opiumkriege waren die Folge. Am Ende ertrotzte sich die britische Krone Hongkong, Zugang zu Häfen und eine Botschaft in Peking. Das oktroyierte Opium verheerte die chinesische Gesellschaft (wie heute das künstliche Opioid Fentanyl die USA): Sogar der Kaiser wurde süchtig.

Der Westen, schreibt Amitav Ghosh, habe den Opiumhandel zwar so wenig erfunden wie den Sklavenhandel. Aber der technische Vorsprung exponenzierte die Praxis, bis am Ende ein perfekter kolonialer Drogenstaat stand.

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