Wenn Wladimir Putin in der Ukraine bekommt, was er will, dann ist Estland als Nächstes dran. Das behaupten geopolitische Denker, die im russischen Präsidenten einen ehemaligen KGB-Mitarbeiter erkennen, der die Grenzen seines Territoriums am liebsten dahin verschieben würde, wo die der Sowjetunion sich einst befanden.

Und es ist keineswegs unvorstellbar, dass Putin nach einem von Donald Trump ausgehandelten Annexionsfrieden im Süden den Blick nordwärts richten wird. Die Küstenebene des Baltikums müsste leicht einzunehmen sein. Die drei ehemaligen Sowjetstaaten galten schon immer als beliebtes Urlaubsziel. Estland, der nördlichste, war bis vor Kurzem nur acht Zugstunden entfernt von Sankt Petersburg, Putins Geburtsort.

Das Werk von Jaan Kross (1920–2007) zeigt, wie seit Jahrhunderten über Estland gedacht wird. Der Gigant der estnischen Literatur schrieb unter anderem elf Romane. Alle enthalten als Hauptfiguren authentische historische Personen, die trotz externem Druck ihre estnische Identität zu wahren versuchen. Sein Debüt, „Das Leben des Balthasar Rüssow“, dessen erster Teil 1970 erschien, spielt in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Estland, das als Livland damals zu dem Deutschordensstaat gehörte. Balthasar Rüssow, der Sohn eines Fuhrmanns, lernt das Deutsch der Elite, bringt es zum Pfarrer in Reval, wie Tallinn damals hieß, und wird berühmt, als er seine Chronik der Provinz Lyffland veröffentlicht.

In dieser frühen Geschichte Estlands beschreibt er unter anderem den Livländischen Krieg (1558–1583). Der Konflikt begann, als Ivan der Schreckliche, der erste Zar aus Moskau, mit seinen Truppen in den geschwächten Ordensstaat marschierte. Rasch mischten sich auch Polen-Litauen und Schweden ein. Rüssow legte sich mit den Großmächten an, die ihre Feindschaft in seiner Heimat auskämpften und die estnische Bauernbevölkerung zu eigenen Zwecken benutzten.

Kross wusste aus eigener Erfahrung, wie es ist, in einem Land zu leben, das als Spielball benutzt wird. Er wurde 1920 geboren, im selben Jahr, als die Sowjetunion und Estland offiziell die estnische Unabhängigkeit bestätigten. 20 Jahre später begann die sowjetische Okkupation, 1941 kamen die Nazis, 1944 kehrte die Rote Armee zurück. Kross verbrachte fünf Jahre in einem Straflager in Sibirien. Nur in auf Estnisch geschriebenen historischen Romanen konnte er der kommunistischen Zensur ausweichen und seine politische Kritik äußern.

Wir wissen nicht, wie Kross die aktuelle Lage seiner Heimat umschreiben würde. Vielleicht mit einem defätistischen „Ich hab‘s euch doch gesagt“? Seine Erzählung von Balthasar Rüssow zeigt uns aber, dass die Rückkehr einer Welt der Großmächte, so wie Putin und Trump sie offenbar verlangen, nur Schlechtes bedeuten kann. Insbesondere – aber nicht nur – für kleine, stolze, souveräne Nationen. Die Europäer tun gut daran, die internationale Ordnung von Recht und Regeln zu beschützen.

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