Ach ja, richtig, Claudia Roth. Die Grünen-Politikerin und Kulturstaatsministerin hatte man in diesen letzten Wochen der alten Bundesregierung schon fast vergessen, doch sie ist noch im Amt, rhetorisch weltumarmend wie gewohnt: „Sehr geehrte alle, liebe Demokratinnen und Demokraten, die es gerade jetzt so sehr braucht.“

Bei der feierlichen Eröffnung der Leipziger Buchmesse am Mittwochabend feiert die scheidende Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien ein bisschen auch sich selbst.

Sie lässt noch mal wissen, dass sie den Kulturpass eingeführt hat, also den 100-Euro-Gutschein für 18-Jährige, von dem die Buchbranche besonders profitiert hat. „Halten Sie unbedingt am Kulturpass fest“, ruft Roth in den Saal. Applaus. „Kultur ist der Sound der Demokratie“, Applausapplaus, Roth hat ihre Pathos- und Soundregler ganz weit aufgedreht. Als gelte es, dem Gewandhausorchester Konkurrenz zu machen, das gleich „Peer Gynt“ spielt – Buchmesse-Gastland ist Norwegen. Zwar hat Kronprinzessin Mette-Marit krankheitsbedingt abgesagt, und Sachsens Ministerpräsident Kretschmer muss an diesem Abend Koalitionsverhandlungen in Berlin führen, aber an Rednern mangelt es bei Buchmesse-Eröffnungen bekanntlich nie.

Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, erinnert an den Schriftsteller Boualem Sansal – den das algerische Regime willkürlich verhaften ließ. Überhaupt stehen die Autokrat(i)en dieser Welt an diesem Abend der Reden wie Elefanten im Raum. Putin, Lukaschenko, Erdogan, und ja, auch Trump. Der aber nur über Bande, Leipzigs Oberbürgermeister zitiert den im Vorjahr verstorbenen Paul Auster. Der große amerikanische Schriftsteller habe schon 2017, zu Trumps erster Amtszeit, festgestellt, dass demokratische Institutionen nirgends in Stein gehauen seien. Vielmehr seien sie, so das Auster-Zitat, nur „aus Seife geformt. Und wenn Trump seinen Wasserstrahl auf sie richtet, dann schmelzen sie.“

„Worte bewegen Welten“

Nun wurde die Demokratie auf Buchmessen schon allzu oft mit Nachdruck beschworen. Gerade die Literaturbranche legt Wert darauf, für die Freiheit des Wortes zu sprechen, um dann regelmäßig Plattitüden zu produzieren wie „Worte bewegen Welten“ (das Messe-Motto). Oder Pennälersätze wie: „Wenn wir wollen, dass unser Wortschatz ein Schatz bleibt, dann sollten wir achtsam sein.“

Zum Glück ehrt Leipzig mit seinem Buchpreis zur Europäischen Verständigung an diesem Abend noch einen echten Literaten – einen, der Gombrowicz, Kafka und Nabokov zu seinen Hausgöttern zählt: Alhierd Bacharevic. Der belarussische Schriftsteller, der seit 2020 im Exil lebt und die Auszeichnung für seinen 2017 erschienenen Roman „Europas Hunde“ erhält, kann nur mutmaßen, warum seine Werke in seiner Heimat verboten sind: „Literatur ist ein individueller Akt der puren Freiheit. Mehr noch, sie ist die einzige gewaltfreie Form der Freiheit. Musik der Sprache, Sarkasmus, Satire, Spiel.“

Bacharevics Spieltrieb ist sogar so ausgeprägt, dass er den Helden in seinem Opus magnum eine eigene Sprache namens Balbuta erfinden lässt. Denn die anderen Sprachen Europas haben fertig. Das Russische? „Eine Sprache, die immer wie mit Durchsuchungsbefehl daherkommt, eine Sprache, die immer recht hat.“ Das Englische? „Ein geschwulstartig aufgedunsenes Gummiherz, das wie wild Milliarden Wörter in die Welt pumpt.“ Und Deutsch? „Ein bitterer Rettich, der sich einmal als Genie und Übermensch verstanden hat und sich jetzt krampfhaft abstrampelt, wieder normal zu erscheinen.“

Lacher im Saal, als die Laudatorin Sieglinde Geisel diese Stelle aus Bacharevics Roman „Europas Hunde“ vorträgt. Sie macht deutlich, dass das hochkomplexe 750-Seiten-Buch in Teilen ein Märchen, in anderen Teilen auch eine Dystopie erzähle, die im Jahr 2033 spielt. Just dann nämlich, so der Plot, wird Belarus vom Russischen Reich geschluckt. Und muss verrecken „wie ein Hund“, wie Josef K. am Ende von Kafkas Roman „Der Prozess“. Vielleicht, so Bacharevic in seiner Dankesrede, habe die belarussischen Behörden schlicht das Wort Europa im Titel von „Europas Hunde“ erschreckt. Denn die letzte gedruckte Auflage des Buches sei an der litauisch-belarussischen Grenze beschlagnahmt und vernichtet worden. „Die Europaphobie des Regimes in Belarus ist wirklich pathologisch. Sie haben so große Angst davor, Europa zu sein, als wäre dies ein Verbrechen. Als wäre es eine Infektion, die an der Grenze gestoppt werden muss.“

„Märchen leben lange. News nur eine Stunde“

Dann spricht Bacharevic, der seine Rede auf Deutsch hält, noch ein paar Sätze über den Schriftsteller als Seismografen. „Wahre Literatur versucht, die Realität in drei Dimensionen zugleich zu sehen. Sie spricht gleichzeitig mit denjenigen, die waren, mit denjenigen, die da sind, und mit denjenigen, die noch kommen. Mit Menschen der Vergangenheit, Menschen der Gegenwart, Menschen der Zukunft. Deshalb muss der Schriftsteller historisch denken können. Er muss die ersten Warnsignale erkennen, die Gefahr sehen, lange bevor die Katastrophe eintritt.“

Zu guter Letzt lässt Bacharevic die Leipziger Festgemeinde noch wissen, dass der moderne Mensch immer weniger Lust auf die „Komplexität und Polyfonie“ des Romanlesens habe – um gleichwohl ein Loblied auf die Literatur zu singen. Denn, so Bacharevic, vielleicht könne überhaupt nur das Märchen das Menschsein erhalten: „Märchen verleihen dem Schmerz Sinn. Märchen leben lange. News nur eine Stunde. Ein Buch wird immer für die Zukunft geschrieben, eine Nachricht nur für den Moment.“

Da klatschen selbst die Literaturfunktionäre, die sich ein Motto wie „Wörter bewegen Welten“ ausgedacht haben.

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