Claus Fleischer, heute werden E-Bikes häufig mit Bosch identifiziert, doch sie haben das Rad mit Elektromotor nicht erfunden. Das gab es bereits, vor allem in Asien waren E-Räder weitverbreitet. Wie ist Bosch auf die Idee gekommen, E-Bikes zu bauen?
Um das zu beantworten, müssen wir 17 Jahre zurückgehen. Das Jahr 2008 war geprägt von einer Bankenkrise, Wirtschaftskrise und auch einer Automobilkrise. Zu diesem Zeitpunkt haben wir uns bei Bosch gefragt: Was sind denn die großen Megatrends unserer Zeit? Und da waren wir schnell bei Aspekten wie Ressourcenknappheit, Emissionen, Umwelt, dem demografischen Wandel und dem weltweiten Trend zur Verstädterung. Daraus war klar abzuleiten, dass die Zukunft der Mobilität elektrisch und damit auf lange Sicht emissionsfrei sein wird.
Warum hat Bosch nicht gleich Autos gebaut?
Wenn man Fahrzeuge elektrisch betreiben will, braucht man eine Batterie. Batterien sind in der Regel groß und schwer, also macht es Sinn, erst mal kleine leichte Fahrzeuge zu elektrifizieren. Wir waren überzeugt, dass die Akzeptanz für die Elektromobilität dort schneller erreicht wird, wo die Batterien kleiner sind und Kunden mit einem akzeptablen Mehrpreis mehr Spaß und Nutzen am Fahren gewinnen. Die logische Reihenfolge zum damaligen Zeitpunkt stellte sich wie folgt dar: Elektrofahrrad, Elektromotorrad, kleines Elektroauto, großes Elektroauto.

Kaufberatung Motor-Power, Akku-Kapazität und die richtige Werkstatt: So finden Sie das passende E-Bike
von Gernot KramperDas E-Bike oder genauer das Pedelec ist so gesehen der logische Einstieg. Aber Sie sind nicht zuerst gekommen.
Nein, elektrische Fahrräder gab es bereits in den 90er- und 2000er-Jahren. Aber das Pedelec steckte noch in den Anfängen und war noch vor dem Durchbruch. Wir kannten die Lithium-Ionen-Batterie aus unseren Elektrowerkzeugen und als Zulieferer der Autoindustrie beherrschten wir die Themen Antriebstechnik, Elektronik, Sensorik, Software. Also lag es nahe, diese Kompetenzfelder zusammenzuführen und ein E-Bike-System zu entwickeln.
Sie sind einen eigenen Weg gegangen. Sie haben sich entschieden, keine kompletten Räder herzustellen.
Genau, wir haben uns bewusst dafür entschieden, Systemanbieter zu werden und der Fahrradbranche zu helfen, das Rad zu elektrifizieren. Unser Ansatz ist es, ein integriertes System aus einer Hand anzubieten – bestehend aus Antrieb, Batterie, Bedieneinheit, Display und Ladegerät. Der Hersteller kann dann aus unserem modularen Baukasten die optimale Lösung für sein Modell finden.
Das ist die Industrieseite. Sie haben auch Entwicklungshilfe geleistet bei der Serienproduktion. Aus Kundensicht sind Sie als erstes auf die Idee gekommen, das E-Bike sportlich zu machen.
Damals galt das Elektrofahrrad noch als Nischenprodukt, vor allem für Senioren – weit entfernt von einem sportlichen oder lifestyleorientierten Image. Wir waren überzeugt: Um mehr Menschen für das E-Bike zu begeistern, muss es attraktiver, sportlicher, jünger werden. Mit diesem Gedanken haben wir unsere Systeme entwickelt und kontinuierlich weiter verbessert – vor allem in Bezug auf Antriebsleistung, Reichweite, Batterietechnologie, Digitalisierung und Designintegration.
Da ist einiges passiert. Der erste Motor sah aus wie eine Kaffeemühle, die Akkus wurden einfach auf den Rahmen montiert.
Das war die Zeit bis etwa 2015/2016. Dann begann die Ära der Designintegration: Die Antriebe wurden nahtlos in den Rahmen integriert, die Batterien ins Unterrohr eingebettet. Diese Entwicklung hat das E-Bike optisch auf ein neues Niveau gehoben und es zu einem tollen Lifestyleprodukt gemacht.

Die Räder wurden auch immer mächtiger. Die Leistung begrenzt der Gesetzgeber, aber das Drehmoment nahm zu, die Batterien wurden stärker.
Mit der steigenden Nachfrage nach E-Bikes wurden auch mehr Antriebsleistung und mehr Reichweite nachgefragt, dadurch wurden die Räder aber auch schwerer und die Preispunkte stiegen. Zwischen 2020 bis 2022 erreichte diese Entwicklung einen Höhepunkt und eine natürliche Grenze: Mehr Reichweite und mehr Leistung braucht es nicht, um mit einem elektrifizierten Fahrrad unterwegs zu sein.
