Sie war ein staksiges Mädchen aus Ost-Berlin mit einer unendlich traurigen Stimme. 1991 tat sie sich mit dem schwulen Peter Plate aus dem Westen zusammen. Gemeinsam wurden sie das gesamtdeutsche Duo Rosenstolz. Der ehrliche, auch ein wenig komische Name war Programm. Gemeinsam segelte man zu den Songsternen.
Er war hinter dem Keyboard stets der Nahbare, aber auch Verletzliche, immer wieder Ausgebrannte im Feinrippunterhemd. Sie, die geheimnisvolle AnNa R. (geborene Andrea Rosenbaum, verheiratet mit dem MTV-Videoregisseur Nilo Neuenhofen), war die Zarah Leander der deutschen Wiedervereinigung.
Seit 2012 freilich pausierte der Kult-Zweier, öfter schon auf freier Tourneefahrt wegen Plates Burn-outs ausgebremst. Gegenwärtig betreibt der überzeugte Musical-Fan mit seinem Kreativpartner Ulf Leo Sommer das Berliner Theater des Westens. AnNa R. gründete die Band Gleis 8, sang bei Silly mit. Aber es wurde stiller um sie und immer dunkler. Am 17. März 2025 wurde sie tot in ihrer Berliner Wohnung gefunden. AnNa R. wurde nur 55 Jahre alt.
Rosenstolz wurde erfolgreich mit „Mondän-Pop“
Es war jahrelang ein seltsamer Rosenstolz-Spagat. Ein Duo, das puren Randgruppen-Sound voller großer Gefühle lieferte, das seine Balladen mit minimalistischen Synthie-Loops untermalte, noch dazu in der damaligen No-Go-Sprache Deutsch sang. Verlacht oder belächelt von der Kritik, bewegte es sich in der Erfolgsspirale aber konsequent nur nach oben.
Seit sich die beiden auf der halben Treppe im Berliner Hinterhof getroffen hatten, gemeinsam Musik machten, die sie mochten, wurden sie so angefeindet wie von Anfang an geliebt. Denn vor allem die Schwulen trauten sich, Musik wieder auf Deutsch zu träumen. „Mondän-Pop“, so nannte man die von Melancholie durchpulste Rosenstolz-Melange aus Chanson und sanft treibendem Rock, den Berlins in den Nullerjahren regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ebenso wie Marianne Rosenberg mochte. Die in Verlorenheit schillernde, die Tragik der großen Primadonnen beschwörende Stimme der AnNa R., und dazu die manchmal gepresste Stimmlage ihres Begleiters, der sich meist mit der Songschreiberrolle zufriedengab – das empfanden Geschmacksrichter zwar als grässlich, aber es war konsequent. Im Duo bauten die beiden ihr Spektrum konsequent aus.
„Die Schlampen sind müde“, „Zucker“, „Kassengift“, „Liebe ist alles“, „Gib mir Sonne“ oder „Wir sind am Leben“, das waren irgendwie verlorene, trotzig schillernde Camp-Titel. Therapiemusik, Sedativum und Leitfaden für einsame Großstadtseelen. Ausgerechnet auf ihrem erfolgreichsten Album „Das große Leben“ (2006) hatte das allerdings einige Ecken und Kanten verloren.
AnNa R. konnte zwar immer besser singen als die meisten, hatte aber nicht mehr die Sprödigkeit und selbstzerstörerische Verlorenheit einer Nico in der Stimme. Sie sang weiter von Freundschaft und Liebe, vom Verlassenwerden und Alleinsein. Aber himmelstürmende Betroffenheitslyrik hatte geradliniger Prosa Platz gemacht. Wo früher der Kitsch geheimnisvoll geblieben war und die ausgestellten Gefühle vielleicht peinlich, zugleich aber anrührend schienen, blieben die Wonnen der Gewöhnlichkeit.
Der Lohn dafür: Rosenstolz rangierten mit dem zehnten Album ganz oben in den Charts, verkauften über eine Million Exemplare. Mit dem Album davor, „Herz“, hatte das Duo noch einmal die emotionale Parforcetour versucht, doch der endgültige Durchbruch bedeutete: Geschmacksdebatten über Rosenstolz ließen sich kaum noch führen. Man mochte sie oder nicht. Inzwischen waren sie eben Deutschland geworden.
„Chaos und Symmetrie“
2011 feierten sie, nach dreijähriger Pause, ihr 20-jähriges Jubiläum, die neue Single hieß trotzig „Wir sind am Leben“. AnNa R. und Peter Plate wurden für ihre Bemühungen im Kampf gegen Aids mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch dann kam am 19. Dezember 2012 ein erneuter Stopp, der das endgültige Aus bedeutete: „Wir haben viel miteinander geredet, gelacht und geweint und wir haben festgestellt, dass uns so viel verbindet und wir zusammen so viel erlebt und erreicht haben, dass es jetzt der schönste Moment ist, einander Raum zu geben. Genau dafür schenken wir uns nun gegenseitig Zeit und lassen für den Moment los.“ Der Augenblick wurde Ewigkeit.
„Wenn es jetzt losgeht“, versprach im Jahr 2018 ein letzter, noch unveröffentlichter Rosenstolz-Song. AnNa R. brachte 2023 ihr erstes eigenes Album „König:in“ heraus, ging auf Solotournee; auch diesen Herbst wollte sie neuerlich auftreten. Zuletzt sang sie (mit Plate und Sommer) „Ich tanz allein“, auch „Chaos & Symmetrie“ und „Augen zu“. Jetzt ist sie für immer verstummt. Die stolzen Rosen trauern. Doch als Berliner Schnodderschnauze, als moderne Hinterhofgöre, die so frühreif die Scala der Emotionen rauf und runter perlen konnte, wird AnNa R. als Stimme der Jahrtausendwende unvergessen bleiben: „Mach die Lichter an, ich geh in Flammen auf.“
Peter Plate hat ihr berührend nachgerufen: „Ich war hingerissen von deiner Stimme, von deiner Art zu singen, von deiner Gabe, jedes unserer Lieder in die schönsten Farben zu hüllen.“
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