Jedes Jahr, wenn sich der Berliner Winter vom Februar in den März zieht und die postsozialistischen Realitäten der Hauptstadt besonders ungeschönt hervortreten, überfällt mich eine Sehnsucht nach der Alten Welt. Ich meine damit jenen Teil Europas von der Elbe bis nach Lissabon, der von kommunistischem Gesellschaftsdesign verschont geblieben ist.
Die vergangene Bundestagswahl hat diese Sehnsucht noch verstärkt. Karten zeigen Berlin als eine Insel im blauen Meer der AfD, und auch in der Hauptstadt ist keine bürgerliche Partei stärkste Kraft geworden, sondern die Linke, immerhin die Nachfolgepartei der SED. Eines ihrer Plakate kündigte an: „Wir wollen den Reichen an den Kragen – weil es sonst niemand tut“.
Während ich überlegte, wem der Südschleswigsche Wählerverband an den Kragen gehen würde, sollte er die Wahl gewinnen, erklang wie ein Echo aus einer anderen Zeit die Stimme Tancredis in meinem Ohr: „Es muss sich alles ändern, damit alles so bleibt, wie es ist.“ Tancredi ist der Neffe des „Gattopardo“, des Leoparden, Held des gleichnamigen Romans von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, dessen Neuverfilmung als Miniserie derzeit auf Netflix zu sehen ist.
Tancredis Worte, das Credo des Konservativismus, klingen nach der Überlebensstrategie der Alten Welt. Doch die Stimmenverteilung nach der Bundestagswahl zeigt, dass auch östlich der Elbe die Veränderungen, die der Nationalsozialismus, der real existierende Sozialismus und die Wende mit ihren Wirren hervorgebracht haben, ebenfalls nur ältere Strukturen ans Licht gebracht haben. In diesen Strukturen ist die Mitte schwach, während sich Extreme unterschiedlichster Art unversöhnlich gegenüberstehen.
Kulturlandschaften auf dem Messegelände
Vielleicht gibt es keinen passenderen Ort, der Alten Welt zu begegnen als die Kunstmesse, die The European Fine Art Foundation (Tefaf) alljährlich in der niederländischen Stadt Maastricht veranstaltet. Als ich im vergangenen Jahr die Messe besuchte, hatte ich den Eindruck, dass die Besitzer der Schlösser und Villen alter Kulturlandschaften wie Limburg, Flandern, Geldern und Brabant ihren Wohnsitz mitsamt dem Inventar in das Messegebäude verlegt hatten.
Graumelierte Herren in feinem Zwirn und geföhnte Damen in teuren Foulards flanierten an Winterlandschaften von Pieter Brueghel und Blumenbildern von Ambrosius Bosschaert vorbei, während ich vor eine Darstellung des Heiligen Hieronymus in der Wüste trat, gemalt um 1437 von Bartolomeo di Tommaso in der Tradition der Schule von Siena. Ein Angestellter der französischen Galerie, die sich in der vornehmen Rue du Faubourg Saint-Honoré befindet, trat an mich heran und fragte, ob ich Alte Meister sammeln würde. Als ich um eine schlagkräftige Antwort rang, erinnerte ich mich an eine Passage im zweiten Band der Recherche von Marcel Proust. Im mondänen Badeort Balbec stößt der Erzähler auf die Marquise de Villeparisis, die verlautbart, dass sie Bilder nicht sammelt, sondern erbt.
Eine Reporterin des Deutschlandfunks, die von der Messe berichtete, war offenkundig ein Opfer des Stendhal-Syndroms geworden, einer Verstörung, die durch eine Überdosis an kulturellen Reizen hervorgerufen wird, wie sie der gleichnamige französische Schriftsteller auf seinem Besuch in Florenz erfahren musste, denn nur so kann ich mir die an Schnappatmung grenzende Aufregung erklären, mit der sie die Preise der teuersten Kunstwerke in ihrer Reportage aufzählte. Wie komplex die Zusammenhänge hinter diesen schnöden Zahlen sein können, erfuhr ich, als ich mich in eine nepalesische Statuette aus dem 14. Jahrhundert verliebte.
Wie kam die Statuette in den Westen?
Die Statuette stellte Vasudhara dar, ein göttliches Wesen aus dem Buddhismus, das mit Stabilität und Wohlstand in Verbindung gebracht wird. Die Eleganz dieser nur 17 Zentimeter hohen Figur, unter deren abgegriffener Vergoldung das Kupfer hervortrat, und der Reichtum an Details, mit denen der Schmuck des taillierten Körpers sowie die Attribute dargestellt wurden, die ihre sechs Arme schwenkten, verfolgten mich den ganzen Tag.