Lassen Sie uns über Preise sprechen. Die von Top-Modellen waren schon immer jenseits von Gut und Böse – auch bei Rädern ohne Elektroantrieb. Aber in den Covid Jahren haben auch die Preise für Trekkingräder stark angezogen. Jeder verdient gern, aber verliert man da nicht irgendwann große Kundengruppen?
Sie bekommen Elektrofahrräder im Fachhandel in einer großen Preisspanne. Von etwa 2500 bis über 10.000 Euro. Teilweise sind die mittleren Preise in den letzten Jahren über 3000 bis 4000 Euro gerutscht. Das kam durch eine hohe Zahlungsbereitschaft für mehr Antriebsleistung und mehr Reichweite.

E-Bike Elektrofahrräder für Einsteiger: So finden Sie das richtige
von Gunnar HerbstWenn E-Bikes so teuer geworden sind, erleben wir eine Bike-Inflation?
Nein, Sie bekommen deutlich mehr für Ihr Geld: Mehr Leistung, mehr Reichweite und mehr Fahrspaß. Unser erstes System von 2011 hatte 45 Newtonmeter und 288 Wattstunden. Heute sind wir bei 85 Newtonmeter und 800 Wattstunden, also die Newtonmeter verdoppelt und die Wattstunden verdreifacht. Die Räder sind aber nicht dreimal teurer geworden.
Was für ein mittlerer Preis ist Ihrer Meinung nach verträglich?
Wenn wir nicht über besonders ausgestattete Sporträder, sondern über Alltags-Pedelecs reden, denke ich an Preise um die 3000 Euro. Wenn wir sagen, dass das E-Bike auch einer breiteren Zielgruppe zugänglich sein soll, müssen wir schauen, dass diese Preispunkte nicht weiter nach oben wandern. Ein E-Bike muss bezahlbar bleiben.
Dafür muss man dann aber auch auf einiges verzichten, was technisch machbar wäre.
Vieles, was machbar ist, brauchen Sie als Alltagsfahrer nicht. Wattstunden und Newtonmeter treiben nicht nur den Preis, sondern auch Gewicht und auch die Folgekosten durch Verschleiß. Wenn Sie ein Fahrrad unter 20 Kilo wollen, dann reichen auch 50 Newtonmeter und 400 Wattstunden in der Stadt vollkommen.
Bei vielen innovativen Produkten erleben die Kunden, dass es schon nach wenigen Jahren Probleme mit Reparaturen und Ersatzteilen gibt. Auch bei teuren Dingen, wie E-Autos oder Wärmepumpen.
Wir legen unsere Systeme auf ein langes Leben aus. Das sind hochwertige Produkte und dann darf der Kunde auch Qualität, Zuverlässigkeit und einen guten Service erwarten. Wir testen beispielsweise unsere Akkus auf 20.000 Kilometer und 500 Vollladezyklen. Das ist mehr als die meisten E-Biker in der Nutzung erreichen, auch wenn die Akkus sogar für deutlich mehr ausgelegt sind. Hier in Stuttgart sehe ich heute noch mit Freude Elektrofahrräder mit unserer ersten Systemgeneration aus dem Jahr 2011. Und wir haben auch noch Ersatzteile dafür.
Trotz der Beliebtheit der E-Räder steckt die Branche in der Krise. Wie kommt es?
Um das zu verstehen, müssen wir auf die Zeit der Coronapandemie zurückblicken. Während der Lockdowns kam es zu massiven Lieferkettenunterbrechungen, besonders bei Rahmen, Kettenschaltungen, Bremsen und anderen mechanischen und elektronischen Komponenten aus Asien. Die Verfügbarkeit war stark eingeschränkt, sodass viele Hersteller größere Bestellungen aufgaben – in der Hoffnung, zumindest einen Teil der Ware zu erhalten. Dieses Ungleichgewicht hat langfristige Auswirkungen auf den Markt gehabt.

Erfahrungsbericht Von Lastenrad bis Mountainbike: Unsere Redakteure haben fünf Elektroräder für Sie getestet
von Cathrin WißmannDas hat sich gerächt und die jetzige Krise verursacht.
Richtig, Ende 2022 waren die Lieferketten wieder intakt, die Waren verfügbar und die bestellte Menge kam komplett an. 2023 und 2024 kam sehr viel Ware in das System, die Bestände bei Herstellern und im Handel stiegen stark an. Dazu kommt auf der Kundenseite eine Delle in der Nachfrage, weil in der Covid-Zeit so viele Räder gekauft wurden. 2024 und 2025 können wir von einer Marktkonsolidierung sprechen, bis sich das alles wieder beruhigt hat.
