Es ist ein nettes Gedankenspiel, sich vorzustellen, die Bücher einer Shortlist wären Teile eines einzigen, in mehreren Bänden verfassten Werks. Manchmal kommt dabei einfach nur Nonsens raus, bei einigen der in diesem Frühjahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Belletristik-Titeln aber fielen bei der Lektüre derart verblüffende Ähnlichkeiten und Links auf, dass man sich fast vorstellen könnte, dass da irgendein Literatursupergehirn dahintersteckte. Katrin Schumacher, MDR-Journalistin und die Juryvorsitzende, muss so etwas gemeint haben, als sie zur Belletristik-Shortlist sagte, die Bücher schienen, „miteinander ins Gespräch zu kommen“.

Das betrifft etwa die Grundidee, zwei Handlungen miteinander zu verweben und dabei zugleich die Grenzen von Fiktion und Realität, Diesseits und Jenseits auf äußerst originelle Weise durchlässig werden zu lassen. So hat Wolf Haas seinen literarischen Hochseilakt „Wackelkontakt“ wie eine jener vertrackten Zeichnungen von M.C. Escher konstruiert, in denen zwei zunächst scheinbar vollkommen getrennte Welten mehr und mehr ineinander übergehen. Die Geschichte des Bestattungsredners und Hagestolzes Franz Escher (sic!), der aus Schusseligkeit den Tod eines Elektrikers verschuldet, und die spannende Krimistory eines von der Mafia gejagten Kronzeugen, der in Deutschland untertaucht, die dieser Escher in einem Buch liest. Beide Stränge entpuppen sich auf virtuose Weise als zwei Seiten derselben Romanstory, zwischen denen der Leser hin- und herschaltet, nie ganz im Einen und nie ganz im anderen.

Christian Krachts „Air“ liegt eine ganz ähnliche Konstruktion zugrunde: hier der hochverfeinerte Geschmacks-Nerd Paul, ein Inneneinrichter, der sich auf einer schottischen Insel vor der verachteten Banal-Welt zurückgezogen hat. Dort eine in einem fantastischen Mittelalter angesiedelte Geschichte von Ildr und einem mysteriösen Fremden, die auf der Flucht vor den Häschern eines grausamen Herzogs sind. Und natürlich ist der „Fremde“ in der Parallelwelt niemand anderer als Paul. Hier also ein Krachtsches Distinktionssetting auf der Grenze zur Selbstparodie, dort ein Fantasy-Plot irgendwo zwischen Game of Thrones, Artus-Epik und „Brüder Löwenherz“.

Tatsächlich hat Kracht seinem Buch vieles von Astrid Lindgrens Klassiker einverleibt, nicht zuletzt die Zweiweltenlehre seines Romans, die auf ganz andere Weise auch in Cemile Sahins wilder Action-Film-Travestie „Kommando Ajax“ auftaucht. Hier ist es das Herkunftsland kurdischer Migranten in der Türkei, eine verlorene, mythische Welt, die auf irrwitzige Weise weiterhin die Gedanken und die Schicksale der weitverzweigten Familie Korkmaz bestimmt. Höchst auffällig, wie in allen drei Romanen mit Genre-Modellen gespielt wird: bei Haas der Mafia-Roman (bei dem erfolgreichen Krimiautor nicht so überraschend), bei Kracht die Fantasy- und die Jugendbuch-Welten (die der Neigung des Autors zu trivialer, schwarz-weißer Figurenzeichnung entgegenkommt), bei Sahin die James-Bond- oder „Mission Impossible“-Versatzstücke, dazu Mafia-Epen à la „Scarface“ und „Der Pate“. Bei Sahin wird durchgängig mit harten, Filmklischees entsprechenden Rückblenden zwischen den Zeiten und Welten hin- und hergeswitcht, auch das ergibt beim Leser einen „Wackelkontakt“-Effekt und eine Art Gespräch mit dem Jenseits wie in „Air“.

Dezidiert engagiert und unironisch

Fast schon unheimlich, dass überall noch eine dritte Welt erscheint, die der Kunst nämlich. Gemälde spielen in allen drei Geschichten eine zentrale Rolle: bei Haas die Puzzle berühmter Werke der Kunstgeschichte und am Ende sogar ein gestohlenes und in kleinste Teile zerschnippeltes Meisterwerk. Bei Cemile Sahin steckt die Dealerware aus einem legendären Kunstraub hinter der ganzen Handlung um Auftragsmörder, Racheakte und Museumseinbrüche. Und bei Kracht gehen die überlebenden Hauptfiguren am Ende in ein Gemälde ein, als wäre die zunehmend verflachte, zweidimensionale Welt, die der zivilisationsmüde Paul beklagt, am Ende die Rettung der Realität in der Malerei.