Ähnlich wie die Reporterin litt auch ich unterdessen an einer Überdosis „Alter Welt“. Die Tweedjacken, weinroten Cordhosen, Bandringe, Mondphasenuhren, Halstücher und Lederschuhe mit Bommeln wirkten plötzlich so unzeitgemäß wie die barocken Interieurs und Kostüme im „Gattopardo“, die im Widerspruch zu der Bruthitze des sizilianischen Sommers und den lose flatternden Leibchen der Rothemden Garibaldis standen.
Ich sehnte mich bereits nach meinem kargen Berlin zurück, als ich an den Stand der Galerie für ostasiatische Kunst zurückkehrte und die Vasudhara, einmal mehr, in meinen Händen hielt. Offensichtlich handelte es sich um ein religiöses Artefakt. Wie kam die Statuette in den Westen? Was hatte sie hier zu suchen?
Auf meine Frage nach ihrer Provenienz verwies der Galerist auf drei niederländische sowie eine belgische Sammlung. Dort sei die Vasudhara noch vor 1983 bekannt gewesen, doch davor verlöre sich ihre Spur im Dunkel der Geschichte. „Angesichts ihrer hervorragenden Qualität“, schrieb er mir später, „war die Vasudhara ganz sicher für einen buddhistischen Tempel oder ein Kloster gegossen worden. In den meisten solchen Fällen ist es schwierig bis unmöglich, die ganze Historie ans Tageslicht zu bringen. Dies umso mehr, als während der chinesischen Kulturrevolution über 6000 Klöster und Tempel in Tibet zerstört worden sind.“ So fiel der Schatten des Umsturzes auf die Vasudhara, und damit stellte sich auch die Frage nach dem Geheimnis der Überlebenskraft der Alten Welt.
In ihrem Buch „Warum Nationen scheitern“ vertreten Daron Acemoglu und James A. Robinson die These, dass der Wohlstand einer Nation von ihrer Fähigkeit abhängt, inklusive Institutionen zu schaffen, Institutionen also, die zentralisiert, rechtssicher und pluralistisch genug sind, um der breiten Bevölkerung die Teilnahme an wirtschaftlichen Aktivitäten zu gestatten, auch wenn dies bedeutet, dass bestehende Strukturen durch neue ersetzt werden.
Eine Karte blieb mir besonders in Erinnerung. Sie teilt Europa um das Jahr 1800 in zwei Hälften, in einer Hälfte ist die Leibeigenschaft aufgehoben worden, in der anderen nicht. Der erste Teil entspricht etwa der Alten Welt, jenem schmalen Band, das sich von den skandinavischen Monarchien über die Niederlande und Frankreich in die Schweiz zieht und von dort über die Alpen hinunter nach Sizilien; im Westen schauen Island, die britischen Inseln und Spanien mit Portugal auf den Atlantik und die Neue Welt.
Ich bin in Westdeutschland geboren, und es ist einem Glücksfall der Geschichte zu verdanken, dass Großbritannien, Frankreich und die USA die Grenzen der Alten Welt vom Rhein an die Elbe verschoben haben. Östlich davon beginnt das ehemalige Einflussgebiet der untergegangenen Sowjetunion, das sich auf eine frappierende Weise mit dem zweiten Teil der Karte deckt, in dem um 1800 die Leibeigenschaft noch bestand.
Acemoglu und Robinson bezeichnen Institutionen, die der Mehrheit der Bevölkerung die gesellschaftliche Teilhabe verwehren, um diese ausbeuten zu können, als extraktiv. Nationen, die über Generationen von extraktiven Institutionen beherrscht worden sind, haben gelernt, diesen zu misstrauen; sie suchen nach einer Alternative zur bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, weil sie jegliche Hoffnung in den Wind geschlagen haben, sich im Rahmen dieser Ordnung zu verbessern. Hinter dem blauen Meer der AfD verbirgt sich also diese ältere Geschichte.
Acemoglu und Robinson verweisen auf die Tatsache, dass Nationen wie Afghanistan, Haiti und Nepal, ein Land, das von Korruption und Kastenwesen gebeutelt wird, ihren Bürgern keine Stabilität und deswegen auch kaum wirtschaftliche Entwicklung hatten bieten können. Vasudhara, die mit Stabilität und Wohlstand in Verbindung gebracht wird, verkörpert wenig mehr als das Prinzip Hoffnung. 2024 erhalten Daron Acemoglu, James A. Robinson und Simon Johnson für ihre Theorie der Institutionen den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Im selben Jahr findet sich die Vasudhara in Maastricht wieder, wo sie die Bourgeoisie der Alten Welt neugierig zwischen den Fingern dreht und dazu, wie auf dem Gemälde eines Alten Meisters, tuschelnd die Köpfe zusammensteckt.
Der Autor ist Schriftsteller und Journalist. Sein jüngstes Buch „Der Tempel der magischen Tiere“ erzählt von drei Reisen zu Ureinwohnern, Geistern und Schamanen.
Auf der Messe Tefaf stellen 260 Händler Kunstwerke aus 7000 Jahren aus; sie läuft bis zum 20. März 2025 im niederländischen Maastricht.
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