Es gab mal eine Zeit, da war das Fernsehen auch jenseits der Mord- und Totschlagfilme beinahe ausschließlich was für Zyniker. Oder für solche, die es werden wollten. Für Leute jedenfalls, die von Menschen immer nur das Schlechteste dachten. Und das dann bestätigt bekamen. Dass der Mensch des Menschen Wolf ist zum Beispiel.

Wo das Grauen ist, scheint allerdings allmählich auch das Rettende zu wachsen. Wie ein stilles Echo auf die Explosionen der allgegenwärtigen Disruption gibt es eine, zugegeben, noch zarte Entwicklung hin zu einer ganz anderen Erzählung. Zu Geschichten, die einen geneigt machen, nicht alle Hoffnung auf den Fortbestand des Menschen als prinzipiell empathisches Wesen fahren zu lassen.

Die dänische Dystopie-Serie „Families Like Ours – Nur mit Euch“ zum Beispiel, eine Art erzählerischer Klimafolgenforschung. In ihr zeigt der „Dogma“-Miterfinder Thomas Vinterberg zwar in aller Schärfe, was jedem von uns drohen könnte, sollte der Klimawandel eskalieren. Vinterberg führt aber eben auch vor, welches Trost-Potenzial jeder von uns in sich hat. Ein Elendsbericht vom Untergang der Menschlichkeit in Krisenzeiten jedenfalls, zu dem Vinterbergs Plot im Prinzip auch getaugt hätte und die sein Mehrteiler möglicherweise vor ein paar Jahren noch geworden wäre, hätte anders ausgesehen.

Ein Elendsbericht wäre mit einiger Sicherheit vor ein paar Jahren auch ein Ausflug in ein anderes vermeintliches Katastrophengebiet menschlicher Existenzen geworden: nach Marzahn. In Berlins größte Großsiedlung, Inbegriff des seelenlosen Bürgerstapelns, einer Verwahranstalt prekärer Existenzen, der Platte und des Graus. Irgendwas Schmutziges wäre dabei herausgekommen, mit Drogen und Hass auf alles.

Vor malträtierten Füßen

Da steht jetzt die Schauspielerin Jördis Triebel, die ist in Marzahn aufgewachsen. Sie zieht eine weiße Uniform an und wird zu Kathi Grabowski, die einmal Schriftstellerin war. So geht die Geschichte von „Marzahn mon amour“ los, die wiederum auf den Geschichten der Marzahner Schriftstellerin und Dramaturgin Katja Oskamp beruht, die ein veritabler Bestseller waren. Jetzt stellt sich Kathi vom Kopf auf die Füße (man muss sich im Zusammenhang mit „Marzahn mon amour“ vor allzu vielen Metaphern über die unteren Extremitäten hüten) und heuert – angetan mit besagter weißer Uniform – in der „Beauty Oase Marzahn“ an.

Es ist Sommer. Es ist heiß. Menschen, die sehr viel mehr Leben hinter als vor sich haben, legen sich auf Kathis Liege. Die badet Füße, schneidet Nägel, hobelt Hornhaut ab. Aber darum geht es nicht. Auf ein paar der Einblendungen der mehr oder weniger malträtierten Gehwerkzeuge, die allesamt tatsächlich jenen wunderbaren alten Ost-Schauspielern gehören, die sich im Fußbad abwechseln, das Jördis Triebel ihnen liebevoll hinhält, hätte man vielleicht verzichten können. Auf ihre Geschichten nicht– auf keine von ihnen.

Kathi Grabowski verwandelt den Beautysalon in eine Art Beichtstuhl. Sie nehmen Platz, ihre Kunden, die niemals nur Kunden sind. Und Kathi sitzt da und staunt und hört zu (niemandem sieht man beim Zuhören übrigens so gern zu wie Jördis Triebel). Und sie trägt allmählich alles ab. Ihre eigenen Vorurteile und die Hornhaut über den Seelen der Menschen vor ihr, die keiner sieht, wie Kathi sich in ihrer gerade gescheiterten Beziehung zu Heiko, dem Vater ihrer pubertierenden Tochter Lilly, nicht gesehen gefühlt hat.

Bei Kathi werden sie alles los und entdecken sich wieder selbst. Für sich und gegenüber allen. Der alte Blockwart Schimke zum Beispiel (Hermann Beyer). Ein abgehalfterter SED-Bonze von gewaltiger Hagestolzhaftigkeit, den man nach spätestens zwei Minuten mit der Nagelschere foltern möchte. Was voreilig wäre. Ganz allmählich öffnet sich der Alte mit all seinen Widersprüchen, entpuppt sich. Aus dem Popanz schlüpft eine eigentlich ganz kleine, aber prinzipiell liebenswerte Wurst.

Immer hoch die alte Rübe

Schrille Schmetterlinge flattern vorbei wie die Frau Baumüller (dargestellt von der wunderbaren Eva Weißenborn), Mütter und Töchter finden sich, Männer lernen den aufrechten Gang. Es wird herrlich berlinert. Und man nimmt Weisheiten mit, die man nie mehr missen möchte – dass Alleinsein Freiheit ist, weil man da mit offener Klotür pinkeln kann. Und Sätze, die einem helfen, den Stolz zu bewahren, wenn man mal ins Alter von Herrn Schimke oder Frau Baumüller gekommen ist: „Ist das Wetter noch so trübe, immer hoch die alte Rübe.“

Am Ende sieht man die Leute in der Straßenbahn mit anderen Augen. Hat man alle doch sehr lieb. Und ganz Marzahn sowieso. Dessen Panorama, dessen vielfarbiges Soziotop setzt Regisseurin Clara Zoe My-Linh von Arnim, die neue deutsche Meisterin in der Verwandlung von Klischees in lebendige Figuren und Geschichten, immer wieder mit kleinen Seitenblicken, Miniaturen, Szenen von Menschen mit Hunden und vor Imbissbuden, Tanzenden, Schachspielern, wie ein Mosaik zusammen.

Das mit dem Liebhaben aller am Ende – und hier müssen wir noch mal auf das neue Fernsehen der Menschlichkeit eingehen – ging einem schon bei den „Zweiflers“ so, der Miniserie von Clara Zoe My-Linh von Arnim und David Hadda über eine jüdische Frankfurter Finanzmischpoke. Und in Oliver Bukowskis „Warten auf’n Bus“, einem ganz anderen Mehrteiler mit Felix Kramer und Ronald Zehrfeld als angehend abgehängten Endvierzigern, die sich an einem Wendehammer irgendwo im Brandenburgischen was erzählen, an dem immer wieder Jördis Triebel als Busfahrerin vorbeikommt.

Kurzgeschichtensammlungen über Menschen mit Narben, die sich um Kopf und Kragen quatschen. In deren Seele schonungslos und schön geschaut wird. Die einem nahekommen. Was man als angehender Zyniker erst mal aushalten muss. Aber ungemein zur Resilienzstärkung gegenüber der umsichgreifenden Hoffnungslosigkeit beiträgt.

„Marzahn mon amour“ ist in der Mediathek der ARD zu sehen.

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