Es gab mal eine Zeit, da konnte man sich darauf verlassen, dass Menschen, denen man den Begriff Augiasstall hinwarf, eine Unterbringungsstätte für Tiere vor Augen kam, die man heute als disruptiv oder dysfunktional bezeichnen würde. Herakles, der Held und Halbgott, sollte – das zur Erklärung – als eine seiner zwölf Taten den beinahe seit Göttergedenken vernachlässigten Rinderstall des Augias, König von Elis auf der Peloponnes, binnen eines Tages ausmisten. Was Herakles natürlich schaffte, aber (natürlich) zu fortgesetztem Blutvergießen in der griechischen Mythologie führte.
Um uns jetzt endlich doch dem Sonntagabendkrimi zuzuwenden: Es gibt kein „Tatort“-Kommissariat in Geschichte und Gegenwart, das es mit der Rinderhalle das Augias besser aufnehmen könnte als das Dortmunder. Und leider ist der einzige Herakles, der in der Lage wäre, aufzuräumen, in diesem disruptiven Dschungel fehlgehender Arbeitszusammenhänge, die geneigt sind, einem jegliches Vertrauen in einen funktionierenden Rechtsstaat zu nehmen, ausgerechnet jener Drehbuchautor, der verantwortlich ist für den ganzen Schlamassel.
Jürgen Werner heißt er. Er hat Faber erfunden, den Kommissar mit der verstörtesten Psyche, den schrägsten Traumen aller „Tatort“-Tätersucher. Und er hat über die Jahre – „Abstellgleis“, der neue Fall, ist der 27. In knapp 23 Jahren – eine horizontale Erzählung entwickelt, die als Geisterbahnfahrt durch die Dunkelheiten der menschlichen Seele noch milde beschrieben wäre.
Nicht immer haben Werner und das Dortmunder Plotlinienweiterentwicklerteam in ihrem Labyrinth rechtzeitig den richtigen Abzweig gefunden. Regelmäßig gingen einem die roten Fäden durchs Dortmunder Mörderwesen derart auf die Nerven, dass man Chatgruppen gründen wollte. „Lasst Bönisch in Ruhe ruhen“ wäre eine gewesen. „Schafft Faber endlich den Mörder seiner Familie vom Hals“ eine andere.
Wir waren kurz davor, die „Bringt Haller endlich um die Ecke“-Gruppe zu gründen, da liegt in „Abstellgleis“ besagter Haller in seinem Blut. Sebastian Haller, KTU-Chef, schlimmer Finger, ein intriganter Peinsack vor dem Herrn, der wahrscheinlich schuld ist am Ableben von Martina Bönisch, der ersten und großen letzten Liebe von Peter Faber.
Das kleine Großreinemachen
Das könnte man jetzt als Beginn einer geradezu heraklidischen Aufräumaktion begreifen. Aber Jürgen Werner wäre nicht Jürgen Werner, wenn er nicht durchs Großreinemachen auf der einen Plotseite gleich auf der anderen ein möglichst großes und perspektivisch weitreichendes Durcheinander auf der anderen Seite anrichten würde.
Die Geschichte geht so: Faber, der letzte Parka-Träger Deutschlands, und seine fabelhafte Kollegin Herzog werden von Ira Klasnic, ihrer neuen Chefin, von der man jetzt schon ahnt, dass man ihretwegen demnächst eine Chatgruppe gründen muss, aufs Abstellgleis geschoben. Abgestellt für einen Unfall mit Fahrerflucht – eine Frau ist tot, die mal mit einem albanischen Clan-Mitglied liiert war. Und da ist dann Haller. Und er geht gleich wieder in den Infight mit Faber: „Ihre Chefin will Sie loswerden“, sagt er, und alle hören es mit. „Ich will Sie loswerden. Und der Polizeichef lässt die Korken knallen, wenn uns das gelingt.“
Recht hat er wohl. Leider ist er halt keine fünf Filmminuten später tot, der Haller. Dafür ist einer wieder da, der seit Jahren verschwunden war. Der Kollege Daniel Kossik. Der ist jetzt bei der Internen im LKA in Düsseldorf. Gegen interne Ermittler im deutschen Sonntagabendkrimi kann man wegen inzwischen erwiesener Klischeehaftigtkeit gar nicht genug Chatgruppen gründen.
Kossik (Stefan Konarske), der sich mit Faber bis 2017, bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dortmunder Kommissariat, dessen Gründungsmitglied er war, immer heftiger verkeilt hatte, will offensichtlich eine Rechnung begleichen. Oder gleich mehrere. Faber zwingt er in den Untergrund und zu einem radikalen Stilwechsel – er trägt einen offensichtlich aus einem Humana-Container entwendeten Anzug, hat die Haare schön und lässt seinen Manta schweren Herzens stehen.
Und weil er schon so schön dabei ist, klaubt Werner gleich noch mehr Rechnungen aus der Asservatenkammer seines Dortmunder Kommissariats. Und erfindet neue dazu. Wer jedenfalls glaubt, nach dem Tod von Haller würde der Augiasintrigantenstadl von der Emscher und der Ruhr irgendwie aufgeräumter werden und man könnte sich in Zukunft aufs Wechselspiel der Großschauspieler Stefanie Reinsperger (Herzog) und Jörg Hartmann (Faber) freuen, weiß sich schon nach einer halben Stunde eines Besseren belehrt.
Jürgen Werner wäre allerdings auch nicht Jürgen Werner, würde er es nicht hinbekommen, aus dem ganzen neuen und alten (um im Augias-Bild zu bleiben) Mist einen Hochgeschwindigkeitsthriller zu entwickeln, bei dem man gar nicht auf die Idee kommt, Angst zu haben, dass man irgendwas nicht versteht, weil man zwischendurch ein paar Dortmunder Fälle verpasst hat. Was dringend nötig ist, fängt Werner in knappen Erklärbärdialogen ein.
Theater der Blicke
Was „Abstellgleis“ allerdings zu einer finster funkelnden Sonntagabendunterhaltung macht, ist das Theater der Blicke, das Beobachten der feinsten Bewegungen auf den Gesichtern von Reinsperger und Hartmann, die Stille im Zentrum des dramaturgischen Getöses um Loyalitäten und disruptives Verhalten, das Werner veranstaltet. Man schaut den beiden – Burgschauspielerin die eine, langjähriger Schaubühnen-Star der andere – einfach unfassbar gerne zu. Selbst wenn sie die Waffen zücken und aufeinander anlegen.
Angst, dass sie abdrücken, hat man ja keine. Sie werden – nach dem Aderlass der altgedienten „Tatort“-Recken in der jüngsten Zeit – noch gebraucht. Und sollte Jürgen Werner sich je gegen sie versündigen, würden wir natürlich sofort eine Chatgruppe gründen.
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