Nach drei Stunden und einem fulminanten Finale fühlt man sich wie nach einem Abend mit einer richtig guten Serie. Dass man dabei an „Babylon Berlin“ denkt, liegt schon an der Epoche. Mit seiner Dresdner Inszenierung von Hans Falladas „Bauern, Bonzen und Bomben“ entführt Tom Kühnel die Zuschauer in die Abgründe der 1920er-Jahre. Es geht um protestierende Bauern, brutale Polizei, verfilzte Politik und korrupte Presse. Ein grelles Sittengemälde wie „Stützen der Gesellschaft“ von George Grosz. Das begeisterte Premierenpublikum dürfte auf der Bühne auch Konflikte von heute entdeckt haben. So lange ist es noch nicht her, dass wütende Bauern vorm Brandenburger Tor standen.
Der Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ erschien 1931 und wurde schnell ein Riesenerfolg. Hans Fallada verarbeitete darin seine eigenen Erfahrungen als Journalist, unter anderem bei der Prozessberichterstattung gegen die Landvolkbewegung. Aus Wut und Verzweiflung, weil von Steuern und der Weltmarktkonkurrenz erdrückt, schlossen sich die Bauern unter der schwarzen Fahne mit weißem Pflug und blutrotem Schwert zusammen, nicht zufällig die Farben des alten Kaiserreichs. Aufrufe zum Steuerboykott mischten sich mit Verwünschungen gegen die „Judenrepublik“, ein giftiges ideologisches Gebräu. Die Landvolkbewegung verübte außerdem zahlreiche Bombenanschläge.
Holger Hübner verkörpert den Anführer der Bauern, ein Mann alten Schlags mit strengem Ehrenkodex. Wer bei der Zwangsversteigerung für die Ochsen bietet, werde geächtet, erklärt er ohne Umschweife. Man hält zusammen. Fackeln in der Hand, ein Strohballen herbeigerollt, so lehrt man den Beamten das Fürchten, die ihnen das Vieh nehmen wollen. Der zufällig anwesende Tredup (Jakob Fließ), ein armes Würstchen, das mitten in der Wirtschaftskrise für die chronisch klamme Lokalzeitung Anzeigen einwerben muss, fotografiert die Szene. Gutes Material für einen Erpressungsversuch, weil den Bauern der Prozess gemacht wird, nur niemand weiß, welche dabei waren.
Die Szene vom Anfang nimmt das gesamte Geschehen vorweg: Der Anzeigenwerber Tredup ist den Bauern oder ihrem Anliegen nicht feindlich eingestellt. Doch unterm Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit, von Existenzsorgen zermürbt, sieht er in der Situation nur den Vorteil, den er daraus schlagen könnte. Zudem zu Hause die Frau mit zwei Kindern hockt, ein drittes ist womöglich unterwegs. Er kann es sich bei Strafe des Untergangs schlicht nicht erlauben, die Lage nicht auszunutzen, auch wenn er die Folgen, die auch ihn zerstören werden, nicht einmal ansatzweise abzuschätzen vermag.
Mit größter Präzision schildert Fallada den alltäglichen Verrat an Kants kategorischem Imperativ: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Bei Fallada behandeln sich die Menschen ausschließlich als bloße Mittel, die Menschheit wird mit Füßen getreten. Das stahlharte Gehäuse ökonomischer Zwänge lässt den Einzelnen keine Wahl. Um auszubrechen, müsste man sich zusammentun, doch auch das verhindert die anarchistische Konkurrenz mickrigster Interessen.
Fallada zerstört den Mythos, die Weimarer Republik wäre allein von den politischen Extremen zerstört worden. Bei ihm kommen die Nazis und die Kommunisten nur im Hintergrund vor. Was er zeigt, ist die sogenannte Mitte der Gesellschaft, die sich selbst kannibalisiert. Er zeigt eine Welt, die an ihrem innersten Prinzip zugrunde geht, dem endlosen Hauen und Stechen. Er zeigt, wie ganze Klassen der Gesellschaft – wie die Bauern – ins Unglück gestürzt werden. Fallada zeigt das alles, schonungslos. Er wirft einen Blick in den Maschinenraum des Politischen. Schön sieht’s da nicht gerade aus.
Der Stoff ist auch deswegen so umwerfend, weil die Schilderung der unerbittlichen Logik des Sozialen für Fallada wichtiger war als politische Vorlieben oder Etiketten. Die Bauern sind gewiss keine linksliberalen Posterboys und auch die von Betty Freudenberg hervorragend gespielte Bürgermeisterin ist kein besserer Mensch, nur weil auf ihrem Schreibtisch das Fähnchen der Sozialdemokratie weht. Und selbst der Polizeichef Frerksen (Viktor Trümmel) bekommt keinen Antidiskriminierungsbonus für seine Klassenherkunft von ganz unten, sondern ist, wie der zynische Journalist Stuff (Raiko Küster) sagt, ein Schwein wie alle anderen auch. Willkommen im Schweinesystem.
In seiner preisgekrönten Verfilmung von 1973 brauchte Egon Monk noch fast 8 Stunden für die knapp über 650 Seiten Romanhandlung. Kühnel zieht das Tempo an, er orientiert sich an den Sehgewohnheiten des 21. Jahrhunderts, nicht der alten Bundesrepublik: Fallada goes Netflix. Das ist spannend und unterhaltsam, zudem Jo Schramm beim Bühnenbild und Ulrike Gutbrod bei den Kostümen keinen Aufwand scheuen, um einen atmosphärischen Zauber zu erzeugen. Da fahren ein Traktor und eine chromverzierte Limousine um den Baum in der Bühnenmitte, das Feuer brennt und die Windmaschine wird angeworfen. Das ist alles so gut gemacht, dass man einfach gerne zuschaut.
Doch ohne das fantastische Ensemble wären selbst die schönsten Kostüme und Bühnenzutaten wertlos. Die Schauspieler – neben den bereits erwähnten noch Leonie Hämer, Ahmad Mesgarha und Jonas Holupirek, jeweils in mehreren Rollen – sind wie entfesselt. Jede Figur wirkt als Verkörperung eines sozialen Milieus und hat trotzdem noch etwas, was sie auch als Charakter interessant macht, ein gelungener Spagat. Unter den vielen düsteren Wirtschaftskrisenromanen der Zwischenkriegszeit, von Fallada über Erich Kästner bis Marieluise Fleißer, die zurzeit auf die Theaterbühne drängen, sollte man „Bauern, Bonzen und Bomben“ in Dresden nicht verpassen.
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