Finanzverbrechen zu erklären ist etwas schwieriger als, sagen wir, einen Banküberfall oder einen Mord aus Eifersucht. Dr. Bernd Hausner kann ganz gut erzählen, wie so ein Finanzverbrechen aussieht. Zum Beispiel die mittlerweile berüchtigten Cum-Ex-Deals, unberechtigte Steuerrückzahlungen an Banken. Hausner war mal in der Finanzbehörde eine große Nummer, jetzt ist er es in einer Kanzlei für Steuerrecht in Frankfurt am Main.
Der Trick gehe so, erklärt Hausner (Justus von Dohnányi) seinen Kollegen, als wenn man mit einer Pfandflasche vor einem Pfandflaschenautomaten stehe und plötzlich stehe man mit zwei Pfandbons da, die man einlösen könne an der Kasse. Der Bon, das ist die Kapitalertragssteuer, die zu Unrecht doppelt ausgezahlt wird. Und der Supermarkt, das sei der Staat, sagt Hausner.
Ist das denn legal, fragt da Hausners Chef. Absolut, sagt Hausner, zu hundert Prozent. Die verdoppelte Flasche, das sei ein sogenannter Leerverkauf. Und der sei erlaubt. Da tritt ein junger, sichtlich nervöser junger Mann in dem Raum voll mit Anwälten vor, er fragt, wie man denn die Gewinne abschöpfen könne, das sei doch ein Problem.
Fortan ist der junge Mann, Sven Lebert (Nils Strunk), Hausners partner in crime. Bis dieser ihn fast überholt in der Skrupellosigkeit, den Staat und damit die Steuerzahler mit Finanztricks zu verhöhnen – und um Milliarden zu betrügen. Denn mit dem Staat, das sagt Hausner im Brustton der Überzeugung, da müsse man kein Mitleid haben.
Die achtteilige Fernsehserie „Die Affäre Cum-Ex“ erzählt eine fiktionalisierte Form der tatsächlichen Finanzverbrechen, die unter diesem Namen bekannt wurden. Der „größte Steuerraub der Geschichte“, in den Banken und kriminelle Drahtzieher auf der ganzen Welt verwickelt waren. „Inspiriert“ von echten Geschehnissen, heißt es im Intro, und dann noch: „Leider“.
Der Erfinder der Serie ist der Regisseur Jan Schomburg, der mit Astrid Øye und Pål Sletaune auch das Drehbuch geschrieben hat. Beteiligt sind die Produktionsfirmen X-Filme, True Content und Epo-Film in Kooperation mit dem ZDF und dem Dänischen Rundfunk. Eingeflossen sind die Recherchen der Journalisten Oliver Schröm, Christian Salewski, Niels Fastrup und Thomas G. Svaneborg. Die Riege der vorwiegend deutschen und dänischen Schaupieler spielt durchweg sehr gut, besonders eindrücklich ist die Leistung von Nils Strunk, der auch Mitglied im Ensemble des Wiener Burgtheaters ist.
Parallel zur deutschen Geschichte um Hausner und Lebert und ihrer späteren Gegenspielerin, der Staatsanwältin Lena Birkwald (Lisa Wagner), wird die Entwicklung der Steuerbetrügereien in Dänemark erzählt. Die Finanzbeamtin Inger Brøgger (Karen-Lise Mynster) versucht, gegen den Widerstand auch aus dem Ministerium, ein Gesetz durchzubringen, dass diese Form des Steuerbetrugs künftig ausschließt.
An die ständigen Sprünge zwischen den Orten muss man sich erst gewöhnen, weil die Handschrift der beiden Erzählstränge etwas anders ist. Was der Sache letztlich dient – es geht um dieselben Machenschaften, nur eben in anderen Konstellationen. Die Erkenntnisse gleichen sich aber: „Ich höre mich an wie eine Sozialistin, dabei bin ich eine Konservative“, seufzt Inger Brøgger. „Jetzt klinge ich schon wie ein Sozi, dabei bin ich ein gestandener CDU-Mann seit 38 Jahren“, sagt der nordrhein-westfälische Finanzminister.
Erst zum Ende verbinden sich die Erzählstränge, die Hauptpersonen begegnen sich allerdings nie – mit Ausnahme eines Masterminds in London namens Syed Akram (Waj Ali), der sowohl Geschäfte mit Hausner und Lebert macht als auch mit den Dänen. Akram ist die Hauptfigur, die die Zuschauer als erstes und als letztes in dieser Serie sehen, er liegt nackt auf der Kühlerhaube eines seiner Luxusautos, der Motor läuft. Was zeigen soll, um was es hier letztlich geht: um Geld und darum, sich zu spüren. Und am Ende sind wir alle nackt. Bisschen platt vielleicht, aber warum eigentlich nicht? Tiefere Beweggründe als die Vergrößerung von Reichtum gibt’s bei solchen Betrügereien nicht.
