Kannst du einmal kurz ruhig sein“, schreit der Mann. Das geschieht nach gut einer Stunde im neuen Schwarzwälder „Tatort“. Und er hat ja so recht. Kommt aber ein Bisschen spät damit. Denn geschrien wird in „Die große Angst“ von Beginn an. Und nur der Wald – der in jeder Szene zu sehen ist und so gar nichts für das kann, was da passiert – ruht und schweigt.
Es ist heiß im Schwarzwald. In einer Gondel explodiert die Stimmung. Die Gondel steht natürlich für unsere Gegenwartsgesellschaft. Alle stehen dicht gedrängt darin. Einer sagt: „Schau mal, da hinten sieht man die Waldbrände.“ Alles schwitzt. Die Luft wird dünn. Eine Schwangere dreht durch, weil jemand sich geweigert hat, das Fenster zu öffnen. Immer wieder hat er es zugeschlagen. Irgendwann dann drischt die Schwangere mit dem Notfallhammer auf ihn ein. Dann liegt der Mann tot am Boden.
Ein numinoser Typ liegt da in seinem Blut. Man hat nie sein Gesicht gesehen. Erfährt nicht, wie er heißt, wer er war. Er spielt keine Rolle. „Die große Angst“ geht mit einiger Sicherheit in die „Tatort“-Geschichte ein als Ermittlung mit dem geringsten Opfer-Interesse. Man will eigentlich sofort den „Weißen Ring“ anrufen.
Nina heißt die Frau, Sven heißt ihr Freund. Sie trägt ein Kind unter ihrem Herzen und einen Tumor im Kopf. Beides ist ihrem Aggressionsverhalten nicht förderlich. Die beiden fliehen. Durch den schweigenden Wald. In eine Klinik. Statt nun aber – die Hitze hat in diesem „Tatort“ wirklich verheerende Folgen für die Verstandeskraft eines jeden Schwarzwälders, dessen man ansichtig wird – zu bleiben, abzuwarten, wie das jeder Angehöriger einer Hochschwangeren tun würde, fliehen die beiden mit viel zu wenig Wasser und noch geringeren Aussichten in den Wald.
Die Hügel hinauf, durch unwegsames Gelände abseits aller Straßen. Es dauert nicht lang, und man möchte Sven, der auf der Flucht erst einmal alle Optionen durchdenken will, statt sich zu stellen, wegen psychischer Gewalt verhaften lassen.
Brandbeschleuniger für Beziehungen
Überhaupt will man ständig eingreifen. Man kann gar nicht ruhig sitzenbleiben beim Zusehen. Absichtsvoll und leider ziemlich durchsichtig lässt Regisseurin Christina Ebelt alles eskalieren. In regelmäßigen Abständen kippt sie Brandbeschleuniger in die ausgetrockneten Beziehungen zwischen den Menschen.
Was den Touristen die Gondel ist den Kommissaren dabei ihr Kraftfahrzeug. Zwischen Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) kocht das Kompetenzgerangel hoch, das in den vergangenen Fällen immer schon mal für Missstimmung im prinzipiell friedlichen Freiburg gesorgt hatte. Es geht um die künftige Kommissariatsleitung.
Dem Friedemann vor allem – die Franziska ist die Vernünftige auf verlorenem Posten – brennen die Sicherungen durch, weswegen er völlig vergisst, dass es so etwas wie eine Unschuldsvermutung gibt, an die sich Vertreter des Rechtsstaats eigentlich halten sollten. Zumindest, wenn sie sich nicht gemein machen wollen mit jenen, die irgendwann im Verlauf dieser steigenden Fieberkurve von Geschichte und angefeuert von den Medien aller Art, sich als Mob zusammenrotten und im Wald eine Art Haberfeldtreiben veranstalten.
Man möchte ihn ständig zur Seite nehmen. Beruhigen. Eingreifen. Aber das hatten wir ja schon. Christina Ebelt – „Die große Angst“ ist ihr erster „Tatort“ – will das nicht. Sie will es schreien und brennen lassen im Schwarzwald. Sie kennt sich damit aus. Sie erzählt gern – unter anderem während ihres Studiums an der Kunsthochschule für Medien in Köln schon im Kinofilm „Gegenüber“ mit dem Regisseur Jan Bonny, dem deutschen Meister der psychologisch feinmotorisierten Bürgertumsimplosion – vom Einzug der Gewalt in scheinbar zivilisierte Zusammenhänge.
Es wird immer finsterer im Schwarzwald. Schüsse fallen. Jemand wird getroffen. Leider jedoch geht einen das ziemlich schnell nichts mehr an. Weil man es schon verstanden hat und nachhaltig verstimmt ist. Und zu was Ruhigem umschaltet. Und sich was Kaltes aus dem Kühlschrank holt. Und lieber an was Schönes denkt. Oder doch noch einmal an den Toten in der Gondel. Der niemanden interessiert hat. Eigentlich ist das verheerend.
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