Lesetipps gibt’s hier genug. Was man lesen soll, vor allem als angehender Autor. Aber auch wie man lesen soll. „Das ist De Profundis von Oscar Wilde. Eines der schönsten Bücher, die ich je gelesen habe, ich möchte, dass du es liest, wenn du nüchtern bist, zwischen den Besäufnissen, ein berauschendes Buch sollte man im nüchternen Zustand lesen, ein nüchternes Buch im Rausch.“
„Lust“, das neue, autofiktionale Buch von Tomas Espedal, muss man definitiv nüchtern lesen. Den obigen Rat bekommt der junge Möchtegern-Schriftsteller von seinem Freund Robert erteilt, einer der unvergesslichen, tragischen Figuren in diesem Buch, das ein Selbstporträt des Künstlers als junger Mann ist und zugleich eine Skizze seiner Künstlerfreunde.
Mit Robert, der schließlich an der Kunst zugrunde gehen wird, ist Espedal aus seiner Heimatstadt Bergen nach Dänemark aufgebrochen, in ein Studentenwohnheim am Rande Kopenhagens. Hier stürzt er sich in das Großstadtleben, die Großstadtliteratur, die Großstadtnächte, in denen er sich fast verliert, aber dann doch seinen ersten Roman schreibt: Den Titel leiht er sich vom Idol Rimbaud, gewidmet ist das Buch seiner Freundin, die in Bergen auf die Rückkehr des Genies wartet.
Robert – schwul, wohlhabend, aus großbürgerlich-kaufmännischem Hause – ist in vielem ein Gegenbild zu seinem Freund, der ihn liebt und bewundert. Im ersten Teil von „Lust“, „Früchte einer Arbeit“ betitelt, schildert Espedal noch einmal seine Arbeiter-Herkunft (der Vater ist Textilarbeiter, seine Mutter Sekretärin), sein frühes Begreifen der fundamentalen Gräben der Herkunft, seine Abscheu für unverdienten, ausgestellten Reichtum und Privilegien, die sich dem Zufall der Geburt verdanken. Treue Espedal-Leser kennen den unsichtbaren Graben schon aus dem Effeff, der die proletarischen Wohnblocks im Skyttervei von den Häuschen im Øyjordsveien trennt.
Doch bricht Espedal auch mit den Erwartungen seiner Familie, reißt aus und flieht, kehrt beschämt zurück und flieht wieder, und lernt buchstäblich, sich allein durchzuboxen. Der hochbegabte, hoch rebellische Jugendliche kommt aufs naturwissenschaftliche Elitegymnasium in der Innenstadt und bleibt doch immer hin- und hergerissen zwischen sozialen Aufstiegsfantasien und der Treue zum eigenen Außenseitertum. Er liest Proust und schlägt wild um sich. Kontrollverlust gehört zu seinem aus der Literaturgeschichte abgeleiteten Selbstbild vom authentischen Künstler. Der Poète maudit hat noch gar keine Poesie, da droht er sich schon selbst zu zerstören.
Der Weg zum ersten Buch ist dann denkbar prosaisch: Eine erste Fassung wird vom Verlag abgelehnt, die zweite auch, die dritte ebenfalls, bis der Bohemien die Fron des Lektorats erdulden lernt. Der Weg zur Kunst führt über radikale Selbstdisziplinierung, die ihn überraschend zu seiner Herkunft zurückführt: „Und ich arbeitete wie meine Mutter, die Sekretärin … sie war eine Schreibende. Wir waren Schreibende; könnte sie, würde sie mich doch eines Tages als Teil der Familie anerkennen.“
Es gibt in diesem Buch, das wie ein langer, kaum einmal innehaltender Erinnerungsstrom wirkt, immer wieder Momente höchster Intensität, so wie ein Rausch plötzlich Augenblicke absoluter Klarheit freisetzen kann. Der Tod der so unerbittlichen, ihn ständig angreifenden Mutter etwa. „Was, wenn er eine unterstützende Mutter gehabt hätte, die ihn stimulierte und einhüllte, die ihn liebte, es hätte ihn vollkommen zerstört.“
Auch der Alkoholismus, der im zweiten Teil beschrieben ist, ist ein dunkel glänzender Höhepunkt. Das Delirium verwandelt sich in einen Rausch aus Sprache. Und genau das ist der Kern von Espedals Kunst, die aus dem Chaos unserer Existenz einen hin- und mitreißenden Wirbel aus Sätzen macht.
Tomas Espedal: „Lust“. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Matthes & Seitz, 320 Seiten, 22,99 Euro.
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