So viel Wirklichkeitsflucht war also selten auf einer Shortlist, sodass es sehr passend wirkte, als Katrin Schumacher in ihrer Rede den Tocotronic-Song „Aber hier leben, nein danke“ zitierte. Also alles Weltverlust und Eskapismus in Leipzig, ausgerechnet in diesen Zeiten? Da wurde es den Juroren wohl selbst ein bisschen mulmig, angesichts des damit potenziell von der Buchmesse ausgesandten Signals. Stattdessen gewann mit Kristine Bilkaus Mutter-Tochter-Roman „Halbinsel“ dann ein Buch, dass wohl am konkretesten die Forderung Schumachers nach „gegenwartsempfindlichen“ Büchern erfüllte: Der seelische Zusammenbruch ihrer erwachsenen Tochter konfrontiert die Erzählerin mit ihrer eigenen unbewältigten Vergangenheit, dem Tod des Ehemannes, und mit ihrer unklaren Zukunft.

Auch in diesem leisen, im Vergleich zu den Favoriten wie Haas oder Kracht unspektakulären Buch kommt ein (Natur-)Gemälde an prominenter Stelle vor, es dient aber mehr zum Auslöser oder auch zum Dingsymbol einer aus dem Gleichgewicht geratenen Welt. Bei ihrem Ohnmachtsanfall während eines aktivistisch engagierten Vortrags zum Klimawandel wird es von der Tochter unabsichtlich beschädigt, was nicht ohne Folgen bleibt. Als Climate fiction kann man dieses Erzählen bezeichnen und, anders als die menschenfeindlichen Eiswelten Christian Krachts, als eine dezidiert engagierte und unironische Variante davon. „Eskapismus war lange nicht mehr so elegant“, hatte Juror David Hugendick treffend zu Kracht gesagt. Diesem Eskapismus freilich wurde eine Absage erteilt, der Eleganz auch. Und nicht zuletzt dem Witz, der vor allem, aber nicht nur in Haas’ Buch zu finden ist.

Man könnte auch sagen, dass die bitterernsten Gegenwartsfragen sich gegen den wiedererstarkenden Trend zu artistischem Spiel und lustvoller Eigenlogik der Ästhetik wieder (oder noch) einmal durchgesetzt haben. Der Eindruck verstärkte sich noch durch die Entscheidungen in den anderen beiden Kategorien: Im Sachbuch gewann Irina Rastorguevas Diagnose des real existierenden Putinismus in „Pop-up-Propaganda. Epikrise der russischen Selbstvergiftung“. Als Übersetzer wurde Thomas Weller dafür ausgezeichnet, dass er die Augenzeugenberichte von Naziverbrechen in Belarus erstmals ins Deutsche übertrug. Alle Juroren schienen vom schockierenden Inhalt der „Feuerdörfer“ überwältigt. Und alle drei Preisträger schlugen in ihren Dankreden den Bogen zu den diversen Krisen unserer Zeit, vom Ukraine-Krieg bis zu den Geschichtsfälschungen der AfD.

Die in Hamburg lebende Kristine Bilkau, 1974 geboren und bereits mit früheren Werken sehr erfolgreich, brach eine Lanze für die junge Generation. Während „wir Älteren“ seit gut einem Jahrzehnt eine Welt voller Krisen beklagten, sei diese Dauerkrise der einzige Weltzustand, den jüngere überhaupt kennen würden. Dem konnte man schwer widersprechen. Ihr Buch ist daher auch unbedingt zu empfehlen – als kluger Kommentar zum Status quo und den aktuellen Herausforderungen für alle Generationen. Ob allerdings dieses erzählerisch konventionelle, in Ton, Setting und Thema an Judith Hermanns jüngsten Roman „Daheim“ erinnernde Buch angesichts so starker Konkurrenz wirklich diesen Preis verdient hat, ist wohl eine Frage ästhetischer Grundeinstellungen und Lesererwartungen. Der Buchhandel wird es lieben.

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