Jetzt die Frage: Wie geht es weiter?
Langfristig glauben wir an den Erfolg des E-Bikes und daran, dass der Markt wieder wächst. Inhaltlich spielen für uns die Themen Digitalisierung, Automatisierung und Sicherheit eine große Rolle. Durch die Batterie haben wir Energie am E-Bike, und wir haben Elektronik und damit Intelligenz an Bord – und dadurch ergeben sich eine Vielzahl an Möglichkeiten.
Das klassische Rad kam ohne Intelligenz aus. Was sind dies für neue Möglichkeiten?
Die Digitalisierung des E-Bikes, also der Bereich "Connectivity", macht das Fahrerlebnis individueller, komfortabler und sicherer. Sie können sich vor der Fahrt beispielsweise personalisierte Routenvorschläge erstellen lassen, die auf ihren bisherigen Fahrgewohnheiten basieren, und sich dann navigieren lassen. Oder sie können dank KI-gestützter Technologie festlegen, mit welchem Akku-Ladestand sie am Ziel ankommen möchten. Einmal im Quartal bieten wir neue digitale Features an, die sich die Kunden bequem über das Smartphone herunterladen können.
Durch die Vernetzung des E-Bikes ergeben sich aber auch neue Möglichkeiten im Bereich des Diebstahlschutzes: Wenn das E-Bike entwendet wird, kann ich in der App den Standort des E-Bikes verfolgen. Sie bekommen die GPS-Daten des E-Bikes übertragen – und die Polizei kann das Rad dann einfach finden.
Das Stichwort "Automatisierung" kommt beim Schalten ins Spiel. Unsere Lösung "eShift" hilft Ihnen dabei, immer im richtigen Gang zu sein. Sie stellen ihre gewünschte Tretkadenz ein und den Rest macht die Schaltung. Wenn man über Sicherheit spricht, wäre das ABS – also ein Antiblockiersystem.
Eine Elektronik, die verhindert, dass man das Rad so runterbremst, dass es abrupt stehen bleibt. Was beim Zweirad fast immer zu einem Sturz führt.
Unser erstes ABS haben wir 2018 eingeführt, 2022 dann unsere zweite Generation, die deutlich kleiner und kompakter und fast unsichtbar am E-Bike verbaut ist. Nun kommt ein sportliches ABS, das ABS PRO, für sportive Fahrer, die mit dem E-Mountainbike auf Trails unterwegs sind.
Wie erklären Sie den Erfolg des E-Rades beim Kunden?
Wir haben einen Vorteil: Die Menschen fahren gerne Fahrrad. Das Elektrofahrrad nimmt die Ausreden weg, kein Fahrrad zu fahren. Der Weg ist zu lang, zu weit, zu anstrengend, diese Ausreden sind weg. Wir bekommen durch den Elektroantrieb Menschen auf das Fahrrad, die sonst kein oder wenig Fahrrad fahren würden. Das E-Bike ist ein wichtiger Teil der nachhaltigen Mobilität. Die Innenstädte haben nach wie vor ein Verkehrsproblem und die Menschen haben gesehen, wenn die Infrastruktur stimmt, kann man mit dem Fahrrad sehr gut unterwegs sein. Das Elektrofahrrad ist an sich attraktiv, das braucht keine Nachhilfe. Die Frage ist nur, wie sind die Randbedingungen, wie sieht die Infrastruktur aus? Da würden wir uns freuen, wenn da politisch einfach mehr passiert.
Schlechte Radwege und viele Diebstähle können einem das Radfahren verleiden.
Das Fahrrad ist immer noch Opfer von Vandalismus und Diebstahl. Wenn wir uns als Gesellschaft die Mobilitätswende wünschen, dann braucht es zwei Dinge, vor allem in den Innenstädten: sicheres Fahren und sicheres Abstellen. Nur, wenn sie sich als E-Bike Fahrer sicher fühlen, wenn sie im Verkehr gut durchkommen und wenn sie wissen, dass ihr Fahrrad am Bahnhof oder beim Einkaufen oder bei der Arbeit auch hinterher noch da ist, werden sie es auch nutzen.
Verstehe ich Sie richtig: Von der Produktseite von den Herstellern her, ist das E-Bike inzwischen ausgereift, nur bei der Politik hapert es?
Ja, genau. Wir haben Nachholbedarf bei der Infrastruktur, also Radwege für sicheres Fahren und sichere Abstellmöglichkeiten. Das können wir als Hersteller nicht bereitstellen. Da ist die Politik gefordert.
- E-Bike
- Bosch
- Fahrrad
- Claus Fleischer
- Pedelec
- Elektrofahrrad
- Umwelt
- Elektromobilität
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke