Vor 15 Jahren erlebte die Bundeswehr in Afghanistan das schwerste Gefecht ihrer Geschichte. Das "Karfreitagsgefecht" war ein tiefer Einschnitt. Wie sieht die Aufarbeitung heute aus?
Mit einem heiklen Auftrag verlässt am 2. April 2010 die 1. Infanteriekompanie der Fallschirmjäger aus dem niedersächsischen Seedorf das geschützte Feldlager in Kundus. Die Deutschen sollen Minen auf der Zufahrt nach Isa Khel räumen - das vielleicht gefährlichste Dorf in einer der ohnehin gefährlichsten Regionen Afghanistans. Eine Überwachungsdrohne soll bei der Aufklärung helfen, stürzt aber in ein offenes Feld neben dem Dorf. Kein guter Ort, um Deckung oder Schutz zu finden. Trotzdem versuchen vier Mann, die Drohne zu bergen.
Auf so eine Gelegenheit haben die versteckten Talibankämpfer offenbar nur gewartet und eröffnen das Feuer. "Die wollten uns einfach nur erwischen und wollten uns eigentlich an diesem Tag komplett vernichten", erinnert sich Maik Mutschke, der damals schwer verletzt wurde.
Mutschke schafft es heraus aus dem Feuer, aus dem Feld. Aber dann zünden die Taliban einen Sprengsatz unter einem gepanzerten Dingo. Direkt neben Mutschke. Der muss mehrmals wiederbelebt werden, überlebt mit knapper Not. Eine Gesichtshälfte ist weggesprengt, er ist bis heute schwer gezeichnet. Aber kämpft sich ins Leben zurück. Andere schaffen das nicht. Drei Soldaten werden getötet und acht verletzt - nach insgesamt acht Stunden Gefecht. Andere werden schwer traumatisiert, kehren mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung heim.
Schwere Vorwürfe
Philip Pordzik kam seinen unter Beschuss stehenden Kameraden am Karfreitag mit seinem Charlie-Zug zu Hilfe. Und er meint bis heute: Das Gefecht hätte vermieden werden können. "Es sind viele Fehler passiert, weil viele Kräfte der Deutschen so was von kriegsgeil sind", sagt der damalige Zugführer, der meint, einige wollten sich damals zu Unrecht als Kriegshelden feiern lassen.
Schwere Vorwürfe, auch gegen den Führer des Zugs unter Feuer, Mario Kunert - der sich gegen die Kritik zur Wehr setzt, man habe bewusst das Gefecht gesucht: Der Auftrag lautete, die Minen zu räumen, und dann sei es anders gekommen als geplant, hält Kunert dagegen. "Ich weiß nicht, was wir anders hätten machen sollen. Ich habe versucht, einfach mit meinen Männern da wieder rauszukommen."
Ein vermeidbares Gefecht?
Heute ist klar: Anlass für die Minenräumung an diesem Karfreitag war eine geplante Aktion des Kommandos Spezialkräfte (KSK), bestätigten Beteiligte dem NDR. Man wollte einen hochrangigen Taliban-Führer in Isa Khel festnehmen. Die Aktion sei aber aus Sicherheitsgründen kurzfristig abgeblasen worden, so Afghanistan-Veteran Wolf Gregis, der gerade ein Buch über das Karfreitagsgefecht veröffentlicht hat.
Isa Khel sei schwer befestigt gewesen, "mit Munition, Verstecken, Laufgräben, Waffendepots, Häusern, die zur Verteidigung eingerichtet sind, nach allen Regeln der Kunst".
Doch warum wurde die Minenräumung trotzdem veranlasst? Und warum wagten sich die Fallschirmjäger nach Isa Khel vor - trotz eines eindeutigen Befehls? Vom damaligen Kommandeur Reinhardt Zudrop sei angeordnet worden, die Ortschaft nicht zu betreten, selbst unter Feuer, hat Gregis recherchiert. Auch Maik Mutschke ist inzwischen davon überzeugt, dass das Karfreitagsgefecht vermeidbar gewesen wäre.
Ein Tag des Innehaltens
Die Bundeswehr schweigt zu diesen Punkten bis heute, will nichts zum Auftrag des KSK und zur Auswertung des Gefechts sagen - "aus Gründen der militärischen Sicherheit", schreibt eine Sprecherin des Bundesverteidigungsministeriums auf NDR-Anfrage - fast vier Jahre nach Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. In der offiziellen Bundeswehrgeschichtsschreibung wird das Karfreitagsgefecht weiterhin als überraschender Hinterhalt dargestellt. Viele Beteiligte fordern dagegen Transparenz, Offenheit und eine längst überfällige Aufarbeitung - auch in Bezug auf mögliche Fehler.
Für die Hinterbliebenen der Getöteten, für die Verletzten, für die Traumatisierten, für alle, die damals in Afghanistan waren und für die Bundeswehr insgesamt ist der 2. April stets ein Tag des Innehaltens, des Gedenkens. Verblasst ist die Erinnerung keineswegs. Im Gegenteil: Die Teilnehmerzahl an Spenden- und Gedenkmärschen (sogenannten 15K3-Märschen) wächst beständig.
Militärische Lehren
Und auch wenn der Afghanistan-Einsatz mittlerweile Geschichte ist, die Bundeswehr die Ära der großen Auslandseinsätze vorerst hinter sich hat und der Fokus klar auf der Vermeidung eines Krieges mit Russland liegt - aus diesem Gefecht militärisch keine Lehren zu ziehen, wäre ein Fehler, mahnt Wolf Gregis: "Für den einzelnen Soldaten, der vorne liegt, macht es keinen Unterschied, ob es das Mündungsfeuer der Taliban oder eines russischen Soldaten ist", meint der Afghanistan-Veteran.
Nun ist aber auch klar: Bei einer Verteidigung der NATO-Ostflanke wäre weniger das Entschärfen von verbuddelten Sprengsätzen gefragt. Vielmehr kommt es darauf an, Lehren aus dem Krieg in der Ukraine zu ziehen, in dem etwa Drohnen eine dominierende Rolle spielen.
Außerdem sei nun wieder - anders als in Afghanistan - das Zusammenwirken von größeren gepanzerten Verbänden "gemeinsam mit der Luftwaffe, gemeinsam mit der Marine und der Cyberraum" gefragt, erklärt der ehemalige NATO-General und Afghanistan-Kommandeur Jörg Vollmer.
Trotzdem sei es wichtig, die Erkenntnisse aus dem Karfreitagsgefecht nicht in Schreibtischschubladen verschwinden zu lassen, sagen Soldatinnen und Soldaten. Immerhin hat die Politik ja zugesichert, Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz zu ziehen. Und das Karfreitagsgefecht ist zweifellos eines der psychologisch einschneidendsten Ereignisse dieses Krieges. Nicht nur für diejenigen, die an diesem schicksalhaften 2. April 2010 in Afghanistan waren.
Mehr dazu hören Sie im Podcast Killed in Action: Afghanistan - Mission ohne Ziel.
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