Der Rest ist Schweigen, wie es anderswo bei Shakespeare heißt. Denn Puck, geschasst von seinem Meister Oberon für die angerichteten Liebesverwirrungen im Athener Wald, verkrümelt sich irgendwie im Dunkeln. Gespielt wird er – androgyn wie eigentlich immer bei dieser mutwilligen Fantasyfigur – von der non-binär zu lesenden Person Leroy Mokgatle.

Und die ist, auch das gehört zur Stücktradition, der Star der Show um Verliebte und Verrückte, Vernebelte und Verwirrte, so wie sie die Emotionen durcheinanderwirbelt, Neigungen verschiebt, die am Ende wieder geradegerückt werden müssen. Auf dass schließlich jedes antike Töpfchen sein amouröses Deckelchen finde und Feenkönigin Titania der eselsköpfige Handwerker Bottom erspart bleibt, in den sie sich dank Pucks Tränklein verguckt hat.

„A Midsummer Night’s Dream“ gehört zum Dramenkanon und hat seine vielfältigen Stoffvarianten in der Oper wie im Ballett gefunden. Schon 1850 hatte Joseph Mazilier in Paris mit seinem „Le Songe d’ une nuit d’été“ Erfolg. Hier und später auch bei Frederick Ashton, George Balanchine oder John Neumeier tummelten sich die Elfen und Naturgeister zu den Klängen der romantikwaldwebenden Bühnenmusik Felix Mendelssohns. Ein wenig zu nett und zu nostalgisch wirkt das heute schon, wo doch mehr in die Abgründe der Leidenschaft hinter nächtlichen Schatten zu blicken wäre.

So hat Christian Spuck in seiner zweiten Berliner Spielzeit als Chef des Staatsballetts für eine abendfüllende Handlungsballett-Uraufführung nebst neuer Partitur den schon lange im slowenischen Maribor arbeitenden Rumänen Edward Clug mit einer frischen Adaption des Shakespeare-Klassikers beauftragt.

Die vielgestaltige Musik, die sich ausführlich bei der Minimal Music bedient, sich mit gewaltig repetitivem Geklapper, Geklöppel, Geklingel, Gepfeife und Getrommel samt ausführlichen Soli für Klavier und Geige atmosphärisch bissfest und farbenreich oszillierend über zwei dramaturgisch geschickt gegliederte Stunden ausbreitet, wurde von Miklo Lazar erstellt. Das Orchester der Deutschen Oper unter Victorien Vanoosten spielt sie mit Gefühl und Tempo.

Schräger, verquerer, überraschender

Ähnlich geht auch Clug vor, der, anders als in Hits wie seinem „Peer Gynt“ oder dem Stuttgarter „Nussknacker“, hier choreografisch schräger, verquerer, überraschender arbeitet. Marko Japeli hat ihm dafür eine einfache Bühne gebaut: ein leicht gewelltes, gut auszuleuchtendes Halbrund, in dem ein mal als Felsen über dem Meer, mal als Rampe dienendes Gebilde kreiselt. Öffnet sich auf halber Höhe eine schmale Tür, dann ist dahinter das urwaldartige, üppige Grün zu ahnen. Vorne aber bleibt es kahl.

Edward Clug erzählt auch die oft weggelassene Szene am Strand zwischen Theseus und Hyppolita (wie stets als Doppelrolle mit Oberon und Titania gegeben). Cohen Aitchison-Dugas saust wie Strawinskys Apoll auf einem Surfbrett posierend herein, Weronika Frodyma liegt derweil auf dem Felsen, lässt sich aber schnell tänzerisch einwickeln. Dazu tanzen die Gefährten Reigen in griechisch anmutenden, von Vasen abgeschauten Posen. Das könnte parodistisch gemeint sein, man weiß es aber nicht. Und es wirkt dann doch sehr ernst genommen.

Geht es aber in den Wald, tauchen immer skurrilere Figuren in dieser Tanzmenagerie auf. Sich kringelnde Elfenbrigaden, vegetativ, ohne Gesichter, mit Armen, die in Blätter münden, lauter gefüllte Zucchiniblüten – das macht durchaus den diversen Naturszenarien im Friedrichstadtpalast Konkurrenz. Groteske Hirschkäfer, Gitterwanze, Schmetterling und Libelle, andere mit Schweineöhrchen und Samtsteiß; sogar eine Gottesanbeterin rollt herein.

Das alles ist anders, auch dunkler als sonst, aber nicht wirklich verdorben, versunken im Labyrinth der Leidenschaft. Dazu bleibt es zu überschaubar-brav, zu kühl-steril. Die vier Liebenden tändeln allzu spielerisch, aber hübsch choreografisch gestaltet. Die vom forschen Bottom Ross Martinson angeführten Handwerker haben ihren Pyramus-und-Thisbe-Verkleidungsspaß mit einer viel genutzten Massageliege, brauchen dafür aber zu viele Texteinblendungen.

Eine politisch korrekte Shakespeare-Ballettliebe von heute also, sportiv auf höchstem Gestaltungsniveau getanzt. Aber kein Abgrund, kein Nachtgesang, nichts über die wirklich böse-schillernde Seite der Liebe, die sich hier einst an einem von beiden Geschlechtern begehrten Lustknaben entzündet hatte. Hier bleibt letztlich doch jeder bei sich, keiner entfremdet sich. Nur der tolle Puck muss sich trollen.

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