Es ist das erste Mal seit Langem, dass Pamela Anderson wieder Make-up trägt. Alles andere wäre in einer Vegas-Show mit dem Namen „The Razzle Dazzle“ auch enttäuschend gewesen. Wer will schon in einen Film über Las Vegas ganz ohne Glitzer? In ihrer neuesten Rolle spielt Anderson die Tänzerin Shelley, deren Revue nach mehr als dreißig Jahren gestrichen wird. Längst nicht mehr so jung wie ihre Konkurrenz, versucht sie im Showgeschäft von vorn anzufangen.
„The Last Showgirl“ ist ein Werk aus der Coppola-Familie, diesmal von der Enkelin: Gia Coppola. In ihrer Art zu filmen erinnert sie in diesem Film oft an ihre Tante Sofia, die zuletzt in den Einstellungen für das Biopic „Priscilla“ auf präzise Sanftheit setzte. Auch Gia Coppola setzt auf sanfte Aufnahmen, allerdings mit wärmerem Licht. Selbst das kleine Appartement von Shelley strahlt mit Teppichen gedämpfte amerikanische Gemütlichkeit und alten Hollywood-Kitsch aus. Wenn sie in der Abendsonne tanzt und ihre Haare im Wind flirren, meint man beim Zuschauen warmen Asphalt zu riechen und fühlt sich so rundum wohlig, wie im Urlaub an einer kalifornischen Strandpromenade.
Gia Coppola hat eine Hommage an Frauen im Showgeschäft geschrieben, deren Jugend und damit Bühnen-Haltbarkeit abgelaufen ist. Als sexuell begehrenswert sieht man sie nicht mehr. Besonders eindrucksvoll inszeniert Coppola dieses Erlöschen in einer Tanzszene von Shelleys bester Freundin Annette, großartig gespielt von Jamie Lee Curtis. Annette hat Spielschulden und ihr Teint legt nahe, dass sie ihre Zeit abseits des Kellnerinnen-Jobs im Casino ausschließlich im Sonnenstudio verbringt. In einem Moment steigt sie selbstversunken auf einen Tisch und beginnt zu der 80er-Ballade „Total Eclipse of the Heart“ von Bonnie Tyler zu tanzen. Sie schließt die Augen, tanzt lasziv im bunten Casino-Licht, will sich schön fühlen. Doch womit sie früher ihr Geld verdient hat, damit macht sie sich heute lächerlich.
Des einen Traum
Charmant ist auch Coppolas Idee, die „Razzle Dazzle“-Show selbst zum Mysterium zu machen. Die Zuschauer bekommen nicht viel mehr als Nahaufnahmen von Gesichtern zu sehen, nie die Performance selbst. Shelley beschreibt die Show als ein Erlebnis von Macht und Schönheit und die Tänzerinnen als Botschafterinnen von Stil und Eleganz.
Das erzählt sie so schwärmend, dass selbst die für den Beruf vernachlässigte Tochter gewillt ist, sich die Show zum ersten Mal anzusehen. Nur, dass sie etwas anderes sieht: „Ich hätte gedacht, die Tänze seien schwieriger.“ Für sie ist es eine aufgeplusterte Peepshow. Das wirft die Frage auf, wer bestimmt, wann ein Traum dieser Bezeichnung würdig ist – und was man dafür opfern darf. Anhand eines Spezialfalls erzählt Coppola den universellen Schmerz des Alterns, irgendwann obsolet zu sein und von der nächsten Generation nicht mehr ernst genommen zu werden.
Für die Rolle des abgeschriebenen Showgirls hätte es keine passendere Besetzung als Pamela Anderson geben können. Sie spielt die Shelley mit offener Naivität, immer leicht überfordert von den Ansprüchen an sie. Natürlich schwingt darin auch die Parallele zu Andersons eigener Karriere als ehemaliges Sex-Symbol mit, das einen völligen Kontrollverlust über das eigene Image und den eigenen Körper durchlebt. Als in den 90er-Jahren ein Sextape von Anderson gestohlen und veröffentlicht wurde, kam es zu einer Schlammschlacht vor Gericht. Der Anwalt der Gegenseite hing im Gerichtssaal Poster von Anderson aus dem „Playboy“ auf: Wer sich so in der Öffentlichkeit zeige, dürfe sich über ein verbreitetes Sextape nicht beklagen, so das Argument. Mit ihrer Karriere ging es danach bergab.
Renaissance eines Sex-Symbols
Seit Kurzem erlebt Pamela Anderson eine Renaissance, begonnen mit der Netflix-Dokumentation „Pamela, a Lovestory“ (2023). Darin sieht man die Schauspielerin in Beige gehüllt im Garten beim Blumenschneiden. Anstelle des Sex-Symbols wird die Geschichte einer als Kind missbrauchten Frau erzählt, deren Anspruch auf Privatheit mit Bildern im „Playboy“ endete. Seitdem zeigt sich Anderson in der Öffentlichkeit meist ohne Make-up. Ansprüchen an Schönheit wolle sie nicht mehr gerecht werden, sagt sie. Wie schon Demi Moore in „The Substance“ sind die Leinwandheldinnen der 90er zurück, um sich am Sexismus ihrer Zeit zu rächen.
Gia Coppola ist mit „The Last Showgirl“ gleichzeitig eine Kritik und eine Liebesgeschichte ans Showgeschäft gelungen. Auch der Soundtrack erinnert an den Zauber und die Tragik des alten Hollywood. Einmal meint man die Stimme Judy Garlands zu hören, eines der tragischsten Show-Schicksale der 1930er- und 40er-Jahre. Doch so traurig ist „The Last Showgirl“ dann wieder nicht. Wie schon ihre Tante in „Lost in Translation“ schafft es Gia Coppola, die Schönheit in der Melancholie zu zeigen: die Freundschaften, die Atmosphäre und trotz allem: die Liebe zur Show.
Lena Karger schreibt im Feuilleton über Film, Comedy und Psychologie.
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