Für sehr viele Personen gibt es reale Vorbilder. Der einzige Name, der im echten Leben wie im fiktiven Spiel übereinstimmt, ist der von Olaf Scholz (als Figur gibt es Scholz aus guten Gründen aber nicht). Der echte SPD-Politiker hatte sich in seiner Zeit als Hamburger Bürgermeister dreimal mit dem Banker Christian Olearius getroffen, dessen Privatbank M.M.Warburg ebenfalls Cum-Ex-Geschäfte gemacht hatte, die aufgeflogen waren. Was die Frage aufwarf, ob es eine politische Einflussnahme im Fall Warburg gab.
Denn eigentlich hatte die Hamburger Finanzbehörde die ergaunerten Beträge in dreistelliger Millionenhöhe zurückfordern wollen. Doch Ende 2016 verzichtete sie plötzlich darauf – aber warum? Könnte Scholz eine Rolle gespielt haben? Der gab später an, sich nicht an die Gespräche erinnern zu können.
In der Serie heißt die Bank Kargus. Als die Treffen von Scholz mit dem Banker von recherchierenden Medien veröffentlicht werden, fragt die Finanzbeamtin Nicole Frahmers (Stefanie Reinsperger) den Journalisten Fromm (Fabian Hinrichs): „Kommt Scholz da heil raus?“ Er antwortet: „Niemals, außer er hat eine Haut aus Teflon.“ Es kam bekanntlich anders, Scholz wurde Bundesfinanzminister und dann Bundeskanzler.
Die Serie will eine Antwort auf die Frage entwickeln, warum die nachweisbaren Vorwürfe jahrelang folgenlos blieben? Weil die Finanzbehörden in Deutschland, Dänemark und anderswo zu wenige Mitarbeiter haben? Weil die Politik zu wenig unternommen hat? Oder weil die Öffentlichkeit gegenüber den Enthüllungen größtenteils gleichgültig bleibt, wie der Journalist Fromm in einem Anflug eines fassungslosen Fatalismus annimmt?
Auch einfachere Wahrheiten werden in die Serie eingestreut. Etwa: Echte Liebe braucht kein Geld. Ehrlichkeit währt am längsten. Junge unbestechliche Frauen braucht das Land. Mutige Journalisten ebenfalls. Es gibt Leute, die nicht viel Geld haben, und trotzdem nicht bestechlich sind. (Es wäre allerdings durchaus schön gewesen, auch Leute zu zeigen, die Geld haben, sich aber anständig verhalten.)
In „Die Affäre Cum-Ex“ gibt es Dialoge im Finanzsprech, die man ohne Vorkenntnisse nicht versteht (dafür gibt es eine begleitende Dokumentation von Thomas Kufus). Aber getragen wird die Geschichte natürlich nicht von illegalen Finanzflüssen, sondern von Menschen und deren Hinter- und Abgründen. Hier gibt es eine Eltern-Kind-Geschichte, die nicht aufgearbeitet wurde, hier eine Liebesgeschichte, dort die Leidenschaft für das Beobachten von Vögeln oder Schlüsselerlebnisse in Bhutan.
Manchmal scheint die Erzählung kurz in Satire umkippen zu wollen, wenn etwa Hausner sich über das fehlende Unrechtsbewusstsein anderer Leute empört. Beim ZDF ist die Serie seltsamerweise auch als Comedy-Drama ausgeflaggt. Das passt nicht recht. Absurd und grotesk ist es zwar schon, was da abgezogen wurde. Aber lustig eben nicht – nicht mal als Serie. Es scheint, dass überhaupt erst mal Verständnis geschaffen werden muss für solche Verbrechen, bevor man sich über sie lustig machen kann.
146 Milliarden Euro, so groß war der Betrug am Ende, sagen Experten. Man merkt der Serie an, dass sie diese unvorstellbar große Summe als Ansporn genommen hat, um so groß und komplex zu werden wie der eigentliche Fall. Das führt zu zwischenzeitlichen Ermüdungserscheinungen.
Was dann letztlich ins Ziel trägt, ist die moralische Empörung der Macher, die sich über die Figuren aufs Publikum übertragen soll. In einer der ersten Folgen erklärt Sven Lebert seinen Eltern, die von wenig Geld auf dem Land leben, seine Geschäfte seien kein Betrug. Denn: „In der Finanzwelt ist das alles anders.“ Wenn sich dieser Satz als Mythos in Luft auflöst, hat sich das Zuschauen schon gelohnt.
„Die Affäre Cum-Ex“ ist ab sofort im Streamingportal des ZDF zu sehen. Im linearen Fernsehen läuft die erste von acht Folgen am Sonntag, 13. April 2025, um 22.15 Uhr.
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