Ist es eigentlich antisemitisch, die böse Stiefmutter in „Schneewittchen“ mit einer Jüdin zu besetzen? In einer Szene der Neuverfilmung des Disney-Klassikers von 1937 vergiftet sie sogar einen Brunnen – ein Standard aus dem Repertoire des Judenhasses.
Seltsam, dass dieser Vorwurf noch von niemandem erhoben wurde – auch wenn er nicht ganz ernst gemeint ist, sondern eher die Absurdität der Anwürfe veranschaulichen soll. Eine regelrechte Kakofonie der Beschwerden drohte die Produktion des vermeintlich todsicheren Blockbusters zwischendurch zum Erliegen zu bringen: Zwerge heute noch als kleinwüchsige Höhlenbewohner zu zeigen, sei so was von over, befand „Game of Thrones“-Star Peter Dinklage schon vor drei Jahren, ehe die Dreharbeiten überhaupt begonnen hatten.
Dann meldeten sich ein paar Anhänger der reinen Märchen-Lehre auf den Plan: Schneewittchen mit der Latina Rachel Zegler zu besetzen, gehe gar nicht. Dabei wird sogar der engstirnigste Ku-Klux-Klan-Kuttenträger zugeben müssen, dass Zegler, die kolumbianische und polnische Wurzeln hat, der alten Zeichentrickfigur wie aus dem Gesicht geschnitten ist – und zudem von Szene zu Szene bleicher zu werden scheint, was allerdings auch daran liegen kann, dass ihr allmählich klar wird, in was für einem Quark sie hier mitspielt.
Spieglein, Spieglein, Spießerin!
Zuletzt beharkten sich Schneewittchen und böse Stiefmutter/Königin im echten Leben in der Gretchenfrage nach Gaza. Zegler twitterte Palästina-Unterstützung und forderte einen Waffenstillstand, ohne je die Geiseln zu erwähnen. Gadot hingegen ist stabil Team Israel. Auf dem roten Teppich der Filmpremiere, zu dem sicherheitshalber schon gar keine Journalisten mehr zugelassen waren, machten die beiden gute Miene zum bösen Spiel. Merke: Kolportierte 200 Millionen Dollar Budget sind auch bei tiefen Wunden ein wirksames Trostpflästerchen.
Die ganze Aufregung flaut schnell ab, wenn man das fertige Produkt sieht. Die Zwerge sind schlimme CGI-Zurichtungen, gegen die jedes fühlende Wesen opponieren muss, ganz egal, ob groß oder klein. Sie hausen überdies in keiner Höhle, sondern in einer Messie-Bude mitten im Mischwald, was offenbar als politisch korrekter gilt. Zum Glück ist Schneewittchen versiert im Gebrauch von Wischmopp und Reisigbesen, dafür hat das harte Stiefmutter-Regime im heimischen Märchenschloss gesorgt, und so blitzt bald alles auf eine Weise, dass nicht mal die ambitionierteste Tradwife noch einen Winkel zum Putzen fände.
Spieglein, Spieglein an der Wand, sag, wer ist die Spießigste im ganzen Land? Schneewittchen, du bist die Spießigste, gar keine Frage!
Allen feministischen Revolutionsbehauptungen zum Trotz trägt sie sogar das gleiche Kleid wie 1937, zwar in den Farben der Ukraine, aber das ist keine politische Botschaft, sondern bloß das Bekenntnis einer leidenschaftlichen Reaktionärin.
Zwischen allen Zwergenstühlen
„Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.“ Diese gewiefte Dialektik des Konservatismus formulierte einst Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der Autor des „Leoparden“, der ebenfalls gerade eine dubiose Neuverfilmung verschmerzen muss. Disney hat den guten Rat dummerweise in den lauen Frühlingswind geschlagen, in dem die vielen bunten Vögelchen aufs Allerliebste herumzwitschern. Die Änderungen, die Disney an „Schneewittchen“ vorgenommen hat, sind in Wahrheit bestenfalls kosmetischer Natur. Was irgendwie auch zu diesem Märchen passt, das auch als Verlängerung einer Douglas-Hautpflege-Werbung funktionieren würde. Nur soll man es dann auch zugeben und sich nicht so unentschieden zwischen alle Zwergenstühle setzen. Irgendwie will Disney gleichzeitig die alte Asche hüten und die Geschichte von Schneewittchen und den sieben Gleichstellungsbeauftragten erzählen.
Der Zeichentrick aus der Vorkriegszeit war der erste abendfüllende Spielfilm, den Disney je produzierte, und somit Grundstein des heutigen globalen Unterhaltungskonzerns, der sich längst alles einverleibt hat, was bei drei nicht auf dem Baum („Indiana Jones“), auf dem nächsten Planeten („Star Wars“) oder gleich im Nachbar-Universum war („Marvel“). Die Animation war damals so bezaubernd wie die Story. Es wurden Maßstäbe gesetzt, es wurde eine Legende geschaffen. Internationale Animationsgötter wie das japanische Studio Ghibli wären ohne Disneys ursprünglichen Schöpfungsakt kaum denkbar.
So ist es mindestens naseweis, wenn die Schneewittchen-Darstellerin Zegler die über ein knappes Jahrhundert gewachsene Fanbase mit der Einschätzung verprellt, der Film von 1937 sei „veraltet“. Das behauptete sie in Interviews und tat dafür so, als erfinde sich das Schneewittchen der Post-MeToo-Ära als feministische Ikone neu. Der alte Prinz sei ein „Stalker“, so Zegler, der in die Schranken gewiesen gehöre. So wurde der Mann in der aktuellen Fassung vorsorglich zum dahergelaufenen Banditen degradiert, damit ja keiner denkt, das Patriarchat feiere fröhliche Urständ.
Einer muss sie aber küssen
Trotzdem muss, nachdem Schneewittchen in den sauren Apfel gebissen hat und komatös wegsackt wie vom Rohypnol betäubt, sie ja irgendwer küssen. Denn ganz ohne vergiftetes Obst und todesähnlichen Schlaf geht es nun mal nicht. Zumindest der Apfel ist Markenkern. Der gläserne Sarg wird hingegen als verzichtbar eingestuft und durch einen Blumenbaldachin ersetzt. Und zwischen dem Einsatz der Biowaffe und der Auferweckung per züchtigem Kuss liegen nur noch gefühlte fünf Minuten, damit es nicht so aussieht, als sei die Wiederbelebung ein Big Deal.
Trotzdem lässt sich der Übergriff des Mannes nicht wegdiskutieren, da kann der Ex-Prinz noch so schluffig aus der Unterwäsche gucken. Für solche unerbetenen Schmatzer, wie er Schneewittchen einen aufdrückt, werden spanische Fußballfunktionäre verknackt. Doch statt die Polizei zu rufen, schauen die sieben Spanner-Zwerge bloß neidisch zu.
Dann ist Schneewittchen wieder wach und guckt so herzig, als wäre sie im falschen Disney-Film gelandet; wenn man kurz blinzelt, könnte man Zegler auch für Bambi halten. Selbst der Kerker im Schloss schaut aus, wie frisch von Schneewittchen gebohnert. Was Charme war, ist Plastik geworden. Die CGI-Zwerge sehen so schlimm aus, dass der ästhetisch sensible Zauberspiegel am Ende gar keine andere Wahl hat, als in tausend Stücke zu zerspringen. Die Musical-Nummern sind von derselben Süßlichkeit wie die vielen Kuchen, die Schneewittchens liebe Eltern ihren debilen Untertanen auftischen.
Adorno definierte Kitsch einmal als ranzige Kopie dessen, was früher einmal schön war. Insofern darf man die böse Königin als der Frankfurter Schule zugehörig betrachten. Sie will den ganzen Plunder loswerden. Als Zuschauer schlägt man sich auf ihre Seite. Doch leider geht das Märchen weder identitätspolitisch noch sonst wie avantgardistisch aus, sondern wie gehabt.
Währenddessen gibt es schon den ersten Spotify-Hit („Waiting on a Wish“, gesungen von Schneewittchen). In so harten Zeiten, wie wir sie gerade erleben, mag es schon sein, dass der brave Fantasy-Biedermeier mit woken Signalen seine eskapistischen Fans findet. Und doch ist dieses Schneewittchen so zahnlos, dass man den kräftigen Biss in den Apfel eigentlich nur mit dem mitleidigen Satz quittieren kann: Erzähl doch keine Märchen!
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