Wenn man ganz ehrlich ist, hat man es sich ja schon öfter gewünscht. Dass da, wenn die Familie wieder mal zusammengekommen ist zu Muttis Achtzigstem, Opas Beerdigung oder einfach zum Christfest, nach dem Spaziergang im Wald ein Mann im Wohnzimmersessel hockt, eine Flinte auf dem Schoß, und die schwer zu beantwortende Frage stellt, wen er denn nun zuerst erschießen soll.

Die Frage stellt Bill Murray als Mafia-Killer Loftie in Dito Montiels Familienthrillerkomödie „Riff Raff“. Und abgesehen davon, dass man sich möglicherweise von niemandem derart gern umnieten lassen würde wie von Bill Murray, fällt die Antwort im Fall der Familie von Lofties ehemaligem Kollegen Vincent, der Loftie nun gegenübersitzt, relativ leicht: Egal.

Schlimm sind sie irgendwie alle. Wobei. Vielleicht sollte Murray auch vor Montiel nicht Halt machen. Und nicht vor John Pollono. Der hat nämlich das Drehbuch geschrieben.

Vielleicht verfahren wir mit der Erzählung dieses Desasters (das nicht der Rede wert wäre, wenn nicht jeder der Namen auf dem Poster für sich allein schon den Erwerb eines Kinotickets wert wäre – von der Papierform her jedenfalls), wie Montiel es mit seiner Geschichte tut. Irgendwie unordentlich. So lang und langsam, wie Montiel können wir leider nicht arbeiten. Dafür fehlt hier der Platz und leider auch die Zeit.

Zurück zum Plot. Vincent (Ed Harris) führt ein beschauliches Leben, seit er die ziemlich vermögende, jüngere und schwarze Sandy (Gabrielle Union) geheiratet hat. Er ist im Ruhestand. Sie lieben die Abgeschiedenheit. Was Vincent vor seiner Rente wirklich getan hat, weiß Sandy nicht.

Es geht auf Silvester zu. Der Wald von Maine, in den sich Sandys Wochenendvilla (nachhaltiges Holz, Glas, ein Enkelschüler von Frank Lloyd Wright könnte es für Ikea entworfen haben) kuschelt, fröstelt leicht. Alles liegt bereit fürs Familienfest. Ein bisschen Feuerwerk, Grillgut.

Blut sickert in den Waldboden

Da landen mit röchelndem Motor und der bis zur Bewusstlosigkeit betrunkenen Mutter Ruth (die „White Lotus“-Schickse Jennifer Coolidge) im Fond Vincents ältester Sohn Rocco (der „Top Gun Maverick“-Held Lewis Pullman) und dessen hochschwangere Freundin Marina an. Natürlich nicht um Silvester zu feiern (wir sind hier schließlich in einer Art Ableitung von Thomas Vinterbergs „Festen“), sondern um alte Rechnungen zu begleichen.

Und weil sie auf der Flucht sind. Vor Loftie und vor Lennie. Die haben beide ganz schrecklich einen an der Klatsche und Probleme mit der Impulskontrolle, weswegen man sich ihnen besser nicht in den Weg stellt. Was beispielsweise ein fürchterlich besorgtes Bürgerpaar in „Riff Raff“ tut, das Leftie auf der Suche nach Rocco derart aufdringlich hilft, dass man es wegen seiner hochgradigen Beflissenheit auch selbst umnieten möchte (was Lennie dann erfreulicherweise tut).

Rocco hat – aber das müssten wir jetzt in einem Rückblick erzählen, von denen es in „Riff Raff“ sogar noch mehr gibt als Logik- und Continuity-Fehler – den Sohn eines Mafia-Granden erledigt (der einzigen wirklich gefährlichen Figur in diesem Film, der mehr Knallchargen hat als ein Silvestertischfeuerwerk im Altenheim Knallbonbons). Rocco hat das für seine Familie getan, die er noch gar nicht hat. Und weil er ein besserer Vater sein will, als es Vincent je für ihn war.

Man möchte ihm ein Taschentuch reichen. Oder einen Therapeuten bezahlen. Das müsste man, wenn es einen finanziell nicht überfordern und „Riff Raff“ obsolet machen würde, im Prinzip mit allen tun, deren Blut am Ende in den Wald von Maine sickert.

„Riff Raff“ ist trauriger, als er lustig ist, und lustiger, als er traurig ist. Ein apokryphes Projekt der Coen-Brüder könnte so aussehen oder eins von Tarantino. Wenn Montiels Kammerspiel, das auch noch aussieht, als hätte es mindestens zwei Jahrzehnte in der Schublade gelegen, sich für einen Oscar empfehlen würde, dann für den in Schauspielerressourcenverschwendung. Den gibt es aber leider nicht.

Dustin Hoffman hätte übrigens statt Bill Murray dasitzen sollen und fragen, wen er denn nun zuerst erledigen soll. Aber dann hätte er „Hoffman“ rufen müssen. Das zumindest ist ihm und uns erspart geblieben